Hintergrund

Die Mode hat den Pelz neu entdeckt – und Kundinnen kaufen bedenkenlos

Ob Parka, Wollmütze oder Gilet: Tierfell verkauft sich an der Zürcher Bahnhofstrasse so gut wie noch nie. An der tierquälerischen Produktion hat sich nichts geändert, kritisieren Tierschützer – im Gegenteil.

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Letztes Jahr waren es imposante Krägen – dieses Jahr sind es flauschige Pompons auf Wollmützen: Die Mode hat den Echtpelz wiederentdeckt. «Und die Kunden greifen gedankenlos zu», sagt die Tierschützerin Katharina Büttiker. Der Import von Fellen hat in den vergangenen drei Jahren dramatisch zugenommen. Auf über 200 Tonnen im Jahr. Pelzbesätze an Daunenjacken und Mänteln nicht eingerechnet. Was fertig verarbeitet in die Schweiz kommt, taucht bisher in keiner Statistik auf. Diese Mengen sind um ein Vielfaches höher, schätzen Branchenvertreter.

Animal-Trust-Präsidentin Büttiker ist entsetzt. Schon zweimal stand die Galeristin vergangene Woche auf der Bahnhofstrasse und drückte Pelzträgern Flyer in die Hand. «Sie sehen intelligent aus, ich denke, das hier möchten Sie wissen», sagt sie ihnen jeweils. Doch die meisten wollen sich keine Gedanken darüber machen, unter welchen tierquälerischen Bedingungen ihr Accessoire herangewachsen ist. Sie wenden sich ab oder murmeln, sie wüssten ja schon.

Pelzträger wurden bespuckt

Vor 20 Jahren noch hätten Pelzträger auf der Bahnhofstrasse mit Unangenehmerem rechnen müssen als mit Büttikers Charmeoffensive. Sie wurden mit Farbbeuteln beworfen und bespuckt; Tierschützer rückten den Pelzmänteln mit der Spraydose zu Leibe.

Die Bilder von Füchsen aus europäischen Farmen, mit Stromschlägen getötet, gingen damals um die Welt. Festgehalten hatte sie Dokumentarfilmer Mark Rissi, Gründungsmitglied von Animal Trust. Die darauf basierende Kampagne des Schweizer Tierschutzes war ein beispielloser Erfolg. Prominente auf der ganzen Welt zeigten sich «lieber nackt als im Pelz».

Leichtgläubige Kunden

Die Nerze verschwanden aus der Öffentlichkeit; nur Spezialgeschäfte verkauften noch Pelzprodukte. Doch als Bordüren aus eingefärbtem Kaninchenfell schlich sich der Pelz um die Jahrtausendwende wieder in die Modewelt. Und bald trugen jene Frauen, die früher Pelzträgerinnen Kaugummi in den Pelz geklebt hatten, selber welchen. Nicht als Umhang wie die alten, reichen Damen von damals, aber am Kragen, wie die Polarforscher.

Pelzträgerinnen geben sich schnell zufrieden mit den verharmlosenden Aussagen der Verkäufer. Pelz von schlecht gehaltenen Tieren sehe man das an, heisst es überall. Eine Behauptung, die allenfalls für ganze Felle zutrifft, nicht jedoch für Stücke davon, verarbeitet zu einem Pompon. Ruth Wunder, Leiterin der Jackenabteilung bei Feldpausch, bemüht sogar das Washingtoner Artenschutzabkommen, um die Harmlosigkeit der Pelzherkunft zu bezeugen. 1973 zustande gekommen, regelt das Papier den Handel mit Produkten bedrohter Tierarten. Es geht um Elefanten, Leoparden, Tiger. Nicht um Fuchs und Marderhund, zu Tausenden gezüchtet.

Lebendig gehäutet

Priska Wepfer von Bernies an der Bahnhofstrasse ist bekannt, dass Zuchtpelz problematisch ist. «Wir verkaufen deshalb keinen aus China», sagt sie. Tierschützerin Büttiker glaubt solchen Beteuerungen nicht: «Das ist Augenwischerei.» Eine Deklarationspflicht fehlt nämlich bisher (siehe Kasten). «Je billiger, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass der Pelz aus quälerischen Zuchten aus China kommt, wo es für Nutztiere noch immer keine Tierschutzgesetze gibt.» Der Filmer Mark Rissi hat im Auftrag des Schweizer Tierschutzes vor drei Jahren dort gedreht. Die Bilder übertreffen an Grausamkeit sein früheres Material: Mit Knüppelschlägen nur leicht betäubt, wird den Marderhunden – teils bei vollem Bewusstsein – das Fell abgezogen. Der Marderhund ist der Hauptlieferant für die modischen Fellkrägen.

