Die City ist nicht meine Stadt

Ein Umzug aus dem Kreis 5 in die Greencity in der Manegg zeigt: Der Städter muss sich erst an den Stadtrand gewöhnen.

Noch wirkt das Quartier etwas trist: Die Zürcher Greencity.

Noch wirkt das Quartier etwas trist: Die Zürcher Greencity. Bild: Samuel Schalch

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32 Jahre lang, von 1985 bis 2017, habe ich in der gleichen Wohnung im Kreis 5 mitten in Zürich gelebt. Vor ein paar Wochen bin ich umgezogen. Gezwungenermassen, weil mir wie allen anderen Hausbewohnern gekündigt wurde. Das Mehrfamilienhaus wird ab kommendem Frühjahr totalsaniert.

Nun wohne ich am Stadtrand, in der Greencity in Zürich-Süd. Die Beweggründe für den Umzug hierher sind ein Mix aus Überzeugung, Neugier und fehlenden Alternativen. Ich bewohne eine Genossenschaftswohnung, was ich wollte, eine Trabantensiedlung, die meine Neugier weckte, und lebe an der Peripherie der Quartiere, die für mich als Wohnort überhaupt infrage kamen. Diverse Bewerbungen für zentraler gelegene Wohnungen im Laufe von mehr als einem Jahr blieben erfolglos.

Im Kreis 5 liegen 17 Bahngleise und die Langstrassen-Unterführung, vor dem Haus an der Röntgenstrasse, in dem ich wohnte. In der Greencity gibt es das eine Gleis der Sihltalbahn, die mitten in der Siedlung an der Station Manegg hält – eingerahmt von zwei Barrieren. Wie früher auf dem Dorfe. Wer die Siedlung verlassen will, sei es zu Fuss, mit dem Rad, dem ÖV oder einem motorisierten Vehikel, muss eine der Barrieren passieren. Wir Bewohner sind also eine Gated Community. Bewacht von elektronischen Barrierewärtern, unterworfen dem Fahrplan der Sihltalbahn.

Zentral gesteuerte Heizung

Die Greencity ist sozusagen eine Pioniersiedlung, erbaut (und weiter im Bau) in der Wildnis einer Industriebrache, zwischen Bahn und Autobahn. Das «Grün» im Namen bezieht sich mehr auf ihre inneren als ihre äusseren Werte. Sie ist nach den Prinzipien der 2000-Watt-Gesellschaft erstellt worden. Die Umwelt möglichst wenig belasten sollten ihre Bewohner also, die verwendete Energie ist erneuerbar, und mit ihr soll man sparsam umgehen. Damit das so ist, wird die Heizung zentral gesteuert; am Thermostat ist nur eine Feinregulierung möglich. 20 Grad Raumtemperatur sind das Maximum, 17 Grad das Minimum. Das Problem: Mein Schlafzimmer wird im Winter nicht so kühl, wie ich mir das wünsche und gewohnt war.

Der Minergie-P-Eco-Standard bedeutet, dass die Gebäude besonders gut isoliert sind. Möglichst wenig Wärme soll verloren gehen. Optimal soll der Raum genutzt werden. Verdichtet, gradlinig und ohne Erker stehen die Blöcke da. Sieben Stockwerke hoch ist der, in dem ich wohne.

Wo bleibt die «Wertstoffsammelstelle»?

Die klobige Architektur erinnert mich an die Europaallee, die in den letzten Jahren zunehmend meinen Horizont dominierte, was ich im Gegensatz zu vielen meiner Besucher und Besucherinnen faszinierend fand. Vielleicht deshalb nahm es mich wunder, wie das Leben in einer derartigen Überbauung ist.

Fertig ist sie noch lange nicht. Dem Haus gegenüber wird gerade das Dach aufgesetzt, das dahinter ist ebenso im Rohbau, und für jenes hinter diesem haben die Bagger die Baugrube fertig ausgehoben. Auch die Infrastruktur ist noch nicht komplett. Um Büchsen und Flaschen zu entsorgen, muss man nach Leimbach oder Wollishofen, die Moränenhügel erklimmen. Das städtische Abfall- und Recyclingamt hat die Einrichtung einer «Wertstoffsammelstelle» auf Ende nächsten Jahres versprochen.

