Die Chronologie der Zürcher Gewaltexzesse

Die Ausschreitungen in der Nacht auf den Samstag haben in Zürich eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Seit die Polizei den 1. Mai im Griff hat, kommt es immer wieder zu «Überraschungs-Krawallen».


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Gewalt entlädt sich in Zürich immer wieder. Während bis 2008 vor allem am 1. Mai gewütet wurde, haben sich danach die Chaostage übers Jahr verteilt. Die Folge: Die Verhinderung von Exzessen ist für die Polizei schwerer planbar. Die Aufrufe der Krawallanten erfolgen kurzfristig und per SMS. In den letzten knapp fünf Jahren ist es zu sechs grösseren Gewaltausbrüchen gekommen – mit einem Höhepunkt im heissen Herbst 2011. Den Anfang dieser «Überraschungs-Krawalle» machte im Februar 2010 bereits eine «Reclaim the Street»(RTS)-Demo, die ausser Kontrolle geriet.

Wie die Grafik oben und die folgende Chronologie zeigt, hat die Polizei die sogenannten Nachdemonstrationen am 1. Mai seit etwa 2009 im Griff. Der Schwarze Block hat an Power verloren, grössere Ausschreitungen werden am Tag der Arbeit durch die Polizei verhindert. Gute Koordination zwischen der Stadt- und der Kantonspolizei sowie eine zurückhaltende, aber konsequente Taktik mit enormem Aufwand hat den Erfolg gebracht. Ist die Polizei aber nicht vorbereitet, kommt es schnell zu massiven Schäden und Verletzten.

In der Aufstellung nicht berücksichtigt sind die (zahlreichen) Gewaltorgien im Umfeld von Fussballspielen. Bis Mitte der Nullerjahre zogen auch Eishockeyspiele Krawallbrüder an. Im Gegensatz zum Fussball hat sich hier die Lage beruhigt.

1477: 1. «Saubannerzug»: Innerschweizer ziehen gegen Bern.

29. Juni 1968: Globus-Krawall.

30. Mai 1980: Opernhauskrawall. Es folgte ein heisser Sommer mit gewalttätigen Demonstrationen an jedem Wochenende. Sie münden in die Jugendunruhen, die bis 1982 dauerten. Insgesamt kam es zu rund 4000 Verhaftungen, 1000 Strafverfahren und Millionenschäden.

Anfang 1990er Jahre: 1. «Reclaim the Streets»-Demos in London gegen neue Strassenprojekte.

Mitte 1990er Jahre: Zürcher Nachdemos am 1. Mai werden gewalttätig.

1. Mai 1998: Massive Sachbeschädigungen.

1. Mai 1999: Relativ wenig Schäden.

1999: 1. «Reclaim the Streets»-Party (RTS) in Zürich.

1. Mai 2000: Das Sozialamt wird verwüstet.

27. Januar 2001: WEF-Krawalle in Zürich mit 1000 Teilnehmern, während die Zürcher Polizeikräfte den Bündnern in Davos aushelfen. Die Polizisten kommen per Helikopter zurück und verhaften 140 Personen. Es kommt zu massiven Schäden (700'000 Franken) und danach zum Streit zwischen der Stadt und dem Kanton Zürich. Die Stadt beklagt mangelnde Unterstützung durch die Kantonspolizei. Diese bestreitet dies heftig.

1. Mai 2001: Die Nachdemo wird eingekesselt. Erstmals kommt es zu den sogenannten «Secondo-Krawallen». Zudem sind im Langstrassenquartier Bürgerwehren, das Milieu und Rechtsradikale involviert. 313 Verhaftungen, 150‘000 Franken Sachschaden.

1. Februar 2002: 2. gewaltsame WEF-Demo, 300‘000 Franken Sachschaden.

1 . Mai 2002: Friedliche Nachdemo - und trotzdem Krawalle. 2000 Trittbrettfahrer verwickeln sich in Auseinandersetzungen mit der Polizei. Polizeivorsteherin Esther Maurer (SP) macht erneut die Secondos zum Thema. 213 Festnahmen.

