Die Leuchtturmbauer

Das Radioprojekt Rundfunk.fm hat ein neues Wahrzeichen erhalten – kreiert wurde die originelle Lichtskulptur von der Kleinagentur Pfeffermint.

So entstand der Leuchtturm. Video: TA

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Rundfunk.fm, das stets auf einen Sommermonat befristete Zürcher Erlebnis­radio, ist seit gestern zurück auf Sendung. Vor allem aber ist es zurück im Innenhof des Landesmuseums – nach der dreijährigen Odyssee über die Europaallee aufs Geroldareal sind viele Besucher froh um dieses Comeback an früherer Wirkungsstätte; in der hysterischen Partyzone im Kreis 5 hatten sich vorab alte Stammgäste nie sonderlich wohlgefühlt.

Verbunden ist diese Rückkehr mit einem neuen und in jeder Hinsicht starken Wahrzeichen: Es ist eine zehn Meter hohe «typografische» Skulptur, die selbstbewusst den Radionamen in den Himmel schreibt, deren Spiegel den architektonischen Spagat des Museums zwischen uralt und hochmodern reflektieren, und die zu nächtlicher Stunde, passend zum Geschehen im öffentlichen Studiozelt, zum rotierenden Discolicht wird.

Die «unbekannten» Erfolge

Fast noch besser als Wahrzeichen oder Skulptur passt aber Leuchtturm – auch deshalb, weil der Zürcher Firma, die das smarte Objekt erschaffen hat, wieder und wieder eigenwillige, unvergleichliche Gestaltungsideen gelingen. Und solch grosse Würfe bezeichnet man im Fachjargon – genau! – als «Leuchtturmprojekte».

Es mag erstaunen, dass man eine Firma, die derart kreativ ist, überhaupt noch vorstellen muss. Doch dafür gibt es einen simplen Grund: Wie die meisten wahren Stilisten verzichtet auch Pfeffermint – so heisst die Agentur für visuelle Kommunikation – auf protzige Selbstvermarktung. Was zur Folge haben kann, dass man als Gast eines Events plötzlich in einem Raum steht, der mit so viel Verve und originärem Style gestaltet ist, dass es einem (bildlich gesprochen) beinahe den Boden unter den Füssen wegzieht, oder man unversehens ein Pack Jasmintee in der Hand hält und findet, «wow, diese Verpackung, die gehört doch zwingend in die Designsammlung des Moma in New York!» – aber weder bei der Location noch beim Teebehälter eine Ahnung hat, wer dahintersteckt.

Das sei tatsächlich das Los ihres Geschäftsmodells, bestätigt Britta Hagen mit einem Lachen, «doch es ist auszuhalten». Hagen, 38 Jahre jung, ursprünglich Dekorationsgestalterin, vor allem aber bekannt geworden durch die Organisation der einstigen Schweizer Vorzeigemodeschau Gwand, ist die Gründerin und heutige Mitinhaberin von Pfeffermint. Ihr Partner – geschäftlich wie privat – ist Simon Renggli, ebenfalls 38, gelernter Polygraf, der in den Nullerjahren als Partyveranstalter mithalf, dem träge gewordenen Nachtleben einen heilsamen Tritt in den Hintern zu verpassen.

So, und auch wenn diese Zeitung bekanntlich kein Homestoryblatt ist, muss eine Frage gestattet sein: «Büro und Bett teilen, kann das gut gehen?» Sie schmunzeln, dann sagt Hagen: «Bevor wir uns diese Frage überhaupt stellen konnten, war bereits das erste Kind unterwegs.» Inzwischen sind sie zu viert, und wenn man die fidelen Junioren Miro und Dimitri beobachtet, die beim Gespräch ab und zu reinschauen, weil sie endlich in die Badi wollen, stellt man beruhigt fest: alles paletti in dieser Business- und Family-Konstellation.

Das Motto lautet «Alte Schule»

Aber nun zur ernsten Sache. Und zur Frage, weshalb ein Unternehmen überhaupt visuelle Kommunikation braucht. «Weil es völlig unabhängig von der Branche immer schwieriger ist, sich im Markt gut zu positionieren und zu präsentieren», laut Rengglis Votum. Wobei er den Begriff «gut» präzisiert mit: «Das heisst, auf die zentralen Werte fokussierend, originell, aber keinesfalls aufdringlich.»

