Die Landeshymne, die keiner hören wollte

Paul Burkhard schrieb 1973 für das Eidgenössische Sängerfest in Zürich eine neue Landeshymne. Sie löste fast einen Streik aus, und der Komponist fiel in eine Depression.

Der grosse Moment: Am 29. März 1973 stellte im Zürcher Stadthaus ein Chor das «Schweizerlied» vor.

Der grosse Moment: Am 29. März 1973 stellte im Zürcher Stadthaus ein Chor das «Schweizerlied» vor. Bild: Keystone

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Paul Burkhard wusste, was die neue Landeshymne nicht sein soll: Keine Berge, kein Morgenrot soll sie besingen, nicht schwer im Wortschatz darf sie sein. Mit dem Zürcher Autor Herbert Meier schrieb er das «Schweizerlied» als Alternative zum Schweizerpsalm, der damals, in den 60er- und 70er-Jahren wegen seiner Schwülstigkeit in der Kritik stand.

Dieses Lied nahm den sonst produktiven Burkhard, der im Dezember hundert Jahre alt würde, lange in Anspruch. Im November 1971 hatte ihn Hans Erismann, der Leiter des Zürcher Opernhaus-Chores, in seinem Haus in Zell besucht, um ihn dazu zu ermuntern, für die Schweiz eine neue Landshymne zu komponieren. Die Idee war, sie als «Schlussbouquet» des 30. Eidgenössischen Sängerfests, das im Mai 1973 in Zürich stattfinden sollte, aufzuführen. Erismann war Musikdirektor des Grossanlasses, bei dem das erste Mal auch Frauen mitsingen durften.

Ein Lied für Fussballsiege

In der Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich liegt die Abschrift einer «Plauderei» Burkhards zum Thema. Seit Jahren sei er von Leuten bekniet worden, eine neue Landshymne zu verfassen. Und er erzählt von einer Anekdote, die sich in den 50er-Jahren in Los Angeles ereignet hatte: Ein Schweizer Offizier der Korea-Kommission wurde in einer Bar, in der hohe Offiziere vom Pianisten mit der jeweiligen Nationalhymne empfangen wurde, fälschlicherweise mit der «Marseillaise» beehrt. Als dieser anmerkte, er sei Schweizer, griff der Pianist unverzagt in die Tasten und intonierte «O mein Papa».

Burkhard freute sich über Erismanns Vorschlag, zumal sich Bundesrat Ernst Brugger dem Wunsch anschloss. Erismann beschreibt die Reaktion im Buch «O mein Papa»: «Der Groschen fiel bei ihm sofort.» Sie beide seien ins Schwärmen gekommen. Es müsse ein Lied werden, das am 1. August, aber auch bei einem Sieg der Schweizer Nationalmannschaft gesungen werden könne.

Ursula Schellenberg arbeitete in jener Zeit eng mit Paul Burkhard zusammen und ist heute seine Nachlassverwalterin. Sie erinnert sich, wie Burkhard über Monate mit Freunden und Bekannten – und natürlich mit dem Textautor Herbert Meier – über Text und Melodie, Sinn und Zweck einer Landeshymne brütete. Nach vielen Zwischenlösungen und Umarbeitungen entstand seine kürzeste Komposition überhaupt: elf Zeilen, dreissig Takte, sechs Töne Umfang. Denn der Text sollte einfach zu merken, die Melodie einprägsam sein. «Man müsste singen, was nottut», schrieb Herbert Meier einmal. Und vor allem müsse man die alten Schweizer Vorstellungen begraben. Im «Schweizerlied» lautet diese Forderung dann: «Wir wollen die alten Legenden begraben.» Statt «Betet, freie Schweizer betet» im Schweizerpsalm. Oder: «Wir wollen ein offenes Haus sein allen» statt «In des Himmels lichten Räumen selig träumen». Meier schreibt in Grossbuchstaben: «WIR WOLLEN». Das «Schweizerlied» «als ein Entschluss, ein Postulat von uns selbst, ein Lied des Aufbruchs».

Zu wenig Gott und Nationalstolz

Am 29. März 1973 um 17.35 Uhr wurde die Hymne im Musiksaal des Stadthauses Zürich vor geladenen Gästen und den Medien zum ersten Mal aufgeführt. In allen vier Landesprachen. Die deutsche Version trugen die Sängerinnen und Sänger der Harmonie Zürich und die Bläser der Harmonie Oerlikon-Seebach vor. Zuvor hatte Stadtpräsident Sigmund Widmer die Gäste begrüsst, Musikdirektor Erismann, Meier und Burkhard hatten kurz gesprochen.

Das «Schweizerlied» wurde von den Medien erst verhalten aufgenommen, fiel dann aber beim Volk total durch. Der «Blick» machte mit einer Tonbandaufnahme eine Strassenumfrage und zitiert einen Passanten: «Wenn der Bundesrat die Neuschöpfung zulässt, verzichte ich auf mein Schweizer Bürgerrecht.» Von zwanzig befragten Rekruten der Infanterie RS 6 lehnten achtzehn das Lied ab. Die SVP vermisste die «Wärme», andere befanden den Text für einfältig, die Melodie für kindisch &endash oder zu preussisch. Das «Ostschweizer Tagblatt» meldete gar, dass beim «Eidgenössischen» ein Sängerstreik drohe. Viele Sänger würden sich weigern, das als Schlusslied angekündigte «Schweizerlied» zu singen. Es fehle der Nationalstolz und Gott. Paul Burkhard trafen weniger diese Voten aufgeregter Patrioten als das Schweigen seiner Freunde. Ursula Schellenberg erinnert sich. «Es kam kein tröstendes Telefon, kein Brief, kein Besuch.» Von all denen, die mit ihm voller Eifer über das Lied disputiert hatten, habe sich keine Menschenseele gemeldet. Seine Enttäuschung darüber war grenzenlos. «Paul fiel in eine Depression, schloss sich ins Zimmer ein und sprach mit niemandem mehr.» Burkhard brachte monatelang keine Note zu Papier.

Zurück zum Alpenglühn

Doch dann fand er einen Weg aus seiner Depression heraus, der für ihn bezeichnend war: 1974 bat ihn der Männerchor des Thurgauer Dorfes Tägerwilen, zum 150-jährigen Vereinsbestehen ein Festspiel zu schreiben. Erst winkte er ab, doch als dies Sänger versicherten, sie würden seine Wünsche voll und ganz respektieren, schrieb er «Ding-Dang-Dinglikon» – «Fascht es Fäschtspiel». Darin singt ein Männerchor ein «Schweizerlied» mit neuer Melodie und neuem Text. Triefend vor Alpenglühn, Ewigkeit und Heldentum. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.07.2011, 21:30 Uhr

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«Singen, was nottut»: Paul Burkhard und Herbert Meier (r.) bei der Premiere. (Bild: Keystone )

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