Die Flaniermeile schleicht

Die autofreie Sihlstrasse, eines der umstrittensten Verkehrsprojekte in Zürich, verzögert sich um Jahre. Grüne vermuten, dass Filippo Leutenegger die Sperrung absichtlich hinausschiebe.

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Anwohner nennen sie «Autobahn». Die zweispurige, stark befahrene Sihlstrasse schneidet sich durchs Zürcher Shoppingquartier. Das Tiefbauamt plant seit Jahren, das rund 400 Meter lange Stück zwischen Sihlporte und Bahnhofstrasse für Autos zu sperren. Stauen sollen sich nur noch Fussgänger.

Autos und Motorräder müssten auf die Uraniastrasse ausweichen. Laut Berechungen des Tiefbauamts würde diese den zusätzlichen Verkehr verkraften.

Lange hiess es bei der Stadt, die neue «Flaniermeile» werde 2016 gebaut. Nun verschiebt sich die Umsetzung um mindestens zwei Jahre, wie der TA erfahren hat. Das ärgert links-grüne Politiker und die Betroffenen: «Ich warte schon lange auf die verkehrsfreie Sihlstrasse», sagt Gastronom Rolf Hiltl, dessen Restaurant direkt an dieser liegt. «Die Fussgängerzone würde die ganze Innenstadt aufwerten. Viele Läden haben es schwer hier wegen des vielen Verkehrs, dabei ist es eine tolle Lage.» Rolf Hiltl sagt, dass in der Nachbarschaft alle Gewerbler, die er kenne, das Projekt unterstützten.

Das Tiefbauamt begründet die Verzögerung mit internen Abläufen. Momentan arbeite man Änderungen ins Projekt ein, die Anwohner, Verkehrsorganisationen und der Kanton Ende 2012 vorschlugen. Dieser Prozess dauere noch bis im Frühling. Am Grundkonzept soll sich dabei «nichts Wesentliches» ändern.

Dazu kommt, dass das Tiefbauamt die Sihlstrasse nicht einfach sperren will. Sie soll unmittelbar nach der Autoverbannung ein neues Aussehen bekommen. Vor dem Hiltl und an der Kreuzung Bahnhofstrasse/Rennweg würden je ein Platz entstehen. Doch die Ausarbeitung der «Fussgängerbereiche» dauere länger als erwartet, sagt Stefan Hackh, Sprecher des Tiefbauamts. Ein Grund dafür seien Einwände von Anwohnern.

Ist die Verzögerung gewollt?

Der grüne Gemeinderat Markus Knauss hält diese Erklärungen für fadenscheinig: «Seit fünf Jahren schürt das Tiefbauamt Erwartungen. Wenn es durch den Planungsaufwand nun plötzlich überrascht wird, dann ist es schlecht organisiert.» Solch wichtige Projekte verdienten eine bevorzugte Behandlung, findet Knauss. Ihn würde es auch nicht stören, wenn die Sihlstrasse eine Zeit lang als Fussgängerzone diente, ohne dass sie dafür schon umgestaltet worden wäre. «Es muss nicht alles von Beginn weg perfekt aussehen.»

Hinter der Verzögerung könnten auch politische Motive stehen, sagt Markus Knauss. FDP-Stadtrat Filippo Leuten­egger, seit Mai Vorsteher des Tiefbaudepartements, hat die Pläne von seiner Vorgängerin, der Grünen Ruth Genner, übernommen. FDP und SVP haben sich negativ dazu geäussert, sie befürchten einen «massiven Eingriff» in den Verkehrsfluss. «Es könnte sein, dass Leuten­egger die verkehrsfreie Sihlstrasse nun so lange wie möglich hinausschiebt», sagt Knauss. «Das ist inakzeptabel.» Ein Sprecher Leuteneggers bezeichnet diese Vermutung als falsch. Auch Roger To­gnella, Fraktionschef der FDP, hat eine andere Begründung. Ruth Genner habe ihre Projekte oft nachlässig betreut. Fi-lippo Leutenegger erledige seine Aufgabe genauer und sorgfältiger, deshalb brauche er nun mehr Zeit dafür. «Herr Leutenegger ist aber sicher gewillt, das Projekt so weit ausarbeiten zu lassen, dass eine politische Diskussion darüber stattfinden kann», sagt Tognella.

Widerstand kündet die SVP an. Die Sperrung würde zu einem «Totalzusammenbruch» des Autoverkehrs in der City führen, sagt SVP-Fraktionschef Mauro Tuena. Wenn die Vorlage im Gemeinderat eine Mehrheit findet, was wahrscheinlich ist, werde die SVP ein Referendum prüfen. «Noch besser wäre es, Filippo Leutenegger bräche die Übung einfach ab. Nichts verpflichtet ihn, Ruth Genners Erbe weiterzuführen.»

Auch der Kanton muss Ja sagen

Die SVP kann ausserdem auf ihren Regierungsrat Ernst Stocker hoffen. Der Volkswirtschaftsdirektor muss die Umleitung der Autos bewilligen, da sie kantonale Strassen betrifft. Ob Stocker das Projekt gutheisst, ist fraglich – obwohl es im kantonalen Richtplan steht. 2011 protestierte Ernst Stocker, als ihm Ruth Genner unterstellte, er befürworte die Sperrung. Offiziell hat sich der Kanton noch nicht geäussert.

Erstellt: 07.01.2015, 20:33 Uhr

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Langstrasse für Velos

Auch hier klemmt es

Eine weitere prominente «Autobefreiung» verzögert sich. 2007 beschloss der Gemeinderat, die Langstrasse im Kreis 4 zwischen halb sechs Uhr morgens und halb eins in der Nacht für Autos zu sperren. Damit bekämen die Velos eine Spur in den Kreis 5. Geändert hat sich seither nichts. Erst verhinderten Rekurse die Umsetzung. Nun klemmt es bei der Umleitung: Diese läuft durch die Kanonengasse, die dafür umgebaut werden muss. Wann dies geschieht, ist unklar. Der grüne Gemeinderat Matthias Probst hat kürzlich eine Anfrage zum Thema gestellt.
Beat Metzler

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