«Die Leute müssen aufhören, immer alles zurechtzuschneiden»

Pflanzen in Städten wie Zürich mehr Platz zu verschaffen, sei dringend nötig, sagt der Autor und Naturbeobachter Conrad Amber.

Wie der neue Hardplatz auch noch aussehen könnte: Die Visualisierung von Conrad Amber.


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Sie setzen sich für mehr Grün in Städten ein und geben Ideen, wo und wie man Pflanzen und Bäumen im urbanen Umfeld Platz geben kann. Wie macht sich Zürich in dieser Hinsicht?
Um die Grünflächen rigoros zu vergrössern, ist in Zürich der Leidensdruck noch nicht gross genug. Das liegt an der Topografie: Durch die Lage zwischen zwei Hügeln und die Nähe zum See ist der Luftaustausch im Vergleich zu anderen Städten hier viel besser. In Stuttgart sieht man beispielsweise bereits Menschen mit Schutzmasken herumlaufen, weil die Luftverschmutzung derart zunimmt. Damit in Zürich die Luft trotz Klimaveränderungen langfristig gut bleibt, müssten aber jetzt schon mehr Grünflächen eingeplant werden. Dazu ist allerdings ein Umdenken bei der gesamten Stadtbevölkerung nötig.

Inwiefern?
Sie müssen damit aufhören, immer alles zurechtzuschneiden und sauber zu halten. Ein aufgeräumter Garten wird in unseren Breiten als etwas Positives empfunden, dabei vernichtet man bei jedem Jäten Lebensraum und macht sich viel zu viel Arbeit. Ich mähe beispielsweise 3-mal pro Jahr in meinem Garten, habe eine kleine Rasenfläche und eine herrliche Blumenwiese. Meine Nachbarn mähen 16-mal – und haben nur einen artenarmen Rasen. Oder nehmen wir die Grünflächen entlang der Strassen. Es wäre weitaus sinnvoller, dort statt Gras hohe, blühende Pflanzen oder gar Brennnesseln wachsen zu lassen. Sie nehmen nachweislich mehr Feinstaub auf, bieten mit ihren Blüten Insekten Nahrung und müssen nur einmal pro Jahr gemäht werden, was Unterhaltskosten einspart.

In der Stadt Zürich leben hauptsächlich Mieter, die keine Gärten haben. Was können sie tun, um in ihrem Wohnumfeld Grünflächen zu vermehren?
Jeder kann selbst auf der kleinsten Fensterbank etwas anpflanzen. Um grössere Veränderungen zu bewirken, ist es manchmal hilfreich, wenn man sich zusammenschliesst. Beispielsweise um die Dachterrassen zu begrünen. In München haben die Mieter eines Wohnblocks die Dachfläche unter sich so aufgeteilt, dass jeder 60 Quadratmeter für sich selbst als Freiraum nutzen konnte. Dafür waren sie bereit, mehr Miete zu bezahlen. Davon profitieren die Vermieter – und zwar nicht nur aus finanzieller Sicht. Ein Dachgarten wertet die Liegenschaft auf und bringt nachhaltige Verbesserungen.

Welche Vorteile haben begrünte Dächer?
An sonnigen Tagen kann ein Flachdach mit Kiesbeschichtung über 80 Grad warm werden. Eine Grünfläche erwärmt sich auf höchstens 35 Grad. Im Winter wiederum dämmt das Substrat samt Bepflanzung besser als Kies. Je mehr Substrat auf einem Flachdach ausgelegt wird, desto besser die Wirkung auf das Klima im Haus. Entscheidend ist jedoch, dass die Dachhaut so länger dicht hält, weil es weniger Frost- und UV-Schäden gibt. Abgesehen davon hilft ein begrüntes Dach der Biodiversität und schafft Lebensraum und Futter für Insekten und Vögel.

Wie viele einfache Möglichkeiten es gäbe, einen Stadtraum zu begrünen, zeigen Sie anhand ihrer Visualisierung des neuen Hardplatzes. Weshalb setzt man in Städten trotzdem eher auf Beton und Stein als auf Pflanzen?
Die öffentliche Hand führt immer dieselben drei Argumente ins Feld: Solche Plätze sind einfacher sauber zu halten, das Wasser kann durch die Bodenneigung besser in die Kanalisation gelenkt werden, und der Schnee lässt sich besser wegräumen – wobei mit der Klimaerwärmung auch die Schneemengen in den Städten abnehmen. Bäume werden bei der Planung immer dort gesetzt, wo sie am wenigsten stören, oder sie werden ganz weggelassen. Dahinter liegen klar wirtschaftliche Interessen: Wird ein Platz zubetoniert, verdienen mehr Menschen Geld damit. Grundsätzlich sollte eine Kommune bei der Gestaltung von Freiräumen aber nicht das Praktische in den Vordergrund stellen, sondern die Nachhaltigkeit und das Wohlbefinden der Menschen, die dort leben und arbeiten.

