«Die Menschenhändler haben ihre Methoden angepasst»

Psychische Gewalt, Drohungen gegen die Familie und eine repressive Prostitutionspolitik: Die Lage der Sexarbeiterinnen in Zürich hat sich laut Rebecca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel verschlechtert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Stadt Zürich zieht ein Jahr nach der Neuregelung der Prostitutionspolitik eine positive Zwischenbilanz. Wie beurteilen Sie die Situation?
Wir kommen zu einem anderen Schluss. Die Lage der Sexarbeiterinnen in der Stadt Zürich hat sich eindeutig verschlechtert seit der Einführung der neuen Massnahmen. Wir beziehen uns dabei auf die Aussagen der Sexarbeiterinnen selbst, die Erfahrungen der Salonbetreiberinnen und auf die Ergebnisse einer Erhebung bei den verschiedenen Beratungsstellen im Zürcher Sexmilieu.

Inwiefern hat sich die Lage verschlimmert?
Die Verkürzung der Arbeitszeiten für Sexarbeiterinnen und die Verkleinerung des Strassenstrichs in Verbindung mit den stärkeren Kontroll- und Sanktionsaktivitäten der Polizei haben die Arbeitsbedingungen der Frauen verschlechtert. Insbesondere das Salonsterben von Kleinstsalons, in denen ein selbstbestimmtes Arbeiten der Prostituierten möglich ist, werten wir als einen klaren Rückschritt. Gleichzeitig stellen wir fest, dass das restriktive Vorgehen der Stadt sich negativ auf das Vertrauen der Frauen in die Behörden und Beratungsstellen auswirkt und zu einer Verschiebung des Gewerbes in einen für uns weniger sichtbaren Bereich geführt hat.

Damit widersprechen Sie der Aussage der Stadtregierung, dass sich das Vertrauensverhältnis zwischen der städtischen Beratungsstelle Flora Dora und den Sexarbeiterinnen dank der neuen obligatorischen Gespräche verbessert hat.
Es ist kein Widerspruch. Die Stadt verweist auf die Anzahl der Verfahren, die im vergangenen Jahr eröffnet wurden und in deren Verlauf die Opfer dank der Zusammenarbeit mit Flora Dora erkannt werden konnten. Wir begrüssen diese Entwicklung und sind als Beratungsstelle auch in diese Abläufe involviert. Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Was uns Sorgen bereitet, ist die Zahl der Opfer von Frauenhandel, die uns neu zugewiesen wurden. Diese haben 2013 im Vergleich zu den Vorjahren um ein Viertel abgenommen.

Was ist negativ daran, wenn Ihrer Fachstelle weniger Frauenhandelsopfer gemeldet werden?
Auf den ersten Blick mag dieser Umstand tatsächlich positiv erscheinen. Es ist aber nicht so, dass der Menschenhandel abgenommen hat. Wenn wir uns auf unsere Quellen berufen, lassen sich die Opfer aufgrund der neuen Rahmenbedingungen in der Stadt Zürich weniger leicht finden. Auch das Vertrauen der Frauen in die Behörden hat gelitten. Zudem haben die Menschenhändler ihre Methoden den neuen Gegebenheiten angepasst.

Wie sehen diese neuen Methoden der Menschenhändler aus?
Sie kennen die neuen Regelungen sehr genau und haben rasch neue Strategien entwickelt. So wird viel weniger sichtbare, offene Gewalt gegen die Frauen ausgeübt. Dafür hat die psychische Gewalt zugenommen. Mit subtilen Druckmitteln machen sie die Frauen gefügig. Drohungen richten sich jetzt verstärkt gegen enge Familienangehörige im Herkunftsland.

Sie fordern nun, dass nichtstaatliche Beratungsstellen und Behörden gemeinsam neue Massnahmen für die Identifizierung von Opfern von Menschenhandel erarbeiten müssen. Wie wollen sie vorgehen?
Eine Patentlösung können wir nicht vorlegen. Wir müssen zunächst auf diese neue Situation reagieren und über die Bücher gehen. Fest steht zum jetzigen Zeitpunkt lediglich, dass die neuen Hürden im Prostitutionsgewerbe sich negativ auf das Auffinden der Opfer von Menschenhandel auswirken. Wir sind der Meinung, dass der Fokus der Polizeiarbeit vermehrt in der nichtrepressiven Ermittlungstätigkeit liegen sollte. Dort braucht es jetzt mehr Ressourcen. Sonst dürfte es noch schwieriger werden, mit den Sexarbeiterinnen in Kontakt zu treten.

Die Zahl der Prostituierten, die auf dem Strassenstrich anschaffen, hat sich halbiert. Wohin sind sie gegangen?
Diese Frauen sind nicht verschwunden oder in andere europäische Länder ausgewichen. Das Sexgewerbe ist einfach weniger sichtbar geworden. Die Prostituierten schaffen nun in Wohnungen im Raum Zürich an und werben ihre Freier übers Handy oder per Internet an. Zum Teil legal, zum Teil illegal.

Also stimmt das Fazit der Stadt nicht, dass keine Verlagerung in andere Gebiete stattgefunden hat?
Bei der Strassenprostitution gibt es tatsächlich keine Verlagerung. Denn auch andere Städte haben ihre Regelungen zum Strassenstrich verschärft. Man könnte tatsächlich von einem Strassenstrichsterben reden. Und auch Frauen, die in Salons arbeiten, weichen aus, arbeiten tageweise in anderen Städten, da sie keine Chance auf eine Salonbewilligung in Zürich haben. Wie viele es sind, lässt sich allerdings nicht sagen. Das erfahren wir von unseren Klientinnen und von anderen Beratungsstellen.

Erstellt: 01.04.2014, 15:05 Uhr

«Bei der Strassenprostitution gibt es keine Verlagerung, vielmehr ein Strassenstrichsterben»: Rebecca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration. (Bild: ZVG)

Die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration

Die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ setzt sich für den Schutz und die Rechte von Migrantinnen ein, die von Gewalt und Ausbeutung betroffen sind. Die FIZ führt zwei Beratungsstellen: die Beratungsstelle für Migrantinnen sowie die spezialisierte Interventionsstelle Makasi für Opfer von Frauenhandel und leistet zudem bildende und politische Arbeit.

Artikel zum Thema

Weniger bezahlter Sex in Zürich

Die Stadt zieht eine positive Zwischenbilanz zur Umsetzung der neuen Prostitutionspolitik. Die Sexarbeiterinnen fühlen sich am neuen Strichplatz sicherer, nehmen aber weniger Geld ein. Mehr...

Die Freier sind nicht mehr so spendabel wie früher

Prostitution Strassenprostituierte verkaufen bereits für 30 Franken ihren Körper. Der Konkurrenzkampf ist härter geworden, das bestätigen Milieukenner. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Sehen so Gewinner aus? Der Britische Premierminister Boris Johnson ist für kreative (Wahl-)Kämpfe bekannt, aber ob er mit Boxhandschuhen den Brexit voran und seine Wähler an die Urnen bringt? (19. November 2019)
(Bild: Frank Augstein/Getty Images) Mehr...