Die City will ganz hoch hinaus

Eine achtstöckige Innenstadt: Das wünschen sich jene Zürcher, die dort leben. Die Bewohner der Aussenquartiere möchten dagegen die grüne Lockerheit ihrer Umgebung bewahren.

Neues Hochhaus an der Westtrasse: Die Zürcher mögen das – solange die Wohnungen darin nicht zu teuer sind.

Neues Hochhaus an der Westtrasse: Die Zürcher mögen das – solange die Wohnungen darin nicht zu teuer sind. Bild: Sabina Bobst

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Seit 17 Jahren verkünden Statistiker die gleiche Nachricht: Zürich wächst. 2013 bekam die Stadt 3800 zusätzliche Einwohner. Erstmals seit 1973 sind es wieder mehr als 400'000.

Was die Stadtzürcher vom steten Zustrom halten, hat das Stadtentwicklungsbüro Zimraum kürzlich in einer Umfrage untersucht. Die Meinungen scheiden sich an einer Art innerzürcherischem Stadt-Land-Graben. Dieser verläuft zwischen den eng bebauten Kreisen 1 bis 8 und den durchgrünten Aussenquartieren.

Es gilt: Je dörflicher Zürcher leben, desto stärker verspüren sie das Bedürfnis nach Bewahren.Bewohner der Aussenquartiere beurteilen bauliche Veränderungen eher skeptisch. «Sie lehnen eine Verstädterung nicht grundlegend ab, fürchten aber um die Qualitäten ihrer Umgebung», sagt Zimraum-Chefin Joëlle Zimmerli.

Zürcher, die in der Innenstadt wohnen, begrüssen dagegen neue, höhere Häuser und eine Verdichtung ihres Quartiers – mit dem Vorbehalt, dass das Wachstum nicht nur Büros oder teure, grosse Wohnungen hervorbringt. Diese Vorliebe entspreche einer urbanen Logik, sagt Zimmerli: «Eine gute Verdichtung verstärkt Eigenschaften, die Innenstädter schätzen. Sie macht die Stadt lebendiger und vielfältiger.»

Die Unterschiede zeigen sich auch bei der Frage, ob «möglichst viele Menschen in Zürich wohnen sollen». Diese bejahten 49 Prozent aller Befragten. 29 Prozent würden sie «eher mit Ja» beantworten. Innenstädter stehen dem Anliegen deutlich positiver gegenüber (61 Prozent Einverständnis) als die Bewohner der Aussenquartiere (38 Prozent).

Das Zentrum schrumpft

Seit Beginn des Wachstumsschubs legt Zürich vor allem an den Rändern zu, am stärksten im Kreis 11. Die Bevölkerung zentraler Quartiere wie Wipkingen, Sihlfeld, Langstrasse und Unterstrass schrumpft. Die dortigen Einwohner brauchen mehr Platz. Trotz vieler Neubauten ist deshalb nicht mehr Wohnraum für mehr Menschen entstanden.

Ihre Studie hinterfrage den bisherigen Umgang mit dem Bevölkerungsanstieg, sagt Joëlle Zimmerli. In den Aussenquartieren verärgerten neue, hohe Siedlungen oft die Nachbarn. Zudem seien bisher kaum neue Quartiere mit Zentrumsqualitäten entstanden. «Man erstellt fast ausschliesslich reine Wohnsiedlungen. Diese vermögen das Bedürfnis der Zuziehenden nach städtischem Wohnraum nicht zu stillen.»

Tendenziell verdörfliche Zürich seine Innenstadt und verstädtere die Ränder, sagt Zimmerli. Dabei sei es wichtig, die Qualitäten beider Räume zu erhalten.

Als Alternative soll sich die Innenstadt in die Höhe entwickeln. Bisher sind hier fünf Geschosse die Regel. «Brüche zwischen verschiedenen Höhen müssten bestehen bleiben. Aber an vielen Orten würde es acht Geschosse vertragen», sagt Zimmerli. Sie verweist auf europäische Grossstädte, wo ein solches Niveau üblich ist. Ein anderer Vergleich verdeutlicht Zürichs «Lockerheit». Die Innenstädte von Berlin oder London fassen zwei- bis dreimal so viele Bewohner wie die Randquartiere. In Zürich sind es lediglich 1,3-mal mehr.

Bei der Forderung nach einer stattlicheren Innenstadt kann sich Zimmerli wiederum auf ihre Studie abstützen. 77 Prozent der 1050 Befragten stimmten der Aussage zu, dass Aufstockungen mehr Wohnraum schaffen sollten. Nur 23 Prozent finden, dass es wuchtigere Bauten in Aussenquartieren braucht.