1. Mai 2003: 77 Verhaftungen, der «Tages-Anzeiger» schreibt von einem «fast friedlichen 1.Mai» .

11. Oktober 2003: 1. gewalttätige RTS-Demo in Zürich. 1000 Teilnehmer ziehen von der Josefswiese über die Langstrasse in Richtung Lochergut. Auf der Kornhausbrücke knallt es erstmals, gewaltbereite Mitläufer missbrauchen die Demo für ihre Zwecke. in der Seebahnstrasse beendet die Polizei den Umzug mit Gummischrot und Tränengas. Der Sachschaden beträgt 80'000 Franken. 5 Personen werden verhaftet.

17. Oktober 2003: Friedliche RTS-Party beim Globus mit 200 Personen. Sie wollten nach den Ausschreitungen von der Vorwoche zeigen, dass es auch anders geht.

6. Januar 2004: Einen Tag nach der friedlicher Räumung von «Egocity» beim Bezirksgebäude kommt es doch noch zu Scharmützeln.

1. Mai 2004: Keine Nachdemo, aber Scharmützel: Schaden von 100'000 Franken. Stadt- und Kantonspolizei nehmen 257 Personen fest.

1. Mai 2005: Keine Nachdemo, kein Krawall, 12 Verhaftungen. Schiesserei im kurdisch-türkischen Milieu.

29. Juni 2005: «Shantytown». In der Tradition von RTS errichten 150 Aktivisten ein Barackendorf an der Sihl bei der Börse. Es bleibt friedlich, nach drei Tagen sind sie weg.

1. Mai 2006: Schwerste Krawalle. Esther Maurer spricht von «einem der allerschwersten Einsätze während meiner Amtszeit». Chaoten haben Bundespräsident Moritz Leuenberger (SP) vom Rednerpult in der Bäckeranlage vertrieben. Nur 48 Personen verhaftet.

1. September 2006: Erneut RTS in Zürich: Das Fassadendorf «Danslieue» wird beim Arboretum an der Seepromenade errichtet und nach drei Tagen abgebrochen. Es bleibt friedlich.

1. Mai 2007: 103 Verhaftungen, Sachschaden von 628'000 Franken. Der Einsatz der Stadtpolizei kostet die Stadt 855'000 Franken, dazu kommen noch die Kosten der Kantonspolizei. Nebenbei: Der BMW einer Sozialhilfebezügerin brennt, es kommt zum berühmten «BMW-Fall», Sozialvorsteherin Monika Stocker (Grüne) gerät unter Druck.

1. Mai 2008: Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Chaoten, hauptsächlich um den Helvetiaplatz und um die Langstrasse. Die Polizei reagierte mit Gummischrot und Wasserwerfern. Ein BMW-Fahrer fährt an der Dienerstrasse einen Mann über den Haufen. 301 Verhaftete (ein Drittel aus der Stadt), aber nur geringer Sachschaden.

4. Juli 2008: Grösster RTS-Anlass: Für «Brotäktschen» wird das alte Hardturmstadion gestürmt. An diesem warmen Sommer-Wochenende vergnügen sich 6000 Menschen drei Tage lang im Stadion. Es bleibt friedlich.

1. Mai 2009: Die Krawalle waren verglichen mit früheren Ausschreitungen weniger massiv: Es gab nur geringe Sachschäden. 83 Personen wurden verhaftet.

Anfang Dezember 2009: ca. 9. RTS-Party in Zürich. 300 Personen tanzen fröhlich unter der Hardbrücke, es kommt zu keinen Beschädigungen.

6. Februar 2010: Zweite Gewaltorgie rund um einen RTS-Anlass: Zwischen 500 und 1000 Menschen treffen sich zu einer Demo mit vier Soundmobiles, doch 50 bis 100 Mitglieder des Schwarzen Blocks entern den RTS-Zug. Der Umzug endete in einem Strassenkrawall und hinterlässt Schäden in der Höhe von mehreren Hunderttausend Franken. Esther Maurer versprich ein besseres Alarmierungssystem. Privatmann Richard Wolff ist mit beiden Söhnen dabei.

1. Mai 2010: Einigermassen friedlich, keine Gewaltexzesse, 353 Verhaftete (ein Siebtel aus der Stadt), erstmals Wegweisungen (269).

21. Januar 2011: Scharmützel um Albisgüetli-Tagung, Autonome greifen SVP-Nationalrat Hans Fehr an. 7 Verhaftungen.

1. Mai 2011: Potenzielle Krawallanten und viele Gaffer eingekesselt: keine Gewaltexzesse, aber rekordhohe 542 Festnahmen.

