Die Kinder vom Friesenberg

Der Fuss des Uetlibergs ist fest in Kinderhand. In den Siedlungen der Familienheim-Genossenschaft streifen sie stundenlang umher – nicht immer zur Freude der Erwachsenen.

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Da dreckeln drei kleine Knaben im Sandhaufen, dort fahren zwei Mädchen auf Fahrrädern um die Wette. Weiter hinten dreschen zwei Jungen mit Holzschwertern aufeinander ein, eine Gruppe Teenagerinnen tuschelt in einer Ecke. Irgendwo quengelt ein Kleinkind, von irgendwoher schreit ein Säugling. Kinder, so weit das Auge reicht – ein Gewusel ohne Erwachsene. Im Friesenberg ist das Alltag. Er ist fest in Kinderhand. Von Paradies sprechen die einen, von Herausforderung die anderen.

Das Quartier am Fusse des Uetlibergs verzeichnet stadtweit den zweithöchsten Anteil von Kindern unter 14 Jahren. Nur in Saatlen in Schwamendingen leben laut Statistik noch mehr Minderjährige. Massgeblich zur Entwicklung des Quartiers beigetragen hat die Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ). Seit bald 100 Jahren erstellt sie Wohnbauten für Erwachsene mit Kindern. Die Hälfte der rund 10'000 Quartierbewohner wohnt in einem FGZ-Objekt.

Mal Prinzessin, mal Fussball

Geballt ist die Kinderschar in der autofreien Siedlung Grünmatt. Während der letzten beiden Jahre sind fast ausschliesslich junge Familien in die 155 Wohnungen und Reihenhäuser mit gemeinsamen Aussenflächen eingezogen. 200 Kinder tummeln sich seither zwischen den vier Häuserzeilen. «Für Kinder ist das ein Paradies», sagt eine dreifache Mutter. Die Kinder, die man fragt, bestätigen dies. Sie brauchen sich nicht zu verabreden, denn immer sind in der Siedlung ­irgendwelche Gspändli am Spielen, denen sie sich anschliessen können. Das nutzen sogar schon Dreijährige.

Lea* (7) sagt: «Wir finden es aufregend, dass es immer wieder anders ist draussen, je nachdem, wer grad da ist.» Einmal spielen sie Prinzessinnen, ein anderes Mal Fussball. Sie freunden sich an, streiten, verhandeln. Alles ohne Erwachsene. «Und manchmal spielen wir auch Streiche, ohne dass es jemand merkt.»

Der Radius der Kinder ist gross – grösser, als heute üblich ist. Für die meisten von ihnen gehört die ganze Siedlung dazu. Bei den beiden Strassen, welche die Siedlung seitlich begrenzen, ist Ende. Das Umfeld schafft auch für die Eltern Freiheiten. Sie brauchen sich nicht um die Freizeitgestaltung der Kinder zu kümmern, müssen sie auf keinen Spielplatz begleiten und haben kinderfreie Zeit zu Hause. Zudem finden sie in der Not immer jemanden, der die Kinder ­einige Stunden betreut. Genau deshalb leben sie gern in der Grünmatt.

Wie auf dem Campingplatz

Der Friesenberg fordert den Eltern auf der andern Seite aber einiges ab. Die Siedlung gleicht zuweilen einem Campingplatz: eingeschränkte Privatsphäre und ständig andere Kinder auf der Parzelle. Manchmal sind sie in der Laune, sich auf das Ferienfeeling mit Jubel, Trubel, Heiterkeit einzulassen. So geschah es Philipp Keller*, frisch in die Grünmatt gezogen, dass er seinen Söhnen im ebenerdigen Wohnzimmer einen Film abspielte und sich im oberen Stock zu schaffen machte. Als er zurück in die Stube kam, hatten es sich auf dem Sofa noch zehn Nachbarskinder bequem gemacht. Damals fand er das lustig. Heute sagt er: «In einer anderen Situation hätte ich es als stressig empfunden.»

Ella Esposito* war schon vor dem Einzug klar, dass sie ihren beiden Jungen strikte Regeln setzen musste. Spielzeuge aus dem Kinderzimmer werden nicht auf die Strasse genommen. Vergnügen sich die Kinder nicht mehr draussen, sondern im Haus eines Kollegen, müssen sie ihrer Mutter Bescheid sagen. Sie mag nicht, wie andere im Quartier, stundenlang ihre Kinder suchen. Und sie müssen klingeln, wenn sie eine fremde Wohnung betreten, wie die Mutter es in der eigenen Wohnung von allen erwartet. «Das funktioniert, abgesehen von einer Anlaufzeit. Selbst die Nachbars­kinder halten sich daran», sagt sie.

