Die Illusion vom grossen Wurf

Aus der Kaserne wird nur ein Bildungszentrum.

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Die leer werdende Kaserne hält Zürich den Spiegel vor. 30 Jahre hatten Stadt und Kanton Zeit, um für das grosse, zentrale Gebäude eine neue Nutzung zu suchen. Und was ist das Ergebnis? Das Bildungszentrum für Erwachsene zieht ein. Erwachsenenbildung ist gewiss ein sinnvolles Tun, und Bildungsinstitute für den ganzen Kanton gehören ins Zentrum mit Anschluss an den öffentlichen Verkehr – wie das die Pädagogische Hochschule wenige Meter neben der Kaserne bereits vormacht.

Dennoch bleibt ein schales Gefühl, gar Enttäuschung: Ist das alles? Da bietet sich der Öffentlichkeit mitten in Zürich die Chance, etwas Neues zu schaffen, etwas Grosses, vielleicht sogar Grossartiges, Zukunftsverheissendes. Doch Stadt- und Regierungsrat entscheiden sich für Schulzimmer für Erwachsene mit Deutschunterricht, Computer- und Managementkursen. Originell, gar kühn ist das nicht.

Bloss ist die Kaserne kein Ort für Kühnheit. Im Grunde ist sie seit 30 Jahren ein Missverständnis: Mit ihrer Grösse und ihrer zentralen Lage weckt sie Fantasien und Wünsche, die sie niemals erfüllen kann. Man sieht ihr eben nicht an, dass sie unberührbar ist – von den Zeughäusern über die Exerzierwiese bis zu den Stallungen ist alles denkmalgeschützt als Meisterwerk des Schweizer Historismus.

Zürich, eine satte Stadt

Allein schon dieses Abbruchverbot verhindert kühne Projekte wie einen Central Park, eine Mustersiedlung mit verdichtetem Bauen und günstigen Mieten oder ein internationales Kongresszentrum. Der Denkmalschutz könnte nur aufgehoben werden, wenn es ein dringliches Projekt im öffent­lichen Interesse gäbe, das nur an dieser Stelle realisiert werden kann. Doch dieses Lichtobjekt gibt es nicht.

Warum nicht? Weil Zürich eine satte Stadt ist. Sie hat schon alles, was es zum guten Leben braucht: Bühnen, Museen, Galerien, Kinos, Beizen, Bars, Pärke – mehr, als jeder Einzelne erleben und konsumieren kann. Hat denn hier niemand mehr Visionen, Utopien? Es mag sie geben in den Köpfen, doch hat sich bisher keine Idee als stark genug erwiesen, um als öffentliche Bewegung aufzutreten und zu begeistern. ­Vielleicht kommt das grosse Zukunfts­projekt ja noch. Soll es. Dann wird das Bildungszentrum für Erwachsene halt wieder gezügelt. Denn die Nutzung für die Erwachsenenbildung muss in der Kaserne ja nicht die endgültige sein.

Erstellt: 04.11.2014, 23:03 Uhr

Jürg Rohrer

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