«Die Grosszügigkeit ist unzwinglianisch»

Landschaftsarchitekt Walter Vetsch hat den Sechseläutenplatz konzipiert und freut sich, dass er jetzt allen gerecht wird. Teil 3 der Platzhirsch-Serie.

«Es ging darum, einen leeren Platz zu schaffen, der dem Volk und nicht den Events gehört»: Walter Vetsch. Foto: Tom Kawara

«Es ging darum, einen leeren Platz zu schaffen, der dem Volk und nicht den Events gehört»: Walter Vetsch. Foto: Tom Kawara

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben den grössten Platz der Schweiz gestaltet. Was ist schwieriger: einen grossen Platz zu planen oder einen kleinen?
Das ist die falsche Frage. Es ist gewöhnlich schwieriger, einen leeren Platz zu gestalten, als irgendwo ein Gebäude zu bauen. Und es braucht Mut, so einem Platz so viel Leere zu lassen und damit die Leere zu kultivieren. Das haben viele Politiker nicht verstanden.

Was haben sie nicht verstanden?
Die SVP ergriff das Behördenreferendum und plädierte für eine Wiese, weil das angeblich besser und billiger sei. Nur: Eine Wiese ist gar kein Platz. Oder haben Sie jemals gesehen, dass Menschen früher die Wiese betreten oder ­benutzt hätten?

Jetzt sind aber alle happy.
Ja, jetzt brüsten sich auch viele unbe­teiligte Politiker, egal welcher Couleur, dass sie eine gute Entscheidung ge­troffen haben.

Wie lange dauerte es, bis der Platz gebaut war?
Vom Wettbewerb bis zum heutigen Tag vergingen 15 Jahre. 183 internationale Teams aus dem In- und Ausland meldeten sich für den Wettbewerb, 20 kamen weiter, das Siegerteam hiess Opus one unter der Federführung von Vetschpartner Landschaftsarchitekten.

Wie lautete das Pflichtenheft?
Eine der Auflagen war: der neue Platz müsse «Bezug zum See» haben. Daran haben wir uns gehalten. Von drei Seiten hat der Sechseläutenplatz mit den ihn begrenzenden Häusern eine Stadtfassade. Aber eigentlich richtet sich alles auf die Seeseite aus, obwohl der See nur zu erahnen ist. Der Blick wandert von der Baumallee davor zu Zürichs Hausberg ins Grüne, in die Weite, ins Freie. Es handelt sich daher um einen Stadtplatz und nicht um einen Platz am See.

Welche Erwartungen wollen Sie mit dem Sechseläutenplatz erfüllen?
Es ging darum, einen leeren Platz zu schaffen, der dem Volk und nicht den Events gehört. Vorher war die Sechseläutenwiese acht von zwölf Monaten besetzt. Jetzt sind es 180 Tage. Das ist für mich immer noch zu viel.

Wo haben Sie was abgeschaut, als Sie den Platz konzipierten?
Nirgendwo. In der Architektur und in der Gestaltung gibt es vermutlich nichts, was es nicht schon einmal gegeben hat. Wir analysieren jeden Raum für sich und schlagen dann dem jeweiligen Ort entsprechend die Gestaltung vor. Dadurch erhält er eine eigene Identität.

Welche Vorgaben mussten Sie beim Sechseläutenplatz erfüllen?
Die Berücksichtigung des Zirkus Knie und des Sechseläutens, den Bau einer Tiefgarage ohne oberflächliche Vegetation. Daraus entstand die Idee, dem Opernhaus eine Bühne zu geben und den Bodenbelag sinnbildlich ins Freie hinaus zu verlängern. Das passierte mit dem speziellen Valser Quarzit, der wie ein Riemenparkett verlegt wurde. Die einzelnen Kiesinseln wirken darin wie Leerraum, darin pflanzten wir Bäume, die aussehen wie tanzende Ballerinas vor der Oper. Jetzt steht diese am Platz und nicht mehr hinter einer Strasse mit Parkplätzen.

Was war die grösste Herausforderung während der Projektphase?
Die wechselnde Besetzung an allen Spitzenpositionen der Stadtverwaltung und des Stadtrats. Es brauchte Durchhaltewillen, um das Konzept und die Detailgestaltung verwirklichen zu können. Bei jedem Personalwechsel mussten wir uns erklären, warum wir nicht auf neue Ideen eingehen, sondern an unseren eigenen festhalten.

Weshalb sind in der Stadt Plätze und Freiräume so wichtig geworden?
In einer kleinen Gemeinde macht es weniger Sinn, einen grossen Platz zu schaffen, weil es dafür gar kein Bedürfnis gibt. Ganz anders in einer Stadt, die verdichtet gebaut ist. Da sucht man die Weite, die Grosszügigkeit, den Freiraum. Schauen Sie sich doch selber um, wie die Leute den Platz vom ersten Augenblick an besetzten. Diese Grosszügigkeit ist unschweizerisch und unzwinglianisch.

Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an diesen Platz?
Der Sechseläutenplatz ist für mich als Wiese abgespeichert. Darauf stand das Schild: Rasen betreten verboten. Es war eine Wiese für die Zünfte und den Zirkus. Dann erinnere ich mich an die Firma Spross, die nach jedem Event die Wiese ansäte, bis sie nur noch braun blieb und wegen der vielen Veranstaltungen saniert werden musste.

Ist es für Sie erstaunlich, dass der Platz so gut ankommt?
Es hat meine sehr optimistischen Erwartungen übertroffen. Der Sechseläutenplatz kommt sowohl bei der Bevölkerung an als auch in der Fachwelt und bei den Politikerinnen und Politikern. Eigentlich funktioniert er wie eine Eier legende Wollmilchsau: Er wird allen gerecht. Das zeigt auch, dass selbst die Politik be­scheiden schweigt, wenn sie nichts mehr dagegen hat.

Erstellt: 24.04.2014, 07:31 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich hoffe, die Fontänen werden höher»

Einen Tag nach der Eröffnung des Sechseläutenplatzes sind die ersten Schaulustigen da. Der Platz begeistert die Zürcher. Das Wasserspiel haben sich aber einige anders vorgestellt. Mehr...

«Als Privatperson habe ich mehr Zeit, den Platz zu geniessen»

Platzhirsch Interview Alt-Stadträtin Ruth Genner hofft, dass der neue Sechseläutenplatz vielfältig genutzt wird. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...