Hintergrund

Die Rätsel-Häuser an der Marktgasse

Mitten in der Zürcher Altstadt stehen an allerbester Lage zwei historische Häuser. Sie scheinen seit Jahrzehnten zu zerfallen.

Im Hinterhof wird der schlechte Zustand der beiden Liegenschaften an der Marktgasse 4 und 6 (r.) sichtbar. Bild: Doris Fanconi.

Im Hinterhof wird der schlechte Zustand der beiden Liegenschaften an der Marktgasse 4 und 6 (r.) sichtbar. Bild: Doris Fanconi.

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Auf Augenhöhe ist in der Marktgasse alles in Ordnung. Man blickt in zwei Schaufenster – das überwucherte gehört zum Blumenladen, das mit den antiken Möbeln zum Tischleratelier. Doch hebt man den Blick oder geht man zur Rückseite des Hauses, wähnt man sich in die 30er-Jahre zurückversetzt. Gelblich-braun die Fassade, der Putz grossflächig gerissen, ein zugemauertes Fenster, Tauben, die in Fensternischen nisten. Mitten in der Zürcher Altstadt, stehen zwei historische Häuser, die seit Jahrzehnten zu zerfallen scheinen.

Die Liegenschaften an der Marktgasse 4 und 6 sind ein Rätsel, das Bewohner und Gewerbe seit Jahren beschäftigt. Alle kennen die beiden Gewerbetreibenden im Erdgeschoss, viele fragen sich, wieso der Rest der Liegenschaft unbewohnt ist. Mal heisst es, ein Erbschaftsstreit blockiere eine Sanierung, mal hört man, der Tischler sei der Besitzer und habe kein Geld. Die Wahrheit ist profaner. Das Haus gehört einer Einzelperson aus einer prominenten Familie, die nicht in der Zeitung genannt werden will. «Sie will im Hintergrund bleiben», sagt Erwin Fuchs von der Scala Treuhand, welche die Häuser verwaltet.

Die beiden Häuser an der Marktgasse gehören zu den letzten in der Altstadt, die sich dem Renovationsdruck des Immobilienmarktes verweigern. Sie sind seit über 100 (Nr. 4) respektive fast 200 Jahren (Nr. 6) nicht mehr grundlegend renoviert worden, schreibt der Historiker Martin Schmid in einer Biografie der früheren Besitzerinnen Marguerite Steiger und Hermine Raths, die an der Marktgasse die stadtbekannte Elephanten-Apotheke betrieben.

«Der Spekulation entziehen»

Nach dem Tod der beiden Unternehmerinnen gingen die Häuser in den 90er-Jahren an die OPO-Stiftung. Diese verkaufte sie 2007 an ihren Mieter, den Tischler Dölf Bachmann, der ein Vorkaufsrecht hatte. Bachmann verkaufte gemäss Grundbuchamt gleich weiter – an die jetzige Besitzerin. «Ihre Motivation war, dass die Häuser nicht in falsche Hände geraten. Wir wollten sie der Spekulation entziehen», sagt Fuchs. «Die Häuser sind alt und einzigartig. Wir wollten diesen ursprünglichen Zustand bewahren, und dazu gehören auch der Blumenladen und der Tischler im Erdgeschoss.» Was passiert wäre, wenn Investoren die Liegenschaft totalsaniert hätten, könne man in der ganzen Innenstadt beobachten: überall internationale Ladenketten, die Boutiquen von Trudi Götz und Kebabstände, bei denen man nicht wisse, wie sie sich finanzierten.

Die Nichtsanierung als Strategie gegen Immobilienspekulation und Luxusnivellierung? «Wir stemmen uns gegen die Entwicklung, alles dem Höchstbietenden zu geben», sagt Tischler Bachmann. Er ist offiziell nur Mieter der Liegenschaften, sieht sich aber als Partner des Eigentümers. Für die Altstadtbewohner ist er der Ansprechpartner geblieben: «Immerhin hat die Marktgasse mit unserem Gewerbe und der Originalfassade noch ursprüngliche Zeugen vergangener Zeiten. Wir haben nichts kaputt renoviert.» Bachmann spricht ein Trauma der Dörflibewohner an: An der Marktgasse wurden in den vergangenen zehn Jahren nicht nur einige Liegenschaften saniert. Viele traditionelle Geschäfte sind verschwunden. Weggezogen sind der Bäcker Bertschi, der Käseladen Müdespacher und der Fischhändler Bianchi. Gekommen sind Adidas (Kleider), die Galerienkette Lumas, an der Burda beteiligt ist, und die Franchisen-Kette Bärenland (Gummibärli).

