Die Party findet woanders statt

Eineinhalb Jahre nach der Gründung von Wikipedia im Januar 2001 erschien der erste Eintrag zu Zürich. Heute zeichnet das Onlinelexikon Zürich als Beamtenstadt ohne Nachtleben.

Fehlen im Onlinelexikon: Zürcher Klubs wie hier das Q.

Fehlen im Onlinelexikon: Zürcher Klubs wie hier das Q. Bild: Nicola Pitaro

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wikipedia kann unheimlich schnell sein. Am 4. Januar, Minuten nachdem erste Medien Emilie Lieberherrs1 Tod vermeldet hatten, machten sich mehrere Wikipedia-Schreiber daran, ein Kreuz hinter Frau Lieberherrs Namen zu stellen.

Morgen feiert die Onlinewissenssammlung ihr zehnjähriges Bestehen.Kritiker werfen dem Mitmachlexikon gerne Oberflächlichkeit und triviale Aktualität vor. In Bezug auf Zürich haut solche Kritik daneben. Hauruckeinsätze wie bei Emilie Lieberherr geschehen selten. Sich auf Wikipedia über Zürich aufzuklären, ist, wie zufällig in einem Geschichtsbuch zu blättern.

Papierwerd schrieb Geschichte

Kleinste Stadtflecken werden mit ausführlichen Rückschauen gewürdigt, etwa die Papierwerd2 beim Hauptbahnhof, ein Ort, der dank des Globuskrawalls3 Geschichte schrieb. Selbst die Abstammung von Werd, das auf das altdeutsche «warid» zurückgeht, wird erklärt. Sämtliche Angaben über Zürich, die in den letzten zehn Jahren ins Netz gewandert sind, würden wohl mehrere dicke Bände füllen. Wir können den Stadtplan des Kartografen Jos Murer4 aus dem Jahr 1566 bestaunen, den dieser mit seinem Kumpel Christoph Froschauer dem Jüngeren5 zeichnete. Wir erfahren, dass das blau-weisse Zürcher Wappen erstmals im 15. Jahrhundert auf Glasscheiben zu sehen war, dass aber niemand versteht, warum sich die mittelalterlichen Zürcher für genau diese Farbkombination entschieden. Oder wir lernen, dass Zürich im Molassebecken6 des Mittellandes liegt und im Osten an die Gemeinden Dübendorf, Fällanden sowie Maur grenzt.

Wer im Kollegenkreis mit absurden Fakten blöffen möchte («Habt ihr gewusst, dass der internationale Hauptsitz der Neuapostolischen Kirche7 in Schwamendingen liegt?»); wer Pflichtwissen nachholen muss («Was? Du weisst nicht, wann Zwingli8 gelebt hat?»);oder wer einen netten Einfall für den Beginn eines Gesprächs sucht («Hier, wo wir gerade sitzen, lagerten während der Ersten Schlacht von Zürich9 österreichische und russische Soldaten»), dem hilft ein Wikipedia-Besuch zuverlässig weiter.

Beeindruckendes Polizeicorps

Auch vor einem Bewerbungsgespräch bei der Stadtverwaltung lohnt sich der Wiki-Check. Die Verwaltungsabteilungen Zürichs sind im Lexikon bestens vertreten. Selbst Organisationen, die den Gang der Weltgeschichte mässig beeinflussen, etwa die Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien10, erreichen Artikel von beträchtlicher Länge. Und die Stadtpolizei verfügt über einen Eintrag, dessen Ausmass jene aller anderen Polizeicorps deutschsprachiger Grossstädte übertrifft. Bei der Verwaltung bestreitet man allerdings, das Verfassen von Einträgen in eigener Sache zu beauftragen. Es sei aber möglich, dass Mitarbeiter in der Freizeit ihr Fachwissen digital verewigten.

Dass sich die städtischen Pressesprecher nicht selber als Lexikonschreiber betätigen, wirkt glaubwürdig. Denn wo sonst müssten sie anfangen, wenn nicht bei ihren Chefs? Doch viele von diesen haben in der Wiki-Welt keine Spuren hinterlassen. Die Stadträte André Odermatt (SP), Claudia Nielsen (SP), Martin Waser (SP), Andres Türler (FDP) und Martin Vollenwyder (FDP) sucht man vergeblich11. Über den ausführlichsten Text kann sich Ruth Genner (Grüne) freuen, was sie ihrer nationalen Karriere zu verdanken hat. Ein paar Zeilen Lexikonraum haben Gerold Lauber (CVP) und Daniel Leupi (Grüne) erobert, dessen Porträt übrigens von einem 17-jährigen Wikipedia-Chronisten erstellt wurde, der ansonsten über Fernsehserien und Jungschauspieler schreibt. Auch Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) hat es geschafft, was nicht verwundert. Wikipedia listet alle Stadtpräsidenten auf, zurück bis zu Rudolf Brun12.

