Die Frau, die eine Randzone beleben will

Die «Wunderkammer» am Stadtrand von Zürich ist ein Biotop der Vielfalt. Möglich gemacht hat es die Soziologin Vesna Tomse fast im Alleingang.

Vesna Tomse vor dem Container, der als Büro, Bar und Veranstaltungsort dient. Foto: Dominique Meienberg

Vesna Tomse vor dem Container, der als Büro, Bar und Veranstaltungsort dient. Foto: Dominique Meienberg

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Sie steht im Niemandsland zwischen Opfikon und Zürich: rote Haare, rote Halskette, schwarzes Kleid, schwarze Strumpfhose. Vesna Tomse ist 49-jährig und in Luzern aufgewachsen. Das Studium der Soziologie, der Politikwissenschaft und der Publizistik führte sie nach Zürich. Im Gespräch ist sie redegewandt und wählt ihre Worte mit Bedacht. Ihr Auftreten drückt Selbstbewusstsein aus.

Solches braucht sie auch, denn seit drei Jahren führt sie einen beharrlichen Kampf für diesen Ort. Sie bezeichnet ihn als UFO, als unbekanntes Flugobjekt, das hier gelandet ist. Es kommt den Menschen zwar fremd vor, kann dieses Niemandsland aber zum Ort der Begegnung machen.

Vesna Tomse ist Stadtsoziologin und sagte gerne zu, als die Liegenschaftenverwaltung der Stadt Zürich ihr das etwas triste Areal «am Ende der Welt» zur Zwischennutzung anbot.

Sie nahm Geld in die Hand und machte einen Vorschlag zur Arealnutzung. Die Stadt Zürich stimmte zu. Tomse war begeistert und schritt zur Tat. Schnell zeigte sich aber, dass weder Zürich noch Opfikon sich finanziell gross engagieren wollten. «Pionierinnen sind am Anfang immer allein», sagt sie.

Nie aufgeben

Tomse investiert ihr eigenes Geld, um das Niemandsland in ein Stück Land für alle zu verwandeln. Umzingelt von Autos, Velofahrerinnen und Hochhäusern, schafft sie eine kleine Welt abseits des Alltags. Denn alltäglich ist das Areal um die «Wunderkammer» wirklich nicht.

Das Areal um die Wunderkammer. Bild: Dominique Meienberg

Die erste Station der Erkundungstour ist der Bikepark. Tomse sagt: «Ich bin hier so was wie die Areal-Mutter. Zu den Bikern pflege ich ein freundschaftliches Verhältnis.» Wir kommen zu einer Art Vorgarten, wo wilde Rosen und allerlei Blumen wachsen. «Hier haben nur jene Blumen einen Platz, die Diversität zulassen. Jene, die sich ausbreiten und die Vielfalt gefährden, reisse ich aus», so Tomse. Sie führe momentan «Krieg gegen die Brombeeren», die sich ausbreiteten und nicht zurückweichen wollten. Aber Tomse gibt nicht auf. Aufgeben scheint einfach nicht ihr Ding zu sein.

«Es braucht Freiräume, damit die zwei Welten sich begegnen können.»Vesna Tomse, Soziologin

Das Areal befindet sich in ständiger Veränderung, eine Holzvertäfelung für den Eingang ist gerade erst dazugekommen. «Eine innovative Konstruktion», sagt Tomse stolz. Holz, Erde und bald Efeu sollen einen geschlossenen Organismus bilden.

Auf innovative und nachhaltige Architektur legt sie generell viel Wert. Das verdeutlicht ein grosses Holzgerippe, das im Vorgarten steht und mit rezyklierten Materialien zum Pavillon ausgebaut werden soll. In Tomses Augen blitzt Begeisterung auf, als sie davon erzählt, wie viele private Firmen Material gestellt, den Transport finanziert oder mit Fronarbeit dafür gesorgt hätten, dass das eindrucksvolle Gebilde nun hier stehe.

«Das sagen alle!»

«An was denkst du, wenn du es betrachtest?», fragt Tomse. Ich antworte: «An die Arche Noah.» Sie lacht: «Das sagen alle! Und das passt sehr gut, es soll für Diversität stehen, wie alles in diesem Areal.» Der Pavillon hat allerdings für Aufregung gesorgt, nicht nur im positiven Sinne. Nachbarn aus Opfikon stören sich an dem unfertig wirkenden Gebilde. Tomse verteidigt das Werk: «Wo etwas Neues entsteht, ist Kritik vorprogrammiert. Aber es lohnt sich, diese Kritik zu schlucken und abzuwarten, was daraus entsteht.» Aktuell wartet sie auf Sponsoren, die dem Pavillon den letzten Schliff geben.

Nächster Halt: der «Zauberwald» – ein öffentlicher Park mit Sumpfgebiet, Pflanzen, Fröschen und Molchen und Brombeeren, die kaum zu bändigen sind. Über die Frage, ob sie genug Unterstützung bekomme, muss Tomse schmunzeln. «Etwas Kooperation vonseiten der beiden Städte wäre schon toll.» Aufbau und Instandhaltung der «Wunderkammer» seien aufwendig und kosteten viel Geld. Teilweise haben Sponsoren gezahlt, teilweise Tomse selbst.

Arbeiten bis zur Erschöpfung

Die letzte Station ist das Herzstück: der Container. Zu ihm passt der Name «Wunderkammer» perfekt: Bevor man die Tür öffnet, hat man keine Ahnung, was einen erwartet. Drinnen staunt man, was alles Platz hat: ein Veranstaltungsort inklusive Bar und Büros. Plötzlich wirkt Tomse ernst. Sie sagt: «Ich arbeite bis zur Erschöpfung.» Bezahlt wird sie dafür nicht. Trotzdem macht sie weiter. Zu viel Herzblut, Geld und Hoffnung hat sie in die Begegnungszone gesteckt.

Sie stehe zwischen zwei Welten, sagt sie: auf der einen Seite die Stadt Zürich, die sich als urban, innovativ und aufgeschlossen verstehe, auf der anderen Seite das suburbane Opfikon, das für den eher konservativen und bürgerlichen Teil des Kantons stehe.

«Es braucht Freiräume, damit die zwei Welten sich begegnen können», sagt Tomse. Vorerst ist das Bemühen darum das Projekt einer Einzelkämpferin. Aber es gibt Hoffnung. Die «Wunderkammer» verhandelt mit einer Institution der Stadt Zürich über eine Partnerschaft. Und nebenan hat sich ein Thai-Take-away einquartiert. «Vielleicht realisieren die Menschen allmählich, dass hier etwas entsteht.» Vesna Tomse jedenfalls ist da und wartet auf alle, die sich auf die von ihr geschaffene Welt einlassen möchten.

Erstellt: 13.08.2019, 23:23 Uhr

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