«Die Pflegeelternschaft hat einen schalen Nachgeschmack»

Zürich sucht homosexuelle Pflegeeltern. Tobias Munz betreut gemeinsam mit seinem Partner zwei Pflegekinder in Hamburg. Er erzählt, dass sie mit ganz anderen Problemen als Vorurteilen zu kämpfen haben.

Grosse Aufgabe: Die Betreuung eines Kindes stellt alle Paare – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung – vor grosse Herausforderungen.

Grosse Aufgabe: Die Betreuung eines Kindes stellt alle Paare – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung – vor grosse Herausforderungen. Bild: Keystone

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Die Stadt Zürich braucht Pflegeeltern für Kinder, die ein zweites Zuhause brauchen, weil sich ihre leiblichen Eltern nicht mehr angemessen um sie kümmern können. Die Suche nach geeigneten Pflegefamilien ist jedoch nicht einfach. Deshalb geht die Stadt Zürich nun neue Wege: Sie hat einen Werbefilm produziert, der sich explizit an Schwule und Lesben als potenzielle Pflegeeltern wendet. «Ob verheiratet oder unverheiratet, Einzelperson oder Familie, kinderlos oder mit Kindern – das Wichtigste ist, dass das Pflegekind in ein passendes und gutes Umfeld kommt», lautet die Botschaft der Kampagne. Der Film lief im November in Zürcher Kinos. Zwei gleichgeschlechtliche Paare haben bereits ihr Interesse angemeldet.

Was es heisst, als homosexuelles Paar Pflegekinder zu betreuen, weiss Tobias Munz aus eigener Erfahrung. Der 38-jährige Sonderpädagoge ist im Kanton Glarus aufgewachsen und vor zehn Jahren nach Hamburg zu seinem Freund gezogen, mit dem er nun seit acht Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft lebt. Ihre beiden Pflegekinder sind heute 6,5 und 3,5 Jahre alt und gehen in Hamburg in den Kindergarten.

Herr Munz, im November 2011 wurden Sie praktisch von einem Tag auf den anderen Eltern eines siebenmonatigen Mädchens und eines knapp vierjährigen Jungen. Was hat Sie dazu bewogen, Pflegekinder bei sich aufzunehmen?
Wir wünschten uns ganz einfach Kinder. Das wäre auf biologischem Weg nur mit einer Leihmutter möglich gewesen, was für uns nicht infrage kam. Für homosexuelle Paare ist es in Deutschland gesetzlich auch nicht möglich, Kinder zu adoptieren. Zwar können Einzelpersonen – auch Homosexuelle – eine Adoption beantragen, die Nachfrage bei heterosexuellen Paaren ist aber gross. Ihnen wird immer der Vorzug gegeben. Andere Anträge werden gar nicht erst geprüft. Will man also als schwules Paar Kindern ein Zuhause mit viel Liebe und Geborgenheit geben, kommt praktisch nur eine Pflegeelternschaft infrage. Das gibt der Sache einen schalen Nachgeschmack.

Warum?
Bei der Adoption wird immer mit dem Kindeswohl argumentiert, das unter solchen Voraussetzungen leiden könnte. Beim Pflegekind wird offenbar mit anderen Ellen gemessen: Weil es zu wenige Pflegeeltern gibt, ist es bei den Behörden plötzlich egal, wenn gleichgeschlechtliche Paare diese Aufgabe übernehmen wollen.

Haben Sie als homosexuelle Pflegeeltern mit Vorurteilen zu kämpfen?
In unserem persönlichen Umfeld nicht. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass es nicht alle so prickelnd finden, wenn ein schwules Paar ein Kind betreut. Direkt sagt uns das aber niemand. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass wir in Hamburg leben. Die Leute sind hier sehr liberal. Das wird in Zürich ähnlich sein. Wären wir im tiefkatholischen Bayern oder im Oberwallis, würde die Situation wohl anders aussehen.

Und wie erleben die Kinder ihren Alltag mit zwei Vätern?
Sie wurden von anderen Kindern schon gefragt, ob sie denn keine Mama haben. Wenn man denen dann einfach erzählt, dass es eine Mutter gibt, die aber woanders wohnt, sind die meistens schon zufrieden. Unsere Kinder kennen ihre leibliche Mutter ja. Wir treffen uns alle vier Wochen mit ihr. Es ist also nicht so, dass es in ihrem Leben keine Mutter gibt.

Werden Sie selbst auch mit dem Vorwurf konfrontiert, dass Kinder für ihre Entwicklung eine Mutter oder eine weibliche Bezugsperson brauchen?
Wenn das so wäre, dann stünden alleinerziehende Väter vor demselben Problem. Natürlich brauchen die Kinder in ihrem Alltag weibliche Vorbilder. Die bekommen sie auch: im Kindergarten, in der Schule und auch zu Hause in der Nachbarschaft. Das Wohl des Kindes ist aber nicht vom Geschlecht der Eltern abhängig. Das Idealbild einer Familie mit Vater, Mutter und Kindern entspricht für viele Kinder in Patchwork-Familien längst nicht mehr der Realität.

