Die Happy-Wiese

Zürich verhipstert auf spiessige Weise? Mag sein. Solange die GZ-Wiese in Wollishofen nicht davon erfasst wird, ist das egal. Eine Lobeshymne.

Auf der Wiese beim Gemeinschaftszentrum Wollishofen kann jeder so sein, wie er ist. Zum Glück.  Foto: Samuel Schalch

Auf der Wiese beim Gemeinschaftszentrum Wollishofen kann jeder so sein, wie er ist. Zum Glück. Foto: Samuel Schalch

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Es ist so toll hier! Immer wieder landet Zürich in internationalen Rankings auf den vordersten Plätzen, was von den Medien und ihren Lesern mit schlecht verhohlenem Stolz aufgenommen wird. Denn noch vor 20 Jahren herrschte in der Stadt an Feiertagen ein offizielles Tanzverbot. Und 15 Jahre früher hatte sich eine junge Frau am Bellevue angezündet, aus Verzweiflung über das Unverständnis der Erwachsenenwelt gegenüber den Jugendlichen. Doch dann wurde der Geist Zwinglis – Sittenkontrolle und strenger Fleiss – aus der Stadt vertrieben. Die Freizeit wurde nach mediterranem Vorbild nach draussen verlagert, in die Parks, an die Gewässer, wo man Take-away-Food ass, statt in Edelkonditoreien in gedämpftem Ton einen Café zu trinken.

Doch wie es halt Zürichs Art ist, wurde dieses neue Lebensgefühl nicht nur gelebt, sondern perfektioniert. Brachen und Knellen wurden mit raffinierten Gastrokonzepten versehen, die man sich in Berlin oder New York abgeguckt hatte. Wobei die neue Zürcher Urbanität eine Variante dieser Metropolen ist: eine Art steriler Shabby Chic. Das beste Beispiel hierfür sind die durchnum­merierten Läden im Viadukt. Man könnte viele andere solche Lokale nennen – das Kosmos oder Frau Gerolds Garten etwa –, und die «NZZ am Sonntag» hat dies kürzlich auch getan, um zum Schluss zu kommen: «Es sind keine Orte, an denen sich Menschen und verschiedene Leben mischen, sondern Horte der Selbstvergewisserung, eine Art Stammesreservate.»

Kein Familienghetto

So weit, so richtig. Aber statt zu lamentieren, wollen wir das Positive sehen. Denn natürlich gibt es sie noch, die nicht gentrifizierten Freizeitzonen, die Beizen und Imbissbuden, wo Adrios über die Theke gehen, keine 25-Franken-Vegan-Burger. Einer dieser Orte ist die Wiese neben dem Gemeinschaftszentrum Wollishofen. Ungefähr 5000 Quadratmeter ist sie gross. In Ermangelung eines offiziellen Namens nennt sie der Volksmund schlicht GZ-Wiese.

Genauso unprätentiös wie die Bezeichnung ist das Treiben auf dieser Grünfläche. Während auf der Blatter-Wiese am gegenüberliegenden Seeufer Touristen und Expats fläzen und mit ihren Statussymbolen an der Promenade defilieren, ist die GZ-Wiese einer der durchmischtesten Orte der Stadt überhaupt. Hier gibt es keine Alters­guillotine wie am oberen Letten und kein Familienghetto wie in der Max-Frisch-Badi.

Wäre die GZ-Wiese ein Wimmelbild, würde man darauf sehen: Schweizer Eltern, die ihren Kleinkindern vor UV-Strahlen schützende Ganzkörper-Badeanzüge anziehen. Daneben eine albanische Grossfamilie, die Klappstühle aufstellt und Berge von Essen anschleppt. Beim Schiffsteg springen Primarschüler in das sprudelnde Fahrwasser des ablegenden Kursschiffs. Teenager zeigen erste Muskeln und Rundungen, Mitt­vierziger ihre Tribal-Tatoos, die ihnen inzwischen wahrscheinlich peinlich sind, aber auf der GZ-Wiese muss man sich dafür nicht schämen, weil es keinen unausgesprochenen Dress- oder Ver­haltenscode gibt. Wie sonst ist es zu ­erklären, dass sich auch ein bleicher, ­dicker 55-Jähriger mit einem Hula-Hoop-Ring abmüht?

