Die Gasse mit der schmutzigsten Vergangenheit Zürichs

Im Niederdorf ist hinter einer winzigen Tür ein Durchgang verborgen. Was die «Ehgraben-Räumer» bis vor kurzem in Kübeln von dort wegbrachten im 5. Teil unserer Serie «Was hinter verschlossenen Türen steckt».

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Die unscheinbare Tür bei der Schifflände 30 im Zürcher Niederdorf wird täglich von Hunderten Touristen und Altstadtbesuchern achtlos passiert. Selbst viele Stadtzürcher wissen nicht, welch aussergewöhnliche Geschichte die enge Gasse hinter der Tür hat.

Hier, in diesem stellenweise kaum einen halben Meter breiten Durchlass, muss es noch vor 100 Jahren grässlich gestunken haben. Denn hier im sogenannten Ehgraben wurden die Abfälle aus den Küchen und Latrinen der angrenzenden Häuser entsorgt – in den offenen Graben hinab.

Mittelalterlich nachhaltig

Heute ist hier freilich nichts mehr vom Gestank früherer Zeiten auszumachen und auch die Notdurft fliesst längst direkt in die Kanalisation. Einen Eindruck über die Verhältnisse der früheren Abfallentsorgung kann man sich trotzdem verschaffen. Dölf Wild, Stadtarchäologe beim Amt für Städtebau, schliesst die Tür an diesem Nachmittag für Tagesanzeiger.ch auf.

«Ehgräben waren im Spätmittelalter gang und gäbe in den Städten», erklärt er. «Erst mit der Kloakenreform zwischen 1867 und 1868 hat man die Kanalisationsrohre in den Boden verlegt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden der Abfall und der Kot nach dem mittelalterlichen System entsorgt.»

Das Müllsystem aus dem Mittelalter hatte nicht nur lange Bestand, es war auch ökologisch. Der Mist wurde als Rohstoff wiederverwertet. Kot wurde zum Trocknen ausgelegt und zum Düngen der Felder genutzt. Für die Reinigung der Gräben waren die Anrainer zuständig. Sie beauftragten die «Ehgraben-Räumer» damit, den Unrat regelmässig wegzubringen.

Urin floss bis 1926 in die Limmat

Eine Aufgabe, um die sie nicht zu beneiden waren. Die Lücke zwischen den Häusern ist nicht nur sehr eng, es dringt auch kaum Licht, geschweige denn frische Luft in die Gasse hinein. Auch die Einführung eines Entsorgungssystems mit geschlossener Kanalisation gegen Ende des 19. Jahrhunderts machte die Arbeit der Räumungstruppen nicht unbedingt angenehmer: Zwar wurde der Kot nun in sogenannten Abtrittskübeln gesammelt, der Urin floss aber weiterhin durch kleine Löcher im Kübel ungehindert in den Gang hinaus. Die Gasse hat ein leichtes Gefälle. «Urin und andere Flüssigkeiten wurden so direkt in die Limmat geleitet», sagt Wild, «die erste Kläranlage im Werdhölzli wurde erst 1926 in Betrieb genommen.»

Läuft man heute durch das Gewölbe des Ehgrabens, sieht man noch immer die Löcher in den Wänden, in denen die Abtrittskübel standen. Mittlerweile sind die Abwasserrohre aus den angrenzenden Häusern aber direkt mit dem Kanalisationssystem verbunden. Der Graben wird heute von den Anwohnern mehrheitlich zur Unterbringung von Elektrokästen und Stromleitungen verwendet.

Enger, steiler, niedriger

Je höher man steigt, desto kleiner wird der Gang – nach allen Seiten hin. Kurz vor dem Ende des Ehgrabens kann man nur noch seitlich und gebückt vorwärtsgehen. Die zahlreichen Lampen im Gewölbe sollen verhindern, dass klaustrophobische Zustände aufkommen. Auf solche technischen Hilfsmittel mussten die Räumer damals verzichten.

Schliesslich stösst Dölf Wild die winzige Tür auf, die vom Ehgraben in die Oberdorfstrasse führt. Und dann hat einen das moderne Grossstadtleben wieder. Das bunte Treiben der Einkaufsstrasse steht im krassen Gegensatz zu der eben gemachten, kurzen Zeitreise ins mittelalterliche Unterflurcontainer-System. Und irgendwie ist man froh darüber, dass die Düfte jener Zeit inzwischen längst verflogen sind.

Der Schlüssel zum Ehgraben wird beim Baugeschichtlichen Archiv aufbewahrt und kann dort abgeholt werden.

Erstellt: 29.08.2011, 11:02 Uhr

Der Ehgraben von Zürich

Die Serie

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In der Serie bereits erschienen sind:
«Wie die Rettungsleute auf den Einsatz warten»
«Die aussergewöhnlichste 1-Zimmer-Wohnung von Zürich»
«Die vergessene Festung»
«Wo die Ewigkeit beginnt».

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