Die Elternrolle ist an sich schon sehr anspruchsvoll. Bei Pflegekindern, die aus schwierigen Verhältnissen stammen, dürfte diese Aufgabe noch schwieriger zu bewältigen sein. Wie sieht Ihr Alltag aus?
Es ist in der Tat eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, und die Kinder haben uns vor allem am Anfang sehr gebraucht. Eines unserer Kinder ist aufgrund der Vorgeschichte entwicklungsverzögert, hat aber mittlerweile vieles davon aufgeholt. Im Alltag merken wir das fast nicht mehr. In Deutschland ist es zudem möglich, eine Elternzeit zu nehmen. Als die Kinder zu uns kamen, war ich 15 Monate lang zu Hause. Danach hat mein Mann ein Jahr lang im Beruf ausgesetzt, um sich voll um die Kinderbetreuung zu kümmern. Zurzeit arbeiten wir beide. Jeder hat aber innerhalb der Woche einen freien Tag.

Woher wussten Sie, wie man die Kinder richtig betreut?
Woher wissen das andere Eltern? Dieses Wissen eignet man sich doch im Alltag an. Zudem mussten wir eine sogenannte Pflegeelternschule absolvieren und wurden vom Jugendamt überprüft. Dabei lernten wir beispielsweise, das Urvertrauen der Kinder wieder aufzubauen, mit Bindungsstörungen umzugehen und diese zu erkennen, aber auch den richtigen Umgang mit der Herkunftsfamilie.

Wie haben die Kinder auf ihre neuen Pflegeeltern reagiert?
Für die Kleine war das alles relativ unproblematisch. Sie war nur wenige Wochen alt, als man sie zu Hause abholen musste. Danach war sie ein halbes Jahr lang in einer Kinderschutzeinrichtung, bevor sie zu uns kam. Der Grosse hat anfangs sehr genau die neue Situation beobachtet und Grenzen ausprobiert, bevor er sich uns geöffnet hat. Heute ist das kein Thema mehr.

Der Kontakt mit den leiblichen Eltern bleibt immer bestehen und die Behörden verfolgen das Ziel, die Kinder möglichst wieder in ihre Herkunftsfamilie rückführen zu können. Kann man sich unter solchen Umständen emotional überhaupt auf die Pflegekinder einlassen?
Wir wurden von Anfang an darauf vorbereitet, dass eine Pflegschaft eine Angelegenheit auf Zeit sein kann. Damit mussten wir lernen umzugehen. Im Alltag denken wir darüber aber kaum noch nach, sondern lassen uns einfach auf die Kinder ein. Zumal unlängst eine Gutachterin festgestellt hat, dass es für die Kinder weiterhin das Beste ist, wenn sie bei uns bleiben. Bei vielen Pflegekindern bleibt das so, bis sie 18 Jahre alt sind.

Erstellt: 24.12.2014, 11:09 Uhr

«Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es nicht alle so prickelnd finden, wenn ein schwules Paar ein Kind betreut»: Tobias Munz. (Bild: zvg)

Pflegeeltern werden in Zürich

Die Fachstelle Pflegekinder, eine Abteilung der Sozialen Dienste, kümmert sich derzeit um die Vermittlung und Begleitung von 135 Pflegekindern und deren Pflegefamilien in der Stadt Zürich. Die Fachstelle beurteilt, ob das Wohl eines Pflegekindes in einer bestimmten Pflegefamilie grundsätzlich gewährleistet werden kann. Wer sich als Pflegeeltern bewerben will, muss psychisch und physisch stabil und gesund sein – und viel Geduld und Einfühlungsvermögen mitbringen, denn die Pflegekinder haben teils traumatische Erlebnisse hinter sich.

Gemäss kantonalen Richtlinien erhalten alle Pflegeeltern, unabhängig vom Verwandtschaftsgrad, einen Betrag zwischen 800 und 1400 Franken, um den Unterhalt der Kinder abzudecken. Die Pflegeeltern erhalten auch situationsbedingte Leistungen wie beispielsweise Auslagen für Sportveranstaltungen etc. Pflegepersonen, die nicht mit den Kindern verwandt sind, bekommen zudem gemäss kantonalen Richtlinien eine finanzielle Entschädigung. Diese beläuft sich bei einer Dauerpflege auf 855 Franken.

Die Aussage, Pflegeeltern würden mit ihrem Engagement in erster Linie Geld verdienen wollen, ist laut Jennifer Zimmermann, Pressesprecherin der Sozialen Dienste der Stadt Zürich, ein Irrtum. «Der Aufwand und die finanzielle Entschädigung stehen nicht in einem ausgeglichenen Verhältnis.»

Es stimme auch nicht, dass immer mindestens ein Elternteil zu Hause bleiben müsse, wenn man ein Pflegekind bei sich aufnehme. «Wie bei jedem anderen Kind auch ist dies abhängig von Alter und Situation des Kindes», sagt Zimmermann. Gerade bei Pflegekindern sei es aber förderlich, wenn während der Eingewöhnungsphase mindestens ein Elternteil da sei, sobald das Kind aus dem Kindergarten oder aus der Schule nach Hause komme. «Es ist wichtig, dass ein Beziehungsaufbau stattfinden kann. Das braucht Zeit und Geduld.» (tif)

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