Multikulti ist ein abgehangener Begriff, aber auf der GZ-Wiese stimmt er fast schon auf kitschige Weise.

Ebenfalls auf der GZ-Wiese anzutreffen sind die Locos, die Latino-Fraktion der FCZ-Südkurve. Sie sitzen mit Kind und Kegel unter den Bäumen, so friedlich, dass man die jüngsten Hooligan-Meldungen vergisst und wieder Hoffnung auf ein neues Fussballstadion hegt. Gewiss, Multikulti ist ein etwas arg abgehangener Begriff, aber auf der GZ-Wiese stimmt er fast schon auf kitschige Weise: Neben dem Schweizer Rentnerpaar aus der Neubühl-Siedlung jonglieren ein paar Afrikaner mit einem Fussball und lassen einen Joint kreisen. Mein zehnjähriger Sohn hat die einschüchternd talentierten Fussballer schon gefragt, ob er mitspielen darf. Natürlich durfte er.

Lärmempfindliche Nachbarn

Doch genug der «Bend It Like Beckham»-Idylle. Die soziale Durchmischung der GZ-Wiese spiegelt letztlich nur das Quartier wider; Wollishofen ist anders als die meisten Stadtkreise kein Trendquartier und auch nicht besonders stark gentrifiziert – noch nicht. Gleich hinter dem Gemeinschaftszentrum entstehen aus einer alten Industrieanlage demnächst Luxuswohnungen. Man darf gespannt sein, was das für die unkomplizierte Stimmung rund ums GZ bedeutet. Bereits jetzt muss sich die nebenan gelegene Rote Fabrik mit Klagen von gut betuchten, lärmempfindlichen Nachbarn herumschlagen.

Musik gehört zur GZ-Wiese wie der öffentliche Elektrogrill. Es gibt Tage, da dröhnt alle paar Meter ein anderer Musikstil aus einer Bluetooth-Box. Besonders laut ist es an den Wochen­enden zu früher Stunde, wenn ein paar Partynachtvögel mit ihrer Restenergie ein Soundsystem samt DJ-Pult herbei­tragen. «Erlaubt ist, was nicht stört», der Slogan einer Zürcher Benimm-Kampagne, scheint hier keine Gültigkeit zu haben – und niemand störts. Dasselbe gilt auch für das sympathische Littering rund um die Abfallcontainer. Es zeigt, dass hier gerne über die Stränge geschlagen wird. Und dass man auch mit Dosenbier und Denner-Wurst eine gute Zeit ­haben kann.

Die Abwesenheit jeglicher Gastro­nomie ist das Unzürcherischste an der GZ-Wiese. Zwar kann man im Gemeinschaftszentrum Snacks kaufen, aber die muten geradezu anachronistisch an: Faustbrote und Glaces vom Grossverteiler. Einen mit bunten Fähnchen dekorierten ausrangierten Eisenbahnwagen gibt es nicht, genauso wenig wie eine Strandbar mit Tischen, die niemals als Tische gedacht wurden (etwa Öl­fässer, bei denen man keinen Beinraum hat). Stattdessen picknicken die Leute, und das Bier bezieht man von der Tankstelle gleich hinter der Hecke. Dort gibts kein IPA, dafür geht das Feldschlösschen nie aus.

Abendsonne ist überschätzt

«Aber an der Pfnüselküste habt ihr doch gar keine Abendsonne», mag einer gegen diesen Lobgesang einwenden. Na und! Die Abendsonne ist total überschätzt, wie jeder weiss, der schon einmal bei der GZ-Wiese ein Morgenbad ­genommen hat – wie ich vor ein paar ­Tagen. Die Sonne rollte ihren gelben Teppich über die weissen Strandsteine aus, und ein paar freundliche Enten schwaderten vorbei.

Als ich aus dem Wasser stieg, hörte ich Musik. Ein junges Paar, immer noch – oder sehr früh – auf den Beinen, war auf die Skulptur beim Schiffsteg ge­klettert und tanzte dort Richtung Alpen. Ich hörte genauer hin. Es lief «Happy» von Pharrell Williams. Nicht gerade mein Lieblingssong – aber für meinen Lieblingsrasen kein schlechter Name: Happy-Wiese.

Erstellt: 05.05.2018, 14:17 Uhr

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