Schwierig wird es, wenn sich die Kinder mit einem Freund von ausserhalb verabreden, zu Hause spielen und dann Nachbarskinder mitmachen wollen. Eine andere Mutter sagt, da greife sie auch mal korrigierend ein. «Man lernt hier schnell, Nein zu sagen.» Auf dem engen Raum werden die unterschiedlichen Erziehungsstile der Familien offensichtlich. Zum Beispiel am Sonntagmorgen: Den einen ist das Ausschlafen bis 10 Uhr heilig, andere lassen ihre Kinder schon nach dem Frühstück um 8 Uhr bei anderen klingeln. Sind aber die Präferenzen einmal kommuniziert, ist das meist kein Problem mehr.

Unterschiedliche Erziehungsstile

Auch die Eltern mussten erst lernen, sich voneinander abzugrenzen, gerade weil der Kontakt unter den Kindern so intensiv ist. Die Mutter zweier Mädchen sagt: «Wir waren neu im Quartier, wollten möglichst gut integriert sein und hatten das Gefühl, mit allen befreundet sein zu müssen.» Doch schon bald merkte sie, dass ihr das zu viel wurde. Seither nimmt sie sich die Freiheit, mit denen Kontakt zu pflegen, die ihr auch wirklich sympathisch sind.

Hin und wieder überfordern die Kinder die Bewohner der Kleinwohnungen, die Teil des Siedlungskonzepts sind. Darin leben meist langjährige Genossenschafter, deren Kinder ausgezogen sind und die nur noch eine kleine Wohnung beanspruchen dürfen. Ihren Ärger bekommt Markus Hofstetter zu spüren. Er amtet seit 15 Jahren als Sozialberater für die Genossenschaft. «Hier gab es in letzter Zeit mehr Reibereien als in den anderen FGZ-Siedlungen wie dem Grossalbis, wo die Fluktuation stetiger und die Bevölkerung organischer gewachsen ist.»

So wurde Hofstetter jüngst als Vermittler gerufen, weil Kinder den Sand der Alleebäume ausgegraben hatten. Schnell stehe dann der Vorwurf im Raum, die jungen Eltern nähmen ihre Erziehungspflicht nicht wahr. Ein klärendes Gespräch helfe aber oft.

Bisher sind alle geblieben

Manchmal stellen sich die Eltern vor, wie es sein wird, wenn die Kinder in die Pubertät kommen. Ella Esposito scherzt: «Ich male mir aus, wie sich die Jugendlichen zu Gangs zusammenschliessen und das Quartier unsicher machen.» Ganz zu schweigen von den Mutproben, Rauchversuchen und Liebesdramen. Natalie Eberle vom Quartiernetz Friesenberg kennt diese Geschichten aus anderen Siedlungsteilen wie dem Kleinalbis, wo es immer wieder Nachtruhestörungen und Vandalismus gibt. «Wir sind laufend daran, gerade für die Jugendlichen Angebote zu schaffen», sagt sie. Jüngst zum Beispiel einen Mittelstufentreff.

Derzeit geniessen die Friesenberg-Eltern die warme Jahreszeit und das Draussensein. Dabei werden sie aber auch mit den Dingen konfrontiert, derentwegen sie manchmal am liebsten wegziehen würden. Getan hat dies bisher noch niemand. Alle wissen schon jetzt, dass sie sich Ende Sommer auf den Winter freuen werden – wenn sie sich mit ihren Familien wieder mal in ihre Höhle zurückziehen können. Ebenso sicher ist aber, dass die Kinder auch bei Schnee ihr Paradies beherrschen werden.

* Namen geändert

Erstellt: 22.04.2014, 23:54 Uhr

Karte

Genossenschaften im Quartier Friesenberg

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2200 Wohnobjekte

Familien-Genossenschaft Zürich

Die Familien-Genossenschaft Zürich (FGZ) wurde 1925 gegründet. Als Vorbild für die Bauten dienten englische Gartenstädte, das heisst Strassenzüge mit Reihenhäusern und Grünflächen davor. Bis heute hat die FGZ über 1000 Einfamilienhäuser erstellt, gesamthaft besitzt sie 2200 Wohnobjekte, die bis auf den Manessehof alle im Friesenberg-Quartier liegen. Die verschiedenen Siedlungsteile wurden in den letzten Jahren laufend erneuert. Die neuste Etappe umfasst die Häuser entlang der Grünmattstrasse, deren letzte Einheiten derzeit bezogen werden. Sie ist die erste autofreie Siedlung. Um auch die öffentlichen Strassen durchs Quartier zu erwerben, hat die FGZ der Stadt 1,6 Millionen Franken bezahlt. Bis 2019 wird das Zentrum Friesenberg zwischen Schweighof- und Arbentalstrasse erneuert. (ema)

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