Die Energiewende in Zürich stockt

Die Stadtzürcher sind gemäss neuen Daten weiter entfernt von der 2000-Watt-Gesellschaft als 2010.

Um die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft zu erreichen, sind in Zürich noch viele Lichter zu löschen. Foto: Reto Oeschger

Um die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft zu erreichen, sind in Zürich noch viele Lichter zu löschen. Foto: Reto Oeschger

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Seine Mahnung platziert er ­mitten im Freudentaumel rot-grüner Politiker: Es werde gewiss auch Miss­erfolge geben, sagt Stadtrat Robert Neukomm (SP). Es ist November 2008. Die Stadtzürcher haben an der Urne soeben einen energiepolitischen Entscheid von grosser Tragweite gefällt. Zürich, so steht es neu in der Gemeindeordnung, soll bis 2050 eine 2000-Watt-Gesellschaft werden. Die Zustimmung ist mit mehr als 76 Prozent Ja-Stimmen wuchtig.

Neukomm scheint recht zu bekommen. Zwar haben die Stadtzürcher 2010 pro Kopf nur noch 4195 Watt verbraucht, 800 Watt weniger als 1990, wie die Stadt Zürich vor drei Jahren jubilierte. Für das Jahr 2012 hat sich der Wert jedoch verschlechtert und liegt nun bei 4266 Watt; dies zeigen provisorische Daten, die das Zürcher Gesundheits- und Umwelt­departement (GUD) auf Anfrage des «­Tages-Anzeigers» bekannt gibt.

Der errechnete Anstieg wirft politisch Wellen. «Die Energiewende lässt sich nicht so leicht herbeiführen und schon gar nicht herbeireden», sagt FDP-Fraktionschef Roger Tognella. Dies zeige sich nicht nur in der Stadt Zürich, sondern landesweit. Für CVP-Fraktionschefin Karin Weyermann zeigt der Befund, dass das 2000-Watt-Ziel «äusserst ambitiös» ist. Der rasche technische Fortschritt in den letzten 25 Jahren habe es relativ leicht ermöglicht, den Wert seit 1990 um 800 Watt zu senken. «Nun aber lässt sich der Energieverbrauch nur noch langsam und mit spürbarem Verzicht reduzieren.» Wie Tognella hält auch Weyermann besonders das Konsumverhalten für problematisch: Technische Geräte seien zwar stromsparender als früher, doch verfügten die meisten Haushalte heute über mehr Geräte. Effizienzgewinne würden so «weggefressen». Auch das stetig steigende Mobilitätsangebot führe letztlich zu einem Mehrverbrauch.

Statistische Unschärfe?

Während sich bürgerliche Kreise in ihrer Skepsis gegenüber dem 2000-Watt-Ziel bestätigt sehen, will das Departement von Stadträtin Claudia Nielsen (SP) von einem Rückschlag nichts wissen. Das GUD versichert vielmehr, es handle sich nicht um einen Anstieg. Die Schwierigkeit besteht laut GUD darin, dass die Watt-Werte nicht exakt gemessen werden können, sondern unter einer Fülle von Annahmen abgeschätzt werden müssen. Die Differenz der beiden Watt-Werte sei kleiner als jene Abweichung, die aufgrund der skizzierten Art der Datenerhebung zu erwarten sei. Diese Begründung provoziert Kritik. Einer seriösen Datenerhebung müssten stets dieselben Annahmen zugrunde liegen, sagt Tognella. Ein allfälliger «Messfehler» hätte sich also bereits bei der Erhebung für das Jahr 2010 eingeschlichen. «Wäre dem nicht so, müsste Frau Nielsen genau aufzeigen, wo die Differenz zwischen den Erhebungen liegt.»

