Die Ökonomie des Verbrechens

Ein Räuber überfiel am Montag eine Bankfiliale in Wiedikon. Rein ökonomisch betrachtet, macht das wenig Sinn.

Der gesuchte Bankräuber während des Überfalls in der Filiale der Coop-Bank in Wiedikon.

Der gesuchte Bankräuber während des Überfalls in der Filiale der Coop-Bank in Wiedikon. Bild: PD (Stapo Zürich)

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Der Mann marschierte am Montagnachmittag in die leere Schalterhalle der Coop-Bank an der Birmensdorferstrasse 308 in Wiedikon. Mit einer Faustfeuerwaffe forderte der 40 bis 45 Jahre alte Mann die Schalterbeamtinnen auf, ihm Geld zu geben. Der Überfall gelang, er verliess die Bank mit mehreren Zehntausend Franken in fremdländischer Währung. Ob sich seine Tat auch mittelfristig auszahlt, ist statistisch gesehen sehr unsicher.

Die Aufklärungsrate von Raubüberfällen mit Waffen liegt im Kanton Zürich bei rund 40 Prozent. In der Stadt Zürich ist dieser Wert sehr ähnlich. Banküberfälle werden nicht gesondert ausgewiesen. Die Kriminalstatistik verzeichnete im vergangenen Jahr in der Stadt Zürich 190 Raubüberfälle mit Waffen. Der Wert ist mit Ausnahmen in der jüngeren Vergangenheit stabil. Das Risiko, von der Polizei erwischt zu werden, ist folglich hoch. Auch Forscher, die sich mit dem Verbrechen wissenschaftlich auseinandergesetzt haben, sind zu diesem Fazit gelangt. «Banküberfälle sind kein Erfolg versprechendes Modell», schreiben die Wirtschaftsprofessoren Barry Reilly, Neil Rickman und Robert Witt in ihrer Arbeit «Robbing Banks. Crime Does Pay – but Not Very Much».

Banküberfälle sind wenig einträglich

Das Trio untersuchte Banküberfälle in Grossbritannien. Dabei errechnete es den durchschnittlichen Lohn eines Überfalls: 20'330.50 Pfund. Nimmt man einen durchschnittlichen Lebensstil als Basis, reicht die Beute etwa für ein halbes Jahr. Das heisst, man muss also zweimal im Jahr eine Bank überfallen. Damit steigt auch statistisch das Risiko, von der Polizei gefasst zu werden. In Grossbritannien liegt die durchschnittliche Strafe bei knapp drei Jahren. Der Verdienstausfall während des Gefängnisaufenthalts ist höher als das Einkommen in der Arbeitszeit als Verbrecher.

Es gibt auch eine ökonomische Theorie der Kriminalität. Sogar in Formeln lässt sich das Verbrechen ableiten. Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Hamburg berechnete die Formel für den «Erwartungsnutzen»: EU = f(p,g,s,x). Mit dieser Formel soll vor der Tat festgestellt werden können, ob sich das Verbrechen lohnt. Der bekannte Zürcher Anwalt Valentin Landmann befasste sich in seinem Buch «Ökonomie des Verbrechens» mit dem Thema. Ein Krimineller handle in der illegalen Welt nach den gleichen Prinzipien wie jeder andere auch. Er wolle bei möglichst geringem Risiko einen möglichst hohen Ertrag erzielen, erklärt Landmann. Ob einer dabei erfolgreich sei, hänge von den gleichen Eigenschaften ab wie in der legalen Welt: Führungsqualität, Intelligenz und rasche Auffassungsgabe.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 15:13 Uhr

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