Die Hälfte der Polizeibewerber fällt beim Deutschtest durch

In Stadt und Kanton Zürich werden die Deutschkenntnisse bei der Rekrutierung von Polizisten zunehmend zum Problem. Jetzt gibts Nachhilfe.

Auch dem Körper wird während der Ausbildung einiges abverlangt: Polizeischüler beim Training in Opfikon. Foto: Doris Fanconi

Auch dem Körper wird während der Ausbildung einiges abverlangt: Polizeischüler beim Training in Opfikon. Foto: Doris Fanconi

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«Gut genug sind nur die Besten» heisst es in der Broschüre der Zürcher Kantonspolizei für angehende Polizistinnen und Polizisten. Der Satz ist durchaus als Warnung gedacht. Denn das Aufnahmeverfahren ist anspruchsvoll – zu anspruchsvoll für viele. So schaffte in den letzten Jahren im Schnitt nur jeder zehnte Bewerber die Aufnahmeprüfung für die Polizeischule. «Wir hatten jedes Jahr jeweils rund 1000 Bewerbungen für die zweijährige Polizeiausbildung, 100 davon haben die Aufnahmeprüfung bestanden», sagt Werner Schaub, Medienchef der Kantonspolizei. Die Erfolgsquote von 10 Prozent sei in den letzten Jahren stabil gewesen. Bei der Stadtpolizei Zürich bewerben sich jährlich 400 bis 500 Personen. Davon beginnen circa 12 Prozent die Polizeischule, wie Info-Chef Marco Cortesi sagt.

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Stolperstein Nummer eins für angehende Polizisten – sie müssen das Schweizer Bürgerrecht besitzen – ist nicht etwa der Sporttest. Die meisten scheitern im Deutschtest, wie Schaub und Cortesi bestätigen. Bei der Kantonspolizei haben letztes Jahr 51 Prozent der Bewerber die Deutschprüfung beim Eignungstest nicht bestanden. Auch in den Vorjahren versagte jeweils mehr als die Hälfte im Deutsch. Ähnlich sieht die Quote bei der Stadtpolizei aus. «Das Sprachniveau der Bewerber ist zum Teil bedenklich tief», sagt Cortesi.

Deutsch-Schwäche nimmt zu

Beim Deutschtest wird das Sprachwissen auf dem Niveau einer Lehrabschlussprüfung getestet. Der Test umfasst Grammatik, Diktat und Nacherzählung. Bei Letzterer wird den Kandidaten etwa das Foto eines Verkehrsunfalls gezeigt, und die Prüfperson schildert das Ereignis auf ­Zürichdeutsch. Darauf müssen die Kandidaten das Gehörte in Schriftdeutsch zu Papier bringen. Beim Grammatiktest wird ihnen ein Text mit diversen Fehlern vorgelegt, den es zu korrigieren gilt. Das Diktat erweist sich aber als «die grösste Klippe», wie Schaub sagt.

Den Personalverantwortlichen bereitet die Deutsch-Schwäche beim Polizei-nachwuchs zunehmend Sorge. «Es gab schon immer Bewerber mit Problemen im Deutsch», so Cortesi. Doch ihre Zahl sei im Steigen begriffen. «Wir stellen leider immer wieder fest, dass es den jungen Leuten schwieriger fällt, Situationen korrekt in einem fehlerfreien Deutsch zu beschreiben.» Als mögliche Erklärung fügt Schaub an: «Bei den meisten Bewerbern liegt die Schulzeit schon weit zurück, daher sind ihre Kenntnisse in diesem Bereich etwas eingerostet.»

Wie weit auch der Migrationshintergrund von Kandidaten eine Rolle spielt, ist offen. «Die Kantonspolizei erhebt keine statistischen Zahlen über einen allfälligen Migrationshintergrund der Bewerber», sagt Schaub. Deshalb sei es nicht möglich, eine fundierte Aussage zu machen. Auch Stapo-Sprecher Cortesi will sich nicht auf Spekulationen einlassen: «Das lässt sich nicht nachweisen, es kann genauso gut sein, dass jemand mit Migrationshintergrund speziell fleissig Deutsch lernt.»

Stadt- und Kantonspolizei empfehlen Kandidaten dringend, vor der Aufnahmeprüfung ihre Deutschkenntnisse aufzufrischen. Denn Polizeiarbeit bestehe zu einem sehr wesentlichen Anteil aus Schreibarbeit. Alles polizeiliche Handeln muss rapportiert werden, und zwar korrekt. Deshalb sind solide Deutschkenntnisse fundamental. Die Polizeirapporte gehen an die Untersuchungsbehörden und müssen auch vor Gericht Bestand haben, wie Cortesi betont. «Schlecht oder orthografisch falsch geschriebene Rapporte werden von Anwälten zerpflückt.»