Damit sind wir bereits mitten in der Firmenphilosophie. Hagen sagt, angestrebt würden in der Regel «individuelle Gesamtlösungen» für Branding und Design, die von Packaging über Interior bis zum Firmenanlass alle Bereiche des Auftritts einer Marke beinhalten. Und die – das ist wichtig – «nachhaltig wirken», sprich mittel- bis langfristig brauch- und ausbaubar sind. Damit dies gelingt, setzt man aufs persönliche Gespräch und dabei auf vernünftige Argumente statt auf das Schlaraffenland verheissende Behauptungen. Zudem sei man eher «old­skool», meint Renggli – zur Kultur gehören die Wertschätzung (Freischaffenden und Zulieferern hält man die Treue), die faire Kalkulation (statt pingelig auf jeder Überstunde herumzureiten, werden die Kosten bei Vertragsabschluss pauschal festgesetzt) und das familiäre Arbeitsklima – wohl deshalb findet man auf der Firmen-Website in der Rubrik «Fakten» den Eintrag «Ex-Mitarbeiter: 0».

Business- und Family-Konstellation: Pfeffermint-Inhaber Simon Renggli und Britta Hagen. Foto: Thomas Egli

Damit diese alte Schule funktioniert, bedarf es passender Rahmenbedingungen. Dazu gehört sicher die überschaubare Grösse – aktuell zählt das Team 13 Mitarbeiter, die so unterschiedliche Berufsbereiche wie Fotografie, Grafik, Illustration, Schreinerei, Schriftenmalerei, Szenografie, Innenarchitektur oder Industriedesign abdecken; für andere Arbeiten greift man auf ein dynamisches Freelancer-Netzwerk zurück. Dazu gehört aber auch die Infrastruktur: An der Lessingstrasse 15 im Engequartier, wo sich der Sitz von Pfeffermint befindet, hat es darum nicht nur ein Grossraumbüro samt Sitzungszimmer, sondern ebenso eine Werkstatt sowie eine reichhaltig bestückte Requisitenkammer.

Das erwähnte Team erledigt pro Jahr gegen 80 Aufträge. Die einen bedingen bloss ein paar Tage Arbeit, bei anderen sind es mehrere Monate; für die einen werden 3000 Franken in Rechnung gestellt, bei komplexen Grossaufträgen ist die Budgetskala nach oben offen. Britta Hagen will aber betont haben, dass weder die Grösse noch die Strahlkraft des potenziellen Auftraggebers eine Rolle spielen, «es geht allein darum, dass wir im Gespräch das Gefühl für den Kunden bekommen, dass wir eine Offenheit für unsere Arbeitsweise und Ideen spüren».

Deshalb findet man im Kundenportfolio nebst Big Names wie Credit Suisse, Fondation Beyeler, Cartier, ETH oder Bundesamt für Kultur auch Klein­betriebe wie Länggass-Tee in Bern – für diesen schmucken Laden wurde eben die Verpackung kreiert – oder Roost Optik in Schaffhausen, wo Britta Hagen seit 14 Jahren ein Schaufenster gestaltet.

Ein wenig Rohheit muss sein

Nun aber zurück zum jüngsten Projekt, der Rundfunk-Skulptur. Renggli berichtet, der Gedanke an eine Buchstabensäule sei ihm rasch gekommen, wobei er versucht habe, die Charakteristik des Landesmuseum-Neubaus ins Design der Typografie einfliessen zu lassen.

Dass es vom Entwurf bis zum Aufbau in der Nacht auf gestern Freitag dennoch 60 Tage dauerte, lag zum einen an der Ausgestaltung des Objekts – es mussten 6311 LED-Leuchtplättchen und 54 Quadratmeter Spiegelfläche eingesetzt werden. Andererseits hatte der Kreativkopf einen Motorenbauer (für die 1440 täglichen Drehungen des Leuchtturms) und einen Statiker aufzutreiben, da die Konstruktion auch heftige Sturmwinde aushalten muss – deshalb ist sie, Beton­sockel inklusive, stattliche 13,4 Tonnen schwer. Dass dieser Sockel nicht «kosmetisch» kaschiert wurde, ist übrigens kein Fauxpas: «Ich fand, etwas Rohheit würde dem smoothen Rundfunk-Groove ganz gut anstehen», so Renggli lachend.

Rundfunk, Hof Landesmuseum, bis 3. 9. UKW-Frequenz: Zürich-Süd 107,2 MHz, Zürich-Nord 88,1 MHz, Live-Stream (über Website), DAB. Die Bar ist täglich von 17 bis 24 Uhr geöffnet. www.rundfunk.fm

Erstellt: 05.08.2016, 22:05 Uhr

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