«Die Polizei kann das nicht verbieten»

Sozialvorsteher Martin Waser (SP) will das Anschaffen ausserhalb des Strichplatzes in Altstetten nicht dulden. Und präzisiert damit «missverständliche Aussagen» des grünen Polizeivorstehers Daniel Leupi.

«Wir bestimmen die Spielregeln»: Die Stadträte Martin Waser, links, und Daniel Leupi nach der Abstimmung. (11. März 2012)

«Wir bestimmen die Spielregeln»: Die Stadträte Martin Waser, links, und Daniel Leupi nach der Abstimmung. (11. März 2012) Bild: Keystone

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Herr Waser, Ihr Stadtratskollege Daniel Leupi von der Polizei hat am Sonntag mit der Aussage überrascht, die Freier dürften mit den Damen auch ins Quartier hinausfahren und sich irgendwo auf einem privaten Parkplatz bedienen lassen. Gelten nach der gewonnenen Abstimmung plötzlich neue Spielregeln?
Ich war nicht so glücklich mit dieser Aussage. Das war so nicht abgesprochen. Mein Kollege hat damit ein Missverständnis verursacht und Konfusion gestiftet.

Weshalb haben Sie dieses Missverständnis nicht gleich während der Medienkonferenz aus der Welt geschafft?
Ich habe einen Moment lang überlegt, ob ich eingreifen soll. Wir haben dann das Problem aber später untereinander noch diskutiert.

Und wo liegt das Problem?
Es ist so: Rein rechtlich ist es einer Sexworkerin erlaubt, ihre Serviceleistung irgendwo in einem Auto auf einem privaten Parkplatz anzubieten. Die Polizei kann das nicht verbieten.

Werden also nach der Eröffnung des Strichplatzes die niedersten Auswüchse des Sexgewerbes trotz aller Beteuerungen in den Quartieren Altstetten, Grünau und Höngg spürbar sein – so wie heute am Sihlquai?
Nein, in keiner Weise. Ich will doch meinen Ruf nicht aufs Spiel setzen. Das Sozialdepartment betreibt und überwacht die eingezäunte Verrichtungszone; wir sind da die Platzherren, wir bestimmen die Spielregeln auf unserem Terrain. Dank der neuen Prostitutionsgewerbeverordnung haben wir ein griffiges Instrument in der Hand, die Ausbreitung des Sexgewerbes in die Nachbarschaft zu unterbinden.

Wie wollen Sie das schaffen?
Sobald wir feststellen, dass Frauen mit ihren Freiern regelmässig ins Quartier fahren und dies Reklamationen hervorruft, steht die Ampel auf Rot. Gleichzeitig werden auch unsere Kontrollorgane das Geschäftsgebaren auf dem Strichplatz genau beobachten. Prostituierte, die sich nicht an unsere Vorgaben halten, werden wir mit einem Platzverbot belegen. Sie dürfen dann auf dem Strichplatz nicht mehr anschaffen.

Wie stark schätzen Sie den Anreiz der Freier ein, sich ausserhalb der Sexboxen zu verlustieren?
Wir rechnen damit, dass das passiert. Aber aufgrund der Erfahrungen in deutschen Städten ist die Gefahr nicht so gross. Es dürfte sich also eher um Einzelfälle handeln.

Weshalb kommen Sie zu diesem Schluss?
Aus rein ökonomischen Gründen. Den Prostituierten geht es nur ums Geld, sie wollen pro Stunde möglichst viele Kunden bedienen. Sexboxen sind dazu bestens geeignet. Die Freier profitieren dabei von einem billigen Preis. Wenn sie sich ausserhalb des Geländes befriedigen lassen, dauert das länger und wird somit teurer. Je edler der Ort, desto höher der Preis. Nur schon auf einem Parkplatz würden Freier mehr bezahlen, erst recht in einem Salon. Wer auf den Strichplatz kommt, entscheidet sich für das preisgünstigste Angebot.

Erstellt: 12.03.2012, 19:04 Uhr

Umfrage

Was halten Sie von Daniel Leupis Aussage, die Freier dürften sich auch ausserhalb der Sexboxen bedienen lassen?

Das ist wenig überraschend.

 
29.1%

Das tönte vor der Abstimmung anders.

 
11.9%

Das ist eine Veräppelung der Stimmbürger.

 
59.0%

1273 Stimmen


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Wo die Sexboxen stehen werden

Wo die Sexboxen stehen werden Auf einer Brache in Zürich West soll dereinst der neue Strichplatz entstehen.

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