10. September 2011: Bellevue-Krawall: Racheaktion für polizeiliche Auflösung einer illegalen Party unter der Duttweilerbrück am 16. Juli. Über 1000 junge Personen fordern Freiräume, nach einem SMS von RTS artet es aus: Tränengas, fliegende Bierflaschen, Scherben, acht verletzte Polizisten, 2 Verhaftungen. Sachschaden: 100'000 Franken.

16. September 2011: In der Nacht auf Samstag wird aus einer illegalen Party mit etwa 200 Teilnehmern am Helvetiaplatz eine Demo von Linksextremen, die rasch aufgelöst wird. Am Samstagnachmittag stören gut 200 Linksextreme eine christliche Anti-Abtreibungs-Kundgebung.

17. September 2011: «Nach-Krawalle» am Central: Noch grössere Ausschreitungen als am Bellevue vor Wochenfrist. Während der zweistündigen Strassenschlacht wurden Barrikaden errichtet und angezündet, Autos umgeworfen, Schäden von 200‘000 Franken verursacht - und 91 Personen verhaftet (zwei Drittel nicht aus Zürich). Die Polizei war vorbereitet. Danach stellt sie Bilder von 15 Personen ins Netz (11 werden identifiziert). FDP-Fraktionschef Roger Tognella fordert Einsatz der Armee.

24. September 2011: Die Nachrichtenagentur SDA meldet: Keine Randale in Zürich. Viele hatten eine drittes Gewaltwochenende erwartet.

2. Oktober 2011: «Schande von Zürich» im Letzigrund: Spielabbruch nach Petardenwurf.

1 .Mai 2012: Einigermassen friedlich, 57 Verhaftete, 20‘000 Ballone an der Langstrasse.

18. August 2012: «Facebook-Party» am linken Seebecken: Unbewilligte Party beim Arboretum mit 400 Jugendlichen artet in einen gewalttätigen Krawall aus, den die Stadtpolizei mit einem Grosseinsatz auflöst. Dabei wird ein Polizist verletzt, zwei junge Männer werden verhaftet.

27. Oktober 2012: 150 Linksautonome wollen vom Güterbahnhof in die Innenstadt ziehen und werfen Steine und Feuerwerkskörper – der Sabannerzug wird mit Trüänengas unterbunden, die Polizei war bereit.

2. März 2013: Dreistündige Binz-Krawalle mit 2000 Personen in den Kreisen 3 und 4 und anschliessender Razzia der Polizei im besetzten Areal. Bilanz: Bei Plünderungen (Bäckerei Buchmann an der Uetlibergstrasse, Coop am Manessehof und der Coop-Pronto-Laden an der Langstrasse) sind Waren im Wert von 75'000 Franken weggekommen. Der Gesamtschaden liegt bei 1,035 Million Franken, 217 Anzeigen sind eingegangen. Verhaftet wurde niemand.

1. Mai 2013: Recht friedlich, 51 Verhaftete. AL-Vertreter Richard Wolff seit anderthalb Wochen gewählt, die Polizeikosten betragen 1 Million; Kunstaktion Bury the Jambo, 15‘000 Papierflieger an der Langstrasse.

25. Mai 2013: Randale in Bern mit 61 Verhafteten. Auch Zürcher Autonome mischen kräftig mit («Binz bliibt»-Tags, Tranparent «Binz», 4 Zürcher Verhaftete). Berner Behörden sprechen von Krawalltourismus. In der Schweiz werden rund 500 Personen der gewaltbereiten Politszene zugeordnet - davon 200 bis 300 aus dem Kanton Zürich.

10. August 2013: An der Street-Parade werden erstmals Laserpointer gegen Polizisten eingesetzt.

21. September 2013: «Tanz Dich frei»-Demo in Winterthur: Strassenschlacht mit Verletzen auf beiden Seiten, ein Polizist verliert das Gehör in einem Ohr, eine Demonstrantin ein Auge. 35 Aktivisten werden aufgrund von Filmaufnahmen ausfindig gemacht und verzeigt.

12. Oktober 2013: Friedliche «Nachdemo» gegen Polizeieinsatz am «Tanz Dich frei»-Anlass in Winterthur.

1. Mai 2014: Friedlich, 15 Verhaftungen.

12. Dezember 2014: Plünder- und Zerstörungszug im Namen von RTS, 200 Chaoten, 1 Million Schaden, 4 Verhaftungen, 7 verletzte Polizisten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.12.2014, 18:31 Uhr

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