Ein Rundgang durch Greencity. Video: Tina Fassbind

Im Langstrassenquartier wird ja gerne gejammert, es werde von Konzernen und Quartierfremden in Beschlag genommen und generell vernachlässigt. In Wirklichkeit ist es nicht nur ein Recyclingparadies, sondern auch ideal zum Einkaufen. Vor allem von Lebensmitteln. Gemüse vom Markt auf dem Helvetiaplatz. Frischen Fisch aus der Markthalle unter dem Viadukt. Kolonialwaren, wie man sie früher nannte, von indischen, tamilischen, thailändischen und türkischen Quartierläden. Mehrere Metzgereien, ein richtig guter Bäcker, eine Pasticceria, ein Kornladen. Was will man mehr?

Von der Greencity geht man über die Sihl nach Leimbach in die Quartier-Migros, die nicht mehr und nicht weniger ist, als sie vorgibt. In der gleichen, auch recht neuen 2000-Watt-Siedlung Sihlbogen verkauft die Bäckereikette Kuhn einen feinen, weil dichten Zopf und über Mittag Toggenburger Kebab.

45 Minuten Velo pro Tag

Für mehr muss ich weiter, in die Sihlcity mit ihrem grossen Coop oder in den Migros-Markt Brunaupark. Dort stelle ich fest, wie gut im Kreis 5 auch das Angebot der Migros am Limmatplatz ist.

Wenn ich im Langstrassenquartier aus dem Haus trat, war ich mitten unter den Leuten. In alle Himmelsrichtungen war etwas los. Wollte ich in den Viaduktmarkt, ging ich nach Westen. Zum Limmatplatz nach Norden, zum Bahnhof nach Osten, zum Fussballspielen in Wiedikon nach Süden. In der Greencity begreife ich, was die Wendung «in die Stadt gehen» bedeutet, über die ich mich früher wunderte, wenn sie jemand aus Schwamendingen oder Albisrieden verwendete. Ich wohne in der Stadt, bin aber nicht in der Stadt. In diese führt nur der eine lange Weg, zuerst zwischen Bahn und Autobahn. Und so fahre ich nun jeden Tag mindestens 45 Minuten statt wie früher 15 Minuten Velo, manchmal auch eineinhalb Stunden. Ob das gesund sei? Ich weiss nur, dass mein Bedarf an energiereicher Nahrung, insbesondere Süssigkeiten, gestiegen ist.

Leute fragen: «Hast du dich eingelebt?» Ich antworte: «Bin noch am Auspacken.» Was leider stimmt.

Doch ich fühle mich privilegiert, wenn ich entlang der Sihl die vielen Jogger in ihren hautengen Hightech-Klamotten mit ihren umgebundenen Messgeräten keuchen sehe. Leistung auch als Hobby. Ich bin in meinen Alltagskleidern unterwegs zu dem, was ich ohnehin tun muss, und will und brauche nicht mal einen Elektromotor, um vorwärtszukommen wie die E-Biker, die mich laufend überholen.

Und ruhig ist es hier draussen in der Greencity. Sogar dann, wenn ich mal nachts trotz Minergiestandard das Fenster öffne. Mit einem sanften Rauschen macht sich die nahe Autobahn bemerkbar. Kein Vergleich zum Lärm der nächtlichen Baustellen der SBB oder zum besoffenen Partyvolk an der Langstrasse. Die Ruhe ist eine nette Beigabe, nichts, was ich gesucht habe. Ebenso wenig übrigens das Wohnen nach 2000-Watt-Prinzipien; ob jemand anders oder ob ich weniger Energie verbrauche, ist dem Klima egal.

Vielleicht verbindet der Grill

«Hast du dich eingelebt?», fragen mich meine Freunde und Arbeitskolleginnen unentwegt. «Bin noch dran», sage ich jeweils, oder: «Bin noch am Auspacken.» Was leider stimmt.

Die Wohnung selbst? Sie ist neu, geräumig, und die Küche bietet viele Arbeitsflächen. Leider fehlen ihr das natürliche Licht und der weite Ausblick bis in die Natur, wie an den Gleisen im Kreis 5. Durch die Fenster sehe ich die grauen Fassaden der Greencity.

Und die Nachbarn? Sie sind freundlich und mehrheitlich jung und sehr jung. Es leben viele Familien mit Kindern hier. Mehr weiss ich nicht über sie. Meine Tochter ist erwachsen und somit kein Bindeglied zur Nachbarschaft mehr. Vielleicht kommt man sich im Sommer näher. Es gibt eine gemeinsame Dachterrasse. Und ich habe einen grünen Grill. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2017, 14:36 Uhr

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