Ein Fuchs ist kein Rind

Dabei ist egal, ob China, Russland oder Finnland: «Artgerecht» – wie von der Pelzindustrie beteuert – kann die Haltung von wilden Raubtieren, von Fuchs, Nerz, Waschbär oder Marderhund im industriellen Massstab nicht sein. 100 Quadratmeter schreibt das Schweizer Tierschutzgesetz einem Fuchs zu. Die zwei Rotfüchse im Tierpark Langenberg aber machten vor 10 Jahren im 15 mal 10 Meter grossen Versuchsgehege keine Anstalten, sich zu vermehren. Erst im heutigen, zehnmal grösseren, reich strukturierten Lebensraum, zeigten sie ihr natürliches Verhalten.

In Pelzfarmen werden Füchsinnen künstlich befruchtet. Nicht einmal 1 Quadratmeter Fläche steht den intelligenten Tieren zu. In einem Drahtgitterkäfig ohne jegliche Beschäftigungsmöglichkeit. «Da nützt es auch nichts, einen Sichtschutz anzubringen», sagt Urs von Riedmatten, der im Langenberg für die Tierhaltung verantwortlich ist. «Der Geruch und der Lärm von so vielen Artgenossen sind eine Belastung für die Tiere, permanenter Stress.»

Jagd mit Fallen ist nicht besser

Füchse leben in der Natur in kleinen Gruppen, verteidigen ein grosses Revier. Nerze und Zobel treffen nur zur Paarung auf Artgenossen. Deshalb ist die Pelzproduktion nicht mit der Produktion von Rindsleder oder Lammfell zu vergleichen. Dieses liefern domestizierte Herdentiere, seit Jahrtausenden an den Menschen gewöhnt. Ihre Haut fällt bei der Fleisch- und Milchproduktion ohnehin an.

Der kanadische Hersteller Canada Goose, der mit seinen Kojotenfell-verbrämten Kapuzen den aktuellen Trend eigentlich eingeläutet hat, verweist deshalb stolz darauf, nur Pelz von kanadischen Wildtieren zu verwenden. Doch im Gegensatz zum Schweizer Rotfuchs, dem Jäger mit dem Gewehr auf den Leib rücken, wird Kojoten auf dem amerikanischen Kontinent und Waschbären in Australien mit Fangeisen nachgestellt. Eine Praxis, die im EU-Raum längst verboten ist. Die Tiere kämpfen stundenlang um ihr Leben. Um sich zu befreien, versuchen sie sich manchmal sogar Gliedmassen abzubeissen, bevor sie an Erschöpfung oder an ihren Verletzungen sterben.

Solche schrecklichen Bilder scheinen beim Kaufentscheid keine Rolle zu spielen. Eine einzige Kundin habe diesen Winter beim Anblick der Mantelauswahl bei Bernies ausgerufen, tote Tiere lege sie sich nicht um den Hals, sagt Priska Wepfer. Wie wenig aufmerksam die Käufer sind, musste Tierschützerin Büttiker in den eigenen Reihen erfahren. Die Jacke, die auf dem Animal-Trust-Flyer abgebildet ist, hat eine Bekannte bei Modissa gekauft. Sie ist Vegetarierin, den Tieren zuliebe. «Sie hat sich einfach nichts dabei gedacht», sagt Büttiker. Die Freundin wollte die Jacke nach dem Fotoshooting nicht mehr zurück. Seither hängt sie bei ihr in der Garderobe, wie ein totes Tier.

Erstellt: 21.01.2013, 07:10 Uhr

Deklarationspflicht ab März

Wer Pelze und Pelzprodukte kauft, soll Klarheit darüber haben, von welchen Tieren diese stammen, ob sie in Farmen gezüchtet oder mit Fallen gefangen wurden. Der Bundesrat hat die neue Pelzdeklarationspflicht auf März 2013 in Kraft gesetzt. Ausgenommen sind Felle von Pferden, Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen. Die Deklarationspflicht ist im Sinn des Tierschutzes. Kritik äussert Bernhard Trachsel, Geschäftsführer des Zürcher Tierschutzes, aber bei der Durchsetzung. «Der Bund kann Sanktionen bei Verletzung einführen», heisst es im Gesetz. «Er sollte es tun müssen», sagt Trachsel. Animal-Trust-Präsidentin Katharina Büttiker zweifelt an der Wirkung einer Deklarationspflicht. Für sie hat das Parlament versagt, das den Import von Fellen nicht gänzlich verboten hat. (lop)

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