Und das macht Zürich nicht?
Nein. Die Stadt kümmert sich zwar um den bestehenden Grünraum, aber sie macht zu wenig dafür, mehr Grün in den Stadtraum zu bringen. In Berlin sind beispielsweise schon über 50 Prozent der Strassen Alleen. Gemäss Studien ist entlang von Alleen der Feinstaubgehalt in der Luft um zwei Drittel geringer als an Strassen ohne Bäume. Es geht bei diesem Thema also nicht um Romantik oder Ästhetik, sondern um die Gesundheit der Leute, die dort leben oder arbeiten.

In Zürich sorgt allein die Gattung der Bäume, die in der Stadt gepflanzt werden, für Diskussionen. Viele wünschen sich einheimische Gehölze statt Exoten. Was meinen Sie dazu?
Wir müssen davon ausgehen, dass sich das Klima in den Städten noch stärker verändert als auf dem Land. Vor diesem Hintergrund sollten Baumarten angesiedelt werden, die solche Veränderungen aushalten. Eine Platane ist keine heimische Baumart, hat sich aber längst bei uns etabliert. Sie hält sowohl lange Trockenperioden als auch kalte Winter gut aus. Ob sich andere Exoten wie beispielsweise Akazien in unseren Breiten gut halten können, sieht man erst in 30 bis 50 Jahren.

Begrünte Fassaden sind in Zürich ebenfalls eine Seltenheit. Manche befürchten, dass durch die Pflanzen Schäden an der Bausubstanz entstehen könnten.
Dazu besteht kein Anlass. Rankpflanzen haften an den Fassaden und verwurzeln nicht darin. Auf Beton oder Metall ist das kein Problem. Wo man den Verputz schonen will, kann man Gitter oder Rankhilfen mit etwas Abstand zur Mauer anbringen. Das ist vor allem bei Schlingpflanzen wie Glyzinien wichtig, weil ihre Stämme mit zunehmender Grösse Dachrinnen oder Fallrohre zerdrücken können. Fassadenpflanzen bieten dafür eine natürliche Wärme- und Kältedämmung, filtern die Luft und können von Vögeln zum Nisten genutzt werden. Ich bin der Meinung, dass bei gewissen Bauten eine Verpflichtung zur Fassadenbegrünung bestehen sollte.

An welche Bauten denken Sie dabei?
Parkhäuser, Hallen, Lärmschutzwände und alle Mauern, die sinnfrei rumstehen, sollten ab sofort rigoros begrünt werden. Insbesondere Firmen, die grössere Industrieanlagen oder Gewerbebauten erstellen, müssen zur Fassadenbegrünung verpflichtet werden. Die grosse Fläche, die sie für ihren Betrieb nutzen, könnten sie dadurch kompensieren. Jedes Blatt und jeder Ast hilft, die Lebensqualität zu verbessern, und das macht auch eine Stadt attraktiver. Es gibt also nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Aspekte, die für eine Begrünung sprechen.


Baumfällaktion am General-Guisan-Quai

Wegen Pilzbefall: Bäume wurden am Seeufer Opfer der Verdichtung. Video: Tamedia (April 2017)


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 12:22 Uhr

(Bild: ZVG)

Conrad Amber

Der österreichische Autor, Fotograf und Autodidakt Conrad Amber, geboren am 13. Juli 1955, bereist Europa und dokumentiert zukunftsweisende Naturprojekte in Dörfern und Städten. Amber fungiert als Berater bei Begrünungen, Renaturierungen und bei der Pflege von Bestandbäumen. In seinem neuen Buch “Bäume auf die Dächer, Wälder in die Stadt” zeigt er unter anderem Möglichkeiten auf, wie mehr Grün ins urbane Umfeld gebracht werden kann. Der Vater von drei Töchtern lebt und arbeitet in Dornbirn.

Am Samstag, 10. März 2018, ab 10 Uhr findet in der Stadtgärtnerei der Stadt Zürich (Sackzelg 25, 8045 Zürich) ein Workshop mit Conrad Amber statt. Der Verein integrale Architektur und Lebensraumentwicklung führt den Workshop in Zusammenarbeit mit Grün Stadt Zürich durch.

Dach- und Fassadenbegrünung in Zürich

Seit 1991 ist in der Bau- und Zonenordnung der Stadt Zürich (BZO) gesetzlich festgelegt, dass neue Flachdächer zu begrünen sind. Diese Vorschrift gilt auch bei Sanierungen von Flachdächern. In der BZO sind zudem Vorgaben für die Begrünung weiterer Flächen enthalten. Die Stadt Zürich bietet auf ihrer Homepage zahlreiche Informationen und Anregungen sowie Beratungen zu diesen Themen an. Eine finanzielle Unterstützung bei der Dach- und Fassadenbegrünung durch das Hochbaudepartement der Stadt ist allerdings nicht vorgesehen. (tif)

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