Max Frisch schlägt alle

Noch schwerer als die Politiker hat es die Kreativindustrie. Wenn es nach Wikipedia ginge, wäre Zürichs Partyszene praktisch tot, obwohl der Zürich-Eintrag der Stadt ein vielseitiges Nachtleben13 zuschreibt. Yves Spink kommt als Albumtitel des Rapper Bligg vor, Gastronomen wie Fredi Müller oder Koni Frey existieren gar nicht, und selbst das Kaufleuten, die Grossbank des Zürcher Nachtlebens, sucht man vergebens. Fehlt Zürichs Nacht-Elite das «Mindestniveau» und die «enzykopädische Relevanz», die für einen Wikipedia-Eintrag vorausgesetzt werden? Oder geht die Gastroszene lieber richtig feiern, als sich vor den Computer zu setzen, um sich im Internet abzufeiern? Egal, in einer Diskussion über das hiesige Nachtleben hilft der so beliebte wie lästige Wiki-Faktencheck via Smart-Phone jedenfalls wenig.

Kulturfreunden ergeht es da besser. Martin Suter und Peter von Matt gehören mit ihrem Wikipedia-Eintritt im Jahr 2004 zu den Zürcher Wiki-Senioren, nur Klassiker wie Max Frisch tauchten noch früher auf. Melinda Nadj Abonjis Eintrag überschäumte richtiggehend, als bekannt wurde, dass die Schriftstellerin den Schweizer Buchpreis 2010 gewann. Von Regisseur Samir erfahren wir seinen ganzen Namen (Samir Jamal Aldin), von Michael Steiner, dass er in Rapperswil aufgewachsen ist. Und über Barbara Frey, die Intendantin des Schauspielhauses, klärt Wikipedia auf, dass sie 1996 «Die Hochzeitsreise» von Wladimir Sorokin14 im Nationaltheater Mannheim inszeniert hat.

Wikipedia stapelt aber nicht nur mässig relevante Fakten. Manchmal verhelfen die Einträge zu blassen Geistesblitzen. So wird dem Spätgeborenen plötzlich klar, dass Meier 1915 in heutiger Terminologie «der erste Whistleblower Zürichs» heissen müsste.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2011, 20:48 Uhr

Ist auf Wikipedia verewigt: Der Globuskrawall vom 29. Juni 1968. (Bild: Keystone )

Züripedia

1 Emilie Lieberherr, geboren am 14. Oktober 1924 in Erstfeld, gestorben am 3. Januar 2011 in Zollikerberg, war eine Schweizer Politikerin.

2 Die Papierwerd oder manchmal auch Papierwerd-Insel war bis 1950 eine Insel in der Limmat in der Stadt Zürich.

3 Als Globuskrawall wird die Auseinandersetzung zwischen jugendlichen Demonstranten und der Polizei genannt, die am 29. Juni1968 in Zürich stattfand. Anlass dafür war die Forderung nach der Einrichtung eines autonomen Jugendzentrums im als Provisorium errichteten Gebäude des Warenhauses Globus.

4 Jos Murer, geboren im August oder September 1530 in Zürich, gestorben im Oktober 1580 in Winterthur, war ein Zürcher Glasmaler, Kartograf und Dramatiker.

5 Christoph Froschauer der Jüngere, geboren 1532, gestorben 1585, war ein Zürcher Buchdrucker, Verleger und Buchhändler.

6 Als Molassebecken wird in den Alpenländern der von Molassesedimenten eingenommene Bereich am Alpennordrand bezeichnet. Molasse ist das Abtragungsmaterial eines Gebirges in der Spätphase seiner Entstehung.

7 Die Neuapostolische Kirche (NAK) ist eine christliche Religionsgemeinschaft, die sich Ende des19.Jahrhunderts in Hamburg entwickelt hat. Die NAK sieht sich als Fortsetzung der urchristlichen Kirche. Zu ihren wichtigen Glaubensanschauungen gehört die Erwartung der Wiederkunft Christi in naher Zukunft.

8 Ulrich Zwingli (auch Huldreych Zwingli), geboren am1. Januar1484 in Wildhaus, gestorben am11. Oktober1531 in Kappel am Albis, war ein Zürcher Reformator. Aus der Zürcher Reformation und der Genfer Reformation ging die Reformierte Kirche hervor. Zwingli akzeptierte in der Kirche nur das, was ausdrücklich in der Bibel stand.

9 Die Erste Schlacht von Zürich fand von 4. bis 7. Juni 1799 in Zürich während der Zweiten Koalitionskriege statt.

10 Eine Stiftung der Stadt Zürich, die das Vermieten von preisgünstigen Wohnungen an Familien mit mindestens drei Kindern sowie bescheidenem Einkommen bezweckt.

11 Der Artikel existiert nicht auf Wikipedia.

12 Rudolf Brun, geboren ungefähr zwischen 1290 und 1300, gestorben am 17. September 1360 in Zürich, war von 1336 bis 1360 erster Bürgermeister von Zürich. Auf ihn geht die brunsche Zunftverfassung Zürichs zurück.

13 Das Nachtleben, auch als Nightlife bezeichnet, umfasst sämtliche Aktivitäten der öffentlich gelebten Freizeitgestaltung in der Zeit zwischen den Abend- und Morgenstunden.

14 Wladimir Georgijewitsch Sorokin, geboren am 7. August 1955 in Bykowo bei Moskau, ist ein russischer Schriftsteller und Dramatiker.

15 Kurt Meier, geboren am 24. September 1925 in Schöfflisdorf, gestorben am 2. November 2006 in Zürich, war Polizist der Stadtpolizei Zürich. Öffentlich bekannt wurde er unter dem Namen Meier 19, der auch für eine Polizei- und Justizaffäre im Zusammenhang mit seiner Person steht. Meier hatte polizeiinterne Missstände an die Presse weitergeleitet.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...