Die Notfallstation für iPhones

Jonathan Mariampillai ist Chefarzt in der Zürcher iPhone-Klinik und repariert defekte Apple-Handys in Rekordzeit. Er empfängt Kunden aus der ganzen Schweiz.

Vor dem Operationssaal seiner iPhone-Klinik: Jonathan Mariampillai macht defekte iPhones wieder funktionsfähig.

Vor dem Operationssaal seiner iPhone-Klinik: Jonathan Mariampillai macht defekte iPhones wieder funktionsfähig. Bild: Sabina Bobst

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Montagnachmittag, 15 Uhr, die iPhone-Klinik empfängt zur Visite. Kaum ist die Tür geöffnet, stürmt ein Herr, Typ Geschäftsmann mit Nadelstreifenanzug, aufgeregt in das Ladenlokal. Noch bevor jemand eine Frage stellt, legt er sein iPhone auf die Ladentheke und deutet mit verzweifelter Miene auf das Display. Das Glas ist zersprungen.

«Ein zerstörtes Display ist eine der häufigsten Diagnosen», erklärt Geschäftsführer Jonathan Mariampillai, der die iPhone-Klinik an der Uetlibergstrasse 1 im Kreis 3 seit über einem Jahr betreibt. Er steht hinter der Empfangstheke vor einer Tür, über der in grossen Buchstaben «Operationssaal» steht. Bevor er mit dem kleinen viereckigen Patienten verschwindet, nimmt er die Adresse des Geschäftsmannes auf und tippt den Grund der Reparatur in einen Computer. Jetzt gilts ernst. Chefarzt Jonathan lächelt und begibt sich zum Operationstisch. Der medizinische Terminus ist Teil des Marketings. Natürlich taucht nirgends eine Krankenschwester auf, und der Operationssaal ist in Tat und Wahrheit ein kleines Hinterzimmer, in dem die iPhones repariert werden und wo die Ersatzteile lagern. Ganz abwegig ist der medizinische Bezug allerdings nicht, denn die meisten Kunden, die in der iPhone-Klinik auftauchen, hängen so sehr an ihrem Smartphone, dass sie bei einer Reparatur mitfiebern, als würde gerade ein geliebtes Familienmitglied operiert.

15 bis 20 Minuten Wartezeit

Wer hat diesen Augenblick nicht schon erlebt: Einen Moment nicht aufgepasst, und schon fällt das Ding auf den Boden. Für das Smartphone von Apple sind Stürze besonders heikel, weil Vorder- und Rückseite aus Glas bestehen. Jonathan Mariampillai hat rasch realisiert, dass sich da eine Marktlücke aufgetan hat. Er repariert nach eigenen Aussagen iPhones schneller als jeder andere in der Schweiz. Das Geschäft scheint zu funktionieren: Der 26-jährige Jungunternehmer betreibt in Bern und St. Gallen zwei weitere Filialen und plant die Eröffnung einer vierten. Die Stärke seines Reparaturdienstes ist die Schnelligkeit. Ob zertrümmerte Touchscreens, defekte Kopfhörerbuchsen, leere Akkus oder festklemmende Home-Buttons, der Kunde erhält sein Telefon innert 15 bis 20 Minuten repariert zurück. Mariampillai: «Viele Leute wollen bei einer Reparatur nicht eine Woche lang auf ihr Handy verzichten.»

Das erklärt auch, warum er sich gegen die zwei offiziellen Apple-Stores in Zürich behaupten kann. Weil diese, so Mariampillai, den Kunden meistens nur ein neues Gerät verkaufen wollen. iPhone-Besitzer hingegen seien durchaus bereit, Geld für ihr altes Gerät auszugeben. Er verrechnet für die Reparaturen zwischen 120 und 240 Franken.

Wenig reden, viel arbeiten

Während der iPhone-Guru mit eingeübten Handgriffen die winzigen Schrauben lockert und mit einer Art Mini-Saugnapf das zerkratzte Display entfernt, erzählt er, wie er mit neun Jahren mit seiner Familie von Sri Lanka in die Schweiz flüchtete. Weil ihm das Migrationsamt eine Informatikerlehre verweigerte, absolvierte er eine Servicefachausbildung. Privat flickte Mariampillai Computer und Handys seiner Kollegen und bildete sich im Bereich Informatik und Kommunikation weiter. Vor einem Jahr hat er den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Heute beschäftigt er vier Teilzeitangestellte.

Jonathan Mariampillai redet wenig und arbeitet viel. In einer Stunde haben er und sein Mitarbeiter neun Kunden bedient. Im 10-Minuten-Takt geben sich weitere die Klinke in die Hand: der grauhaarige Mann, der im Auftrag seiner Enkelin vorbeikommt, die Sekretärin, der das iPhone ins WC gefallen ist, und der Handwerker, der aus Versehen mit seinem Auto darübergefahren ist. Mariampillai weiss, dass ihm die Arbeit in nächster Zeit nicht ausgehen wird. Denn: Jeder siebte Schweizer besitzt bereits ein iPhone, Tendenz steigend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2011, 20:45 Uhr

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