Stadt ist dagegen

Die Stadt lehnt Zimmerlis Ansinnen in seiner Absolutheit ab, sagt Urs Spinner, Sprecher des Hochbaudepartements: «Eine rücksichtslose Aufstockung ohne Einbezug der Topografie und bestehender Bebauungsstrukturen würde Zürich entwerten.» Sie erhöhte den Druck auf Pärke und den Verkehr. Zudem würden neue Schulhäuser nötig. Der Vorschlag ist laut Spinner auch sozial fragwürdig: Aufstockungen kosteten sehr viel, viele Besitzer würden lieber ganz neu bauen. «Dadurch ginge im Zentrum billiger Wohnraum verloren.»

Das bedeute jedoch nicht, dass man eine Verdichtung der Innenstadt verhindern wolle, sagt Spinner. Im Gegenteil. «In geeigneten Gebieten ist das mit der aktuellen sowie der neuen Bau- und Zonenordnung im grossem Stil möglich.» Spinner sieht die städtische Wachstumsstrategie durch Zimmerlis Umfrage unterstützt: «Das ist erfreulich.» Die Bevölkerung befürworte aber auch eine verantwortungsvolle Stadtplanung, die Rücksicht auf die gewachsenen Quartiere und deren Eigenheiten nehme. Gerade diese machten den Wert von Zürich und seiner Liegenschaften aus.

Für ihre Umfrage «Akzeptanz städtischer Dichte» hat Joëlle Zimmerli rund 4000 Fragebögen an Zürcherinnen und Zürcher verschickt, die sie nach repräsentativen Kriterien auswählte. 1050 der Angeschriebenen antworteten. Interessant sind auch folgende Resultate:

  • 26 Prozent der Angefragten wohnen am liebsten in der Innenstadt. 42 bevorzugen ein ruhiges Wohnquartier. 12 Prozent wünschen sich die Nähe zu einer S-Bahn-Station, 20 Prozent mögen ihre jetzige Wohnlage am besten.
  • 54 Prozent sagen, dass man künftig wieder in kleineren Wohnungen leben soll. Im Seefeld äusserten zwei Drittel der Befragten diesen Wunsch.
  • Wichtigstes Kriterium an einer Wohnung ist ein Balkon oder eine Dachterrasse. Auf Platz zwei und drei folgen Preis und Grösse. Ein hoher Ausbaustandard kommt an fünfter Stelle.
  • 83 Prozent stimmen der Aussage zu, dass in Zürich Wohnungsnot herrscht.
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2014, 07:38 Uhr

Der Kanton hat jetzt 1,42 Millionen Einwohner

Ende 2013 zählte der Kanton Zürich 1 421 895 Einwohner – so viele wie noch nie seit seiner Gründung. Die Bevölkerung ist 2013 um rund 16 000 Menschen gewachsen, was der Bevölkerung einer Stadt wie Illnau-Effretikon entspricht. Der Anstieg ist etwa gleich hoch wie 2012 und fällt etwas geringer aus als in den fünf vorangehenden Jahren.

Ein Drittel des Wachstums steuerten Geburten bei. Die restlichen gut 10 000 Neuzürcher sind zugewandert, eine Mehrheit davon aus dem EU-Raum. Dadurch ist der Ausländeranteil um 0,4 auf 25,2 Prozent gestiegen. Über 65 Prozent der Ausländer stammen mittlerweile aus EU- oder EFTA-Staaten. Die grösste ausländische Bevölkerungsgruppe bleiben die Deutschen mit rund 84 000. Auf Platz zwei und drei folgen Italien mit 50 000 und Portugal mit 26 000.

Prozentual am stärksten gewachsen sind Unterland, Glatt- und Limmattal. In absoluten Zahlen liegt die Stadt Zürich mit einem Zuwachs von 3800 Menschen klar vorn. Am wenigsten verändert haben sich die Regionen Oberland und Pfannenstiel.

Im Kanton leben 12 000 mehr Frauen als Männer. Bis zum 55. Altersjahr sind Männer in der Überzahl. Dann kippt das Verhältnis. Ab 85 gibt es doppelt so viele Frauen wie Männer. Das Durchschnittsalter beträgt derzeit 41,4 Jahre. (bat)

Ausländische Bevölkerung im Kanton wächst weiter. (Bild: TA-Grafik/ Quelle: Statistik Zürich)

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