«Die Kündigung ist ein Hammerschlag»

Weil eine Pensionskasse ihre Liegenschaft total sanieren will, hat sie allen Mietern gekündigt. Die Bewohner – viele Pensionäre – sind schockiert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das sechsstöckige Wohnhaus an der Aprikosenstrasse 28 ist derzeit das Gesprächsthema Nummer eins in Schwamendingen. Die Besitzerin, die Pensionskasse Georg Fischer in Schaffhausen, hat am 2. Oktober allen Mietern auf den Frühling 2009 gekündigt. Ein Grossteil der Bewohner ist zwischen 75 und 90 Jahre alt. Viele können wegen der Kündigung nicht mehr richtig schlafen, sind verunsichert und empört. Susanne B. (Name der Redaktion bekannt): «Die Kündigung ist ein Hammerschlag. Die werfen uns nach so vielen Jahren raus, sanieren das Haus und vermieten nachher die Wohnungen viel teurer weiter.»

Die 80-jährige lebt seit 1960 in einer 2-Zimmer-Wohnung an der Aprikosenstrasse. Die Miete kostet sie monatlich 900 Franken. Sie kann nicht verstehen, warum das Gebäude in einem schlechten Zustand sein soll. «Die Fassade wurde vor sechs Jahren isoliert, vor einem halben Jahr gab es einen neuen Lift, und auch die Fenster erhielten Doppelverglasungen.» Susanne B. hat Angst – Angst, wie es mit ihr weitergehen soll. Sie befürchtet, in ihrem Alter kaum mehr eine bezahlbare Wohnung zu finden. Zwar habe die Verwaltung versprochen vorbeizukommen, um nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Doch sie traut dem Angebot nicht: «Für den Vermieter zählt nur das schnelle Geld. In den vergangenen Jahren wurde jede freie Wohnung im Haus nur noch mit Doppelverdienern oder Singles besetzt.»

Ältester Bewohner ist 93 Jahre alt

Auch Axel F., ebenfalls ein langjähriger Hausbewohner, wurde von der Kündigung überrascht. «Es war immer von einer sanften Renovation die Rede.» Er wohnt seit 48 Jahren an der Aprikosenstrasse und schätzt die familiäre Atmosphäre. «Die meisten Mieter, der älteste ist 93 Jahre alt, sind per Du miteinander.» Vor wenigen Monaten sei noch ein junges Ehepaar eingezogen. «Die sind total schockiert, dass sie im nächsten Frühling wieder ausziehen müssen.» Die Wohnungsnot in Zürich macht Axel F. Sorgen. «Die meisten günstigen Wohnungen gehen doch unter der Hand weg.»

Die Pensionskasse Georg Fischer kommt den langjährigen Mietern insofern entgegen, als sie die Kündigungsfristen von drei auf sechs Monate erhöhte. «Die Liegenschaft muss dringend saniert werden, sonst drohen grössere Schäden», sagt Bettina Schmidt, Pressesprecherin von Georg Fischer. Die sanitären und elektrischen Anlagen sowie Küche und Bad sind veraltet. Nach dem Umbau wird die Anzahl Wohnungen um die Hälfte reduziert; es entstehen pro Etage weniger, dafür grössere Wohnungen.

Wie hoch der Mietzins nach der Sanierung ist, will Schmidt noch nicht sagen: «Wir bauen sicher keine Luxusappartements. Die neuen Wohnungen werden zu den marktüblichen Preisen vermietet.»

Mieter verlangen Fristerstreckung

Das Haus in Schwamendingen ist nur ein Beispiel von vielen. Das Problem ist bekannt: In der Stadt Zürich werden alte Wohnungen aufwendig saniert und nachher zu einem höheren Preis vermietet. «Das ist legal. Nach einer Totalsanierung kann der Vermieter den Mietzins neu ansetzen», sagt Niklaus Scherr, Geschäftsleiter des Mieterverbandes Zürich. Das «Dossier Aprikosenstrasse» liege bei ihnen auf dem Tisch. «Wir werden die Betroffenen in den nächsten Tagen zu einer Versammlung einladen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.» Jeder Mieter hat das Recht, seine Kündigung innert 30 Tagen, nachdem er sie erhalten hat, bei der Schlichtungsbehörde anzufechten.

Genau dies hat Susanne B. gemacht. «Ich wehre mich», sagt sie. Und mit ihr mehr als die Hälfte der Mieter an der Aprikosenstrasse. Sie fechten die Kündigung an und verlangen Fristerstreckung. Mit diesem Rechtsmittel kann eine Kündigung maximal um vier Jahre hinausgezögert werden. Susanne B. will in Schwamendingen bleiben und hofft, im Quartier eine neue Wohnung zu finden. «Nur die Gemeinschaft kann ich nicht mitnehmen. Die wird durch die Sanierung zerrissen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.10.2008, 22:18 Uhr

TA Marktplatz

Blogs

Mamablog Beisshemmung vor der Zahnspange

Geldblog Softwarefirma profitiert von Banken unter Druck

Sponsored

Baumkronen und Melkcomputer

Der Bauernalltag ist nicht nur ein Knochenjob, sondern auch eine Wissenschaft. Für eine Städterin gibt es viel zu lernen. (Teil 4/4)

Die Welt in Bildern

Nichts für schwache Arme: Chinesische Arbeiter formen ein Tonfass in einer Porzellanfabrik in Jingdezhen (23. September 2017).
Mehr...