«Die KMU-Prostitution sollte nicht benachteiligt werden»

Die Alternativen wollen, dass kleine Sexsalons keine Bewilligung brauchen. Und es gibt für sie vor allem ein Quartier, wo die Salonprostitution stattfinden darf.

Ihn stört das Reglementierungsbedürfnis der rot-grün regierten Stadt: Niklaus Scherr von der Alternativen Liste.

Ihn stört das Reglementierungsbedürfnis der rot-grün regierten Stadt: Niklaus Scherr von der Alternativen Liste. Bild: Doris Fanconi

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Sie haben mit Christina Schiller zusammen ein Postulat eingereicht, das die Bewilligungspflicht für Sexsalons lockern will. Warum?
Es geht uns um die Kleinsalons, in denen eine oder zwei Frauen arbeiten. Als der Gemeinderat die neue Prostitutionsgewerbeverordnung beschlossen hat, war das Gros der Meinung, dass diese Frauen keine Bewilligung brauchen. Weil die Polizei die Verordnung aber wörtlich anwendet, braucht es zum Beispiel bereits eine Bewilligung, wenn zwei Sexarbeiterinnen ein 2-Zimmer-Appartement benützen.

Und warum hat das die AL zu einem politischen Vorstoss motiviert?
Das geschah in Absprache mit den NGOs für Frauen im Sexgewerbe, also der FIZ Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration und der Zürcher Stadtmission. Wegen dieser Bewilligungspflicht in Kombination mit der BZO Ledergerber wird die Prostitution im ganzen Kreis 4 widerrechtlich.

Was hat das mit Elmar Ledergerber zu tun?
Die Bau- und Zonenordnung von 1999/2000, die unter seiner Federführung entstand, verbietet sexgewerbliche Nutzungen in allen Zonen mit mehr als 50 Prozent Wohnanteil. Im ganzen Langstrassenquartier und sogar in der erlaubten Strichzone Niederdorf ist damit die Salonprostitution verboten. Das ist unverhältnismässig und diskriminierend gegenüber anderen gewerblichen Tätigkeiten.

Worin besteht denn für Sie der städtebauliche, gesellschaftliche oder kulturelle Wert der Prostitution, dass Sie sich so engagierten?
Uns geht es um den Schutz jener Frauen, die selbstständig tätig und nicht einem Bordellbetreiber unterworfen sind. Die KMU-Prostitution sollte nicht benachteiligt werden.

Gehört das zu den Kernanliegen der Alternativen Liste?
Die AL engagiert sich immer wieder für die Rechte von Menschen, die in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt oder kriminalisiert werden: Fussballfans, Drogenabhängige oder Sexarbeitende.

Und wie hälts die AL mit der Würde der Frau? Ist der Strich nicht das Gegenteil?
Bei der Prostitution gibt es zwei Grundauffassungen. Auf der einen Seite stehen Leute wie Alice Schwarzer, die die Prostitution verbieten wollen. Auf der anderen jene, die Prostitution tolerieren können, solange sie nicht ausbeuterisch und fremdbestimmt funktioniert. Im Gegensatz etwa zu Schweden ist in der Schweiz die Prostitution legal.

Was ist Ihre Meinung?
Mich stört vor allem dieser Grundwiderspruch, dass die Prostitution einerseits Realität und legal ist, die städtischen Regulierungen anderseits aber darauf hinauslaufen, sie grossflächig zu vertreiben. Wenn sie legal ist, muss man auch sagen, wo sie stattfinden darf. Und sie nicht mit Bewilligungspflicht und Bauordnung verdrängen. Wenn die flächendeckende Verbannung aus dem Kreis 1 und dem Kreis 4 weitergeht, drohen in Wohnquartieren wie etwa in Wipkingen Grossbordelle, wenn sich dort Einzelliegenschaften mit Wohnanteil 0 oder 33 Prozent befinden.

Wo in Zürich soll die Prostitution denn stattfinden?
Dort, wo die Leute tolerant sind und sich damit bereits arrangiert haben.

Sie meinen also das Langstrassenquartier. Doch genau dieses will die Stadt ja aufwerten, indem sie Salons schliesst.
Hinter diese sogenannte Aufwertung setze ich ein grosses Fragezeichen. Es stimmt, die Stadt macht Druck auf Hauseigentümer, die an Sexarbeitende vermieten. Mit welchem Resultat? Das Haus wird vom «Begleiteten Wohnen» übernommen – Junkies statt Prostituierte. Oder luxusrenoviert mit steigenden Mietpreisen. Dazu immer mehr Partyvolk – diese sogenannte Quartieraufwertung hat handfeste Nachteile.

Es ist ja der rot-grüne Stadtrat, der das Langstrassenquartier unbedingt aufwerten will. Warum tut das ausgerechnet die Linke?
Das müssen Sie nicht mich fragen. Aber das Reglementierungs- und Kontrollbedürfnis in dieser rot-grün regierten Stadt ist schon auffallend hoch. Es findet ein Social Cleansing statt mit einer Tendenz zu 08/15-Yuppie-Quartieren. Alles gepützelt, alles reglementiert. Wenn in Berlin Lärm ist, reklamieren die Anwohner direkt. In Zürich rufen sie die Polizei. So ist heute die Mentalität, und das gefällt mir nicht.

Erstellt: 30.05.2014, 11:00 Uhr

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