«Die Lehrer machen die wichtigste Arbeit»

Margalith Kleijwegt hat ein Buch über ein Amsterdamer Problemquartier geschrieben. In Zürich sprach sie über ihre Erfahrungen und Ideen, um Ausländer besser zu integrieren.

Setzt auf die Schule als integrierende Kraft: Buchautorin Margalith Kleijwegt.

Setzt auf die Schule als integrierende Kraft: Buchautorin Margalith Kleijwegt. Bild: PETER LAUTH

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Frau Kleijwegt, Integration ist eines Ihrer Spezialgebiete als Journalistin und Autorin. Was fasziniert Sie so daran?
Ich interessiere mich für Dinge, die anders sind, und ich liebe Leute, die kämpfen müssen. Mein Vater hat Vorfahren aus der ganzen Welt und meine Mutter ist Jüdin. Dass man niemanden diskriminieren darf, war bei uns zu Hause immer klar.

Der Begriff multi-kulti war lange positiv besetzt. In Zürich war man stolz auf die Langstrasse mit ihren über 150 Nationalitäten. Heute ist das nicht mehr so. Wie erklären Sie sich das?
Ich kann nur über Holland reden. Man hat die Probleme viel zu lange tabuisiert und weggeschaut. Man fand einfach marokkanisch und türkisch Essen eine nette Abwechslung. Dass viele Familien mit Migrationshintergrund ausserhalb der Gesellschaft lebten, wollte niemand sehen.

Was hat in Holland den Ausschlag zum Umdenken gegeben?
Der 11. September schockierte auch Holland. Umso mehr, weil einige Muslime, die bei uns aufgewachsen sind, jubelten. Viele Jugendliche speicherten ein Bild von Bin Laden auf ihrem Handy und besprayten Wände mit anti-westlichen Sprüchen. Natürlich war das auch pubertäre Provokation – aber nicht nur. Der entscheidende Moment war wohl, als der Filmemacher Theo van Gogh im November 2004 von einem jungen Marokkaner im Namen Allahs erschossen wurde. Seither ist das beidseitige Vertrauen verschwunden.

Damals schlossen Sie gerade ihre Milieustudie über das Quartier Amsterdam West ab, für die Sie während eines Jahres die Schüler und Eltern einer so genannt schwarzen Klasse – 90 Prozent der Schüler sind Migranten – besuchten.
Als es passierte, war ich nicht erstaunt. Der Mörder war in dem Viertel aufgewachsen, mit dem ich mich so intensiv beschäftigt habe. Den Anstoss zur Milieustudie gab mir ein Ereignis im 2003. Damals skandierten junge Marokkaner an der jährlichen Gedenkfeier für die Opfer des Zweiten Weltkriegs antisemitische Sprüche. Ich wollte wissen, was das für Jugendliche waren und ihre Eltern kennen lernen. Mit Briefen in Holländisch, Türkisch, Arabisch und der Berbersprache an die Eltern half mir die Calvijn-met-Junior-Schule, die Türen zu öffnen.

Wie begegnete man Ihnen in Amsterdam West?
Manchmal gar nicht, manchmal skeptisch, oft aber auch sehr herzlich. Häufig war ich die erste Holländerin, die diese Familien zu Hause besuchte. Ich hatte keinen Dolmetscher, weil ich wie eine Anthropologin vorgehen wollte. Waren die Kinder da, übersetzten sie.

In Ihrem Buch «Schaut endlich hin!» beschreiben Sie eine richtige Parallelwelt.
Die Kinder gehen in Schulen mit nur Migranten, sie leben in Vierteln mit nur Migranten, sie kaufen dort ein und haben oft nur mit Verwandten und Freunden aus der eigenen Region zu tun. Sie schauen türkisches, indisches oder marokkanisches Satellitenfernsehen. Die meisten Frauen sprechen kaum Holländisch und ihre Kinder haben keine holländischen Freunde – wie sollen sie da Holländisch lernen? Das hat mich sehr empört. Die Politiker hätten diese Entwicklung früher stoppen müssen.

Wie konnten sich diese Parallelwelt überhaupt etablieren?
Weil Migrantenfamilien meist viele Kinder haben, ziehen sie in subventionierte Wohnungen – und dann ziehen die Holländer weg. So geht das natürlich nicht, es braucht eine Annäherung von beiden Seiten.

Auch in Zürich nimmt die soziale Durchmischung in den Quartieren ab. Die somalische Islamkritikerin Ayaaan Hirsi Ali fordert Zwangsnachbarschaften, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Was halten Sie davon?
Das ist unmöglich.

Welchen Weg schlagen Sie vor?
Man muss die Schule stärken. Die Schule ist das Lebenszentrum der Kinder und der einfachste Ort, um die Eltern abzuholen. Denn jeder Vater und jede Mutter will den Kindern eine gute Zukunft ermöglichen. Im Gegensatz zu anderen Institutionen ist die Schwellenangst bei den Schulen viel tiefer. Wir müssen aus den Schulen offene, multifunktionale Orte der Begegnung machen.

In «Ihrer» Schule engagieren sich dank ihrem Buch mittlerweile auch Unternehmen wie Nike und grosse Banken. Wie ist es dazu gekommen?
Nach meinem Einblick in diese Welt bin ich Aktivistin geworden. Viele haben sich für meine Studie interessiert, und es ist mir gelungen, aus dieser Aufmerksamkeit etwas für die Schule herauszuholen. Problemschulen brauchen das beste Lehrpersonal und am meisten Mittel. Dank der Unterstützung vieler Politiker und des Bürgermeisters von Amsterdam können die Schüler jetzt Praktika bei den Gemeinden, ja sogar beim Bürgermeister absolvieren. Das hat auch private Sponsoren aufmerksam gemacht.

Die Lehrer fühlen sich unter Druck – denken Sie, man kann ihnen noch mehr aufbürden?
Die Lehrer sollen natürlich nicht überfordert werden – es braucht einfach mehr Geld und Ressourcen für die Schulen. In Holland haben wir die Lehrer jahrelang vergessen, dabei sind sie Helden, sie machen die wichtigste Arbeit überhaupt. Das haben sie zu lange nicht gehört.

Wie können Kinder Wurzeln schlagen, wenn sie zu Hause in einer anderen Welt leben?
Es ist möglich, aber auch sehr schmerzhaft für die Kinder. Unser Staatssekretär für Soziales und Arbeit, Ahmed Aboutaleb, hat dazu etwas Spannendes bemerkt. Er zog mit 13 Jahren von Marokko nach Holland und hat gesagt, in diesem Alter in ein neues Land zu ziehen sei viel einfacher, als dort auf die Welt gekommen zu sein. So wisse man, was man hinter sich gelassen habe. Viele in Holland geborene Kinder mit Wurzeln in anderen Ländern romantisieren diese, was ein grosses Problem darstellt.

Was kann man dagegen machen?
Man muss darüber reden können, es braucht eine Konfrontation und Zeit. Andere Leute haben andere Schwierigkeiten, wie beispielsweise Eltern, die sich scheiden lassen. Das Leben ist nicht einfach. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2008, 21:58 Uhr

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