Die Krawalle und das Rätselraten um vier Zahlen

Nach den Ausschreitungen vom Freitag wird in der linksautonomen Szene der Vorwurf laut, dass Fussball-Hooligans dafür verantwortlich sind. In der Südkurve und beim FCZ sieht man jedoch keinen Zusammenhang.

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Sieben verletzte Polizisten, mehrere Festnahmen und Sachschäden in der Höhe von über einer Million Franken: Drei Tage nach den Ausschreitungen in den Kreisen 3 und 4 vom Freitagabend kann die Stadtpolizei Zürich noch keine genaueren Angaben über die Hintergründe der Krawalle machen. Es werde verschiedenen Hinweisen aus der Bevölkerung nachgegangen, teilt sie am Montag mit. Noch immer werden Zeugen gesucht - und Bild- oder Videomaterial von den Ereignissen.

Die blinde Zerstörungswut während des vermeintlichen «Reclaim the Streets»-Umzugs wird inzwischen sogar auf der linksautonomen Plattform Indymedia scharf kritisiert. Ein anonymer Autor bezeichnet die Demonstration vom Freitag als «zu aggressiv» und «zu wenig feierbar». Musik und Tanz gelten als wichtige Elemente bei Demonstrationen der «Reclaim the Streets»-Bewegung. Am Freitag sei die Musik jedoch wegen der lauten, angsteinflössenden Knaller kaum wahrnehmbar gewesen, schreibt der Augenzeuge weiter. «‹Reclaim the Streets› ist voll am Arsch», lautet sein Fazit.

Reclaimen Hooligans the Streets?

In einem anderen Kommentar wird kritisiert, dass «einige Hools aus der faschistoid angehauchten Ecke» die «Reclaim the Streets»-Bewegung, kurz RTS, offensichtlich vereinnahmen würden. Diesen Eindruck bestätigt ein weiterer Eintrag auf der Indymedia-Seite: «Das war eine ACAB-Party, kein RTS.»

Die Abkürzung ACAB steht für «All Cops Are Bastards» – zu Deutsch «Alle Polizisten sind Bastarde». Sie wird vor allem in der Punk- und Hooligan-Szene verwendet. Entsprechend ihrer Reihenfolge im Alphabet werden die Buchstaben auch in der Zahlenabfolge 1312 verschlüsselt. Der 13. Dezember, der ACAB-Day, ist denn auch der Tag, an dem international immer wieder zu Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Repression aufgerufen wird. So warnte denn auch die deutsche Polizeigewerkschaft bereits im Vorfeld vor Ausschreitungen am Samstag in den Bundesligastadien.

«Die FCZ-Fans wollen keine Läden zerstören»

Hinweise auf die Hooligan-Szene liefern auch FCZ- und 1312-Tags, die von den Demonstranten in der Nacht auf den 13. Dezember entlang der Route an Wände gesprayt wurden. Ein Kenner der Fussballfanszene und Südkurven-Besucher warnt jedoch vor einer pauschalen Beschuldigung der FCZ-Fans. «Die Südkurve hat keinerlei Interesse daran, dem Kleingewerbe die Läden zu zerschlagen», sagt er zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Der FCZ werde zwar unter den Fussballfans eher der linken Szene zugeordnet. Somit sei es gut möglich, dass es eine Verbindung zum Schwarzen Block gebe und dass am Freitag auch ein paar FCZ-Fans als Sympathisanten mitgezogen seien. «Das sind aber sicher nur vereinzelte Personen gewesen. Man kann auf keinen Fall davon ausgehen, dass die Südkurve massgeblich an den Ausschreitungen beteiligt gewesen war.»

FCZ sieht keine neue Tendenz

Auch dem FCZ ist bekannt, dass am 13.12. jeweils demonstriert wird. «Bei uns war das allerdings noch nie ein Thema, deshalb waren bisher auch keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen nötig. Wir gehen auch nicht davon aus, dass sich hier eine neue Tendenz einschleichen könnte», sagt FCZ-Sprecher Patrick Lienhart auf Anfrage.

Der FCZ hat bislang auch keinerlei Hinweise darauf erhalten, dass ein Zusammenhang zwischen den Ausschreitungen vom Freitag und dem FCZ bestehe. «Es hat uns überrascht, dass dieser Zusammenhang nun geschlossen wird, zumal der Grund für die Demonstration unseres Wissens nichts mit Fussball zu tun hat und auch kein Spiel stattfand», sagt Lienhart. «Sollten die Ermittlungen aber ergeben, dass tatsächlich ein Zusammenhang besteht, dann würde uns die Polizei dies sicher mitteilen.»

Was die Tags anbelange, so seien diese beim FCZ schon länger ein Thema. «Wir verurteilen solche Verunstaltungen von fremdem Eigentum. Sie fallen immer auf den FCZ zurück, und wir haben deshalb schon öfter Reklamationen erhalten», so Lienhart. Der Fussballclub habe die Fans daher über Kommunikationskanäle schon mehrfach dazu aufgerufen, auf Sprayereien sowohl auf privaten wie auch auf öffentlichen Grundstücken zu verzichten.

Erstellt: 15.12.2014, 13:12 Uhr

«Reclaim the Streets»

«Reclaim the Streets» (Rückeroberung der Strasse) oder kurz RTS ist eine internationale Protestbewegung. Mit Aktionen auf öffentlichen Strassen demonstrieren die RTS-Aktivisten für kulturelle Vielfalt und mehr Freiraum für eine lebendige Subkultur. RTS hat auch der Gentrifizierung den Kampf angesagt und fordert den Erhalt von günstigem Wohnraum in Zürich.

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