Anforderungsprofil bleibt

Eine Senkung des Anforderungsprofils bei den Aufnahmetests kommt für die Polizei deshalb nicht infrage. «Der Polizeiberuf ist anspruchsvoll, wir können es uns nicht leisten, das Anforderungsprofil zu senken», so Schaub. Zugleich betonen die beiden Polizeisprecher, dass man keineswegs nach «kleinen Goethes» Ausschau halte. Gute Deutschkenntnisse seien nicht das einzige Kriterium bei der Aufnahmeprüfung. Man lege grössten Wert auf soziale Kompetenz, persönliche Reife und Integrität.

«Viele Bewerber unterschätzen den Stellenwert von Deutsch in der Polizeiarbeit und fallen deshalb bei der Aufnahmeprüfung durch», sagt der Zürcher Deutschlehrer Markus Senn. Der 46-Jährige weiss, wovon er spricht. Senn war selbst sieben Jahre lang Beamter bei der Stadtpolizei Zürich. Seit kurzem bietet er mit seiner Online-Sprachschule Lingualegria in Zürich-Affoltern Deutschkurse für Polizeibewerber an, die sie fit machen sollen für die Aufnahmeprüfung. Er habe selber feststellen können, wie oft Rapporte Rechtschreibfehler und seltsames Polizei-Deutsch enthalten im Stil von «Wir haben den Täter nicht mehr betroffen». Jetzt hofft Senn, mit seinen Nachhilfekursen eine Marktlücke entdeckt zu haben. Gründe für die Deutschdefizite ortet er unter anderem im Vormarsch moderner Medien wie ­Facebook und SMS, mit denen eine ganz andere Form von Kommunikation Einzug halte. «Dadurch verlieren viele den Bezug zu korrektem Deutsch.» Zudem stellt er ein verbreitetes Desinteresse gegenüber der Sprache fest.

«Allgemeines Phänomen»

Auch Heinrich Meister, Leiter der Bénédict-Schule in Zürich, spricht von einem allgemeinen Phänomen: «Bei vielen jüngeren Leuten gibt es Nachholbedarf in Sachen Deutschkenntnisse.» Er führt dies ebenfalls auf neue Medien und die damit zusammenhängenden veränderten Sprachgewohnheiten zurück. Bei der Kommunikation via Handy und Laptop dominierten möglichst kurze Sätze und Abkürzungen. Korrektes Deutsch werde vernachlässigt, was tendenziell zu einer Sprachverrohung führe. Meister weist darauf hin, dass Schulen bereits Gegensteuer geben und das Fach Deutsch etwa in den KV-Lehrgängen wieder aufgestockt haben.

Mangelnde Deutschkenntnisse von Kandidaten sind auch in andern Schweizer Polizeikorps ein Thema. So musste die Polizeischule Ostschweiz in Amriswil neu einen Niveau-Unterricht im Fach Deutsch einrichten, wie «20 Minuten» berichtete. Der Ausbildungschef der Kapo Schwyz nannte Deutsch in der «Neuen Luzerner Zeitung» gar ein «Killerfach». «Hat jemand 30 Fehler auf einer A-4-Seite, braucht er tendenziell nicht weiterzumachen.» Kein Wunder, kursieren bereits flapsige Sprüche wie dieser: Der ärgste Feind von Polizisten sei nicht mehr der Kriminelle – sondern die deutsche Sprache. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2015, 23:24 Uhr

Polizeiausbildung

Klimmzüge – und «keine Extreme»

Wer Polizist oder Polizistin werden möchte, muss sich auf ein umfangreiches Aufnahmeverfahren gefasst machen. Sprach- und Allgemeinwissen werden geprüft, psychologische und sportmedizinische Abklärungen vorgenommen und der Charakter begutachtet. «Der Polizeiberuf stellt hohe Anforderungen an Sie. Rambos und Draufgänger haben bei uns keine Chance», heisst es auf der Kapo-Homepage. Grossen Wert lege man auf persönliche Reife, Eigenverantwortung, Selbstständigkeit, geistige Beweglichkeit und gute Umgangsformen. Weiter werden physische und psychische Belastbarkeit, Selbstbeherrschung, Teamfähigkeit und körperliche Fitness verlangt.

Bei der Stadtpolizei umfasst der Sporttest für männliche Bewerber etwa Klimmzüge, einen «Grundkrafttest Rumpf» und einen 3000-Meter-Lauf. Konkrete Aufnahmebedingungen für die zweijährige Polizeiausbildung in Zürich sind: schweizerische Staatsangehörigkeit, Alter zwischen 20 und 35 Jahren, Sekundar- oder Realschulbildung, Schulbesuch in der Schweiz, abgeschlossene Berufslehre oder gleichwertige Ausbildung wie Matura, einwandfreier Leumund, Mindestgrösse bei Männern 170 cm, bei Frauen 160 cm, Führerausweis Kat. B. Zudem gilt: «Bei politischen und religiösen Einstellungen sowie in der äusseren Erscheinung werden keine Extreme geduldet.» Immerhin: Wer die Prüfung besteht, darf sich von Ausbildungsbeginn an auf ein Monatsgehalt von rund 5500 Franken freuen. (mth)

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