Support erhält Nielsen – wenig überraschend – aus den eigenen Reihen. Das rot-grüne Lager versucht, dem Ergebnis keine übermässige Bedeutung zu verleihen. Natürlich brauche es auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft weitere Anstrengungen, heisst es sinngemäss aus Kreisen von SP, Grünen und AL. Das Ziel sei jedoch langfristiger Natur, da könne es zwischendurch leichte Schwankungen geben. Der errechnete Anstieg zwischen 2010 und 2012 liege im Unschärfebereich und deute deshalb nicht zwingend auf eine Verschlechterung hin. «Wichtiger als die reine Zahl ist das Commitment der Stadtregierung und des Parlaments, den Weg zu 2000 Watt ­weiterhin zu gehen», sagt Karin Rykart, Fraktionschefin der Grünen.

Stadtrat in der Kritik

Kritischer äussern sich die Grünliberalen. «Es ist unerfreulich, dass sich die Werte nicht klar in Richtung 2000 Watt entwickeln», sagt GLP-Fraktionschefin Isabel Garcia. In der Pflicht sieht Garcia den Stadtrat: «Er muss mehr tun, als schöne Broschüren und Webseiten sowie gut gemeinte Informationskampagnen zu lancieren.» Zwar schaffen Bund und Kanton entscheidende gesetzliche Rahmenbedingungen für die Energiewende. Doch habe speziell die Stadt ­Zürich mit ihrer Vorreiterrolle für die Schweiz einige Optionen, «die noch zu wenig genutzt werden – auch weil Mut und Kreativität fehlen».

Die GLP hat im Parlament Vorstösse dazu eingereicht. Dazu gehört der Vorschlag, die C02-Bilanz des Essens in städtischen Betrieben zu verbessern. Zudem soll sich der Stadtrat im Verwaltungsrat der Flughafen AG für eine C02-Abgabe von mindestens 10 Franken pro Passagier ab Zürich einsetzen.

Roadmap in Erarbeitung

Was der Stadtrat davon hält, wird sich zeigen. Sicher ist: Einen Fahrplan zur Umsetzung des Volksbeschlusses hat er auch sechs Jahre nach der Abstimmung noch nicht. Ende 2013 hat die stadträt­liche Umweltdelegation die Roadmap 2000-Watt-Gesellschaft in Auftrag gegeben; diesen Sommer wird sie den entsprechenden Vorschlag beraten. Laut Dienstabteilung Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich soll der Bericht «den Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft skizzieren und energiepolitische Herausforderungen orten».

Auch soll er «einen transparenten Orientierungsrahmen bilden und die ­Koordination innerhalb der Stadtverwaltung erleichtern». Bürgerliche Gemeinderäte sprechen von einer Politik für die Galerie.

Die Kritik ist nicht neu. Bereits vor dem Urnengang 2008 sagte Thomas Held, damals Direktor der wirtschafts­nahen Denkfabrik Avenir Suisse: «Ich glaube, dass den Leuten etwas versprochen wird, das gar nicht realisierbar ist.»

Erstellt: 01.02.2015, 23:29 Uhr

2000-Watt-Gesellschaft

Trügerische Zahlen

Die Zürcher sind weiter weg von der 2000-Watt-Gesellschaft, als es scheint – nicht nur, weil die neuesten Zahlen einen leichten Anstieg von 4195 Watt pro Kopf auf deren 4266 ausweisen. Beide Werte trügen, weil sie nur den Verbrauch an Primärenergie widerspiegeln. Das ist jene Energie, die in den Energieträgern enthalten ist und die wir in der Schweiz verbrauchen. Zur Primärenergie gehört zudem die graue Energie, die für Aufbereitung, Transport, Verkauf und Entsorgung der Primärenergie benötigt wird. Die persönliche Bilanz des Energiebedarfs ist so aber nicht vollständig. Es fehlt der Privatkonsum. Je nach Quelle kommen so noch bis zu 2000 Watt graue Energie dazu. Die Pro-Kopf-Bilanz der Stadtzürcher beträgt damit in Tat und Wahrheit mehr als 6000 Watt. Immerhin, liesse sich aus Zürcher Sicht anmerken: Das ist weniger, als die Schweizer verbrauchen. Der landesweite Durchschnitt beträgt rund 6000 Watt pro Person, zusammen mit dem Privatkonsum sind es 8000 Watt. (sth)

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