Bachmann ist geblieben, sein Tischlerstudio kann er nur dank des Mäzenatentums des Eigentümers halten. Er sagt, ihm gehe es um mehr, um die Marktgasse an sich, um die Stadt Zürich, die nicht nur schön, sondern interessant bleiben müsse. Das Gewerbe werde von der Stadt mit Auflagen und von Immobilienspekulation vertrieben. «Als die letzten Gewerbeliegenschaften an der Marktgasse sind wir ein Statement, eine Art Kunstwerk», sagt er. Das Bijou der Liegenschaft, die sich als «potenziell schutzwürdiges Objekt» im Inventar der Denkmalpflege befindet, ist ein Jugendstilsaal mit rotgoldenem Täfer und Stuckdecke. Auch sonst habe das nie renovierte Innere eine Patina wie «aus einem Film über Paris der Vorkriegszeit», sagt einer, der das Haus begutachtet hat. Vor eineinhalb Jahren veranstaltete die Galerie Kilchmann mit Dölf Bachmann mitten in altem Mobiliar und Krimskrams eine Kunstausstellung. Für Bachmann ist es so gesehen irrelevant, wie die Fassade aussehe: «Es geht hier um Inhalt und nicht um Fassade.»

Der Altstadt nicht «würdig»

Das sehen nicht alle Nachbarn so. Die Fassaden vor allem gegen den Hinterhof seien der Altstadt nicht «würdig», sagt Unternehmer Beat Curti, der an der Marktgasse Wohnungen «für junge Altstadtfans» saniert hat und nebenan mit Hans Jecklin die Hotels Goldenes Schwert und Zic-Zac-Rockhotel umbauen wird. Auch Martin Brogli, Präsident des Quartiervereins, denkt, dass man «schon langsam etwas machen» müsse. Aber wie viele der Alteingesessenen möchte er nicht, dass die Marktgasse noch ganz zur Ladenketten-Einöde saniert wird.

Curti, der den «hochsympathischen» Blumenladen und das «urhandwerkliche» Tischlerlokal in den Liegenschaften schätzt, hat mit Bachmann auch Kontakt aufgenommen – um ihn und die Eigentümer zu motivieren, die Häuser etwas «zurechtzumachen» und auch die oberen Stockwerke zu nutzen für Wohnraum oder Kunstateliers. Curti bringt zur Sprache, was auch andere im Quartier angesichts des knappen Wohnraums umtreibt: das Bröckeln der ungenutzten oberen Etagen. Dort Wohnraum einzubauen, sei «angesichts der bestehenden Gewerbearchitektur derzeit weder möglich noch feuerpolizeilich erlaubt», sagt Bachmann. Oben fehle nur schon eine Zentralheizung. Verwalter Fuchs fügt hinzu: «Ein Umbau wäre extrem teuer.»

Und ein solcher ist derzeit nicht geplant. Der Lift musste nach Auflagen der Stadt stillgelegt werden. Inzwischen haben Ingenieure die Fassade untersucht. Ihr Befund: Der Zustand der Aussenwände sei nicht gefährlich. Nur gegen den herunterfallenden Putz müsse man etwas unternehmen. «Wir kümmern uns um den nötigen Unterhalt, mehr nicht», sagt Fuchs. Obwohl man immer wieder von Kaufinteressenten kontaktiert werde, halte man am Engagement an der Marktgasse fest. «Die Rendite steht bei uns nicht im Vordergrund. Angesichts der grassierenden Spekulation wären wir froh, wenn auch andere Leute so handeln würden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.08.2012, 06:37 Uhr

Zwei Betriebe, die die Altstadt prägen: Der Blumenladen von Urs Bergmann (l.) und das Tischleratelier von Dölf Bachmann. Bild: Doris Fanconi.

Die Geschichte der Häuser

Erstmals taucht das Grundstück mit den beiden Liegenschaften an der Marktgasse im Steuerrodel 1357 auf. Getrennt werden sie erst 1442 aufgeführt, die Nummer 6 als das «Haus zum Goldenen Schild», Nummer 4 als «Haus zum niederen Tempel». Seit dem Mittelalter wurden alle Häuser an der Gasse als Gewerbe- und Handwerksstätten betrieben, etwa von Goldschmieden («zum goldenen Schild»), Schneidern (beide Häuser) oder Wirten («Haus zum Alpha»). Bekannt waren die Liegenschaften im 20. Jahrhundert wegen der «Elephanten-Apotheke» in der Nummer 6, die bis zu ihrer Schliessung 1994 als Zürichs älteste Apotheke galt. (az)

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