Kolumne

Die Rentner sind schuld ...

... oder wenn internationale Experten über die Zukunft streiten und Zürich zur eStadt werden soll. Eine Kolumne.

Vision von Zürich als Europas Top-ICT-Standort: eZürich, eine von der Stadt Zürich lancierte Ideenplattform für digitale Macher.

Vision von Zürich als Europas Top-ICT-Standort: eZürich, eine von der Stadt Zürich lancierte Ideenplattform für digitale Macher.

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Sind wir endgültig in der digitalen Welt angekommen? Oder doch (noch) nicht? Der «Tages-Anzeiger» hat seine letzte Samstagsausgabe dem Thema «Leben im Netz» gewidmet. Miriam Meckel, deutsche Kommunikationsprofessorin an der Universität St. Gallen, hat sich eine Woche in den Stuhl des Chefredaktors des «Tages-Anzeigers» gesetzt – und just in ihrer Erfahrungswoche erfahren müssen, dass nicht alles funktioniert, was elektronisch ist. Am vorletzten Dienstag brach das ganze elektronische System des grössten Tageszeitungsverlags der Schweiz zusammen, und am Tag danach erschien eine Notzeitung mit zwei statt vier Bünden.

US-Präsident Barack Obama blieb in der letzten Woche hart, liess nicht an seiner Obamacare rütteln, liess sich nicht von den wütenden Politikern der Tea Party in die Knie zwingen. Er setzte gar die Zahlungsfähigkeit der grossen Nation aufs Spiel, bis seine wildentschlossenen Gegner doch noch ein Einsehen hatten. Die Obamacare, die Krankenversicherung für alle Amerikaner, ist zumindest vorerst gesichert. Nur: Die Webseite, auf der sich die Amerikaner anmelden sollten, funktioniert nicht.

Ein Desaster neben dem eigentlichen Desaster. Die digitale Welt scheint zunehmend die Welt zu beherrschen. Aber: Die weltbesten IT-Techniker scheinen die digitale Welt noch nicht entscheidend im Griff zu haben. Kaum ein IT-Projekt, das nicht scheitert, das nicht ungeplante Unsummen verschlingt, neu entwickelt werden muss.

Wer digital abseits steht, geht unter

Ich habe noch keine Branche erlebt, die von sich derart eingenommen ist, aber auch derart Projekte in den Sand setzt, ohne sich dafür verantwortlich zu fühlen. Es entwickelt sich eine Welt in der Welt, in der Welt des Netzes. Und der Abstand zwischen den Teilnehmenden und den Abseitsstehenden vergrössert sich. Es entsteht der legendäre digitale Graben zwischen Jung und Alt, zwischen den Informierten und den Nichtinformierten, zwischen Reichen und Armen, zwischen Weltgewandten und Isolationisten, zwischen Innovativen und Beharrenden, zwischen permanent Lernwilligen und Verweigerern.

Und dennoch: Wer abseits steht, wer sich nicht einklinkt in die digitale Welt, wird schlicht den Anschluss verpassen, wird untergehen. Es sei denn, er zieht ein Leben auf einer einsamen Insel, in einem Kloster, in der Einsamkeit vor. Die digitale Welt verändert uns, verändert unser ganzes Wertesystem. Sie verändert das Leben insgesamt – sei es am Arbeitsplatz, sei es bei der Gestaltung der Freizeit, sei es in unseren persönlichen Beziehungen. Es gibt tatsächlich ein Leben im Netz, ob wir wollen oder nicht.

Veränderungen der globalen Machtverhältnisse

Und just zu diesem Zeitpunkt verändern sich auch die Kräfteverhältnisse in der zunehmend globalisierten Wirtschaft. Experten sprechen und schreiben von epochalen Veränderungen der Machtverhältnisse. Im Jahre 2025 werde in den technologiefreundlichsten Metropolen der Welt – in Shanghai, in Peking, in Tianjin in China, in Sao Paulo in Brasilien, in New Delhi in Indien – nicht mehr Englisch, sondern Mandarin, Hindi und Portugiesisch gesprochen. Die europäischen Städte figurieren in keiner der Studien, die die zehn besten, die dynamischsten Metropolen in der technologischen Welt aufführen.

Noch ist es nicht so weit. Auch in Europa gibt es Gelehrte, wie etwa der Schweizer Ökonomieprofessor Thomas Straubhaar, die unermüdlich und beredt auf die Chancen des alten Kontinents hinweisen. Nach dem in Hamburg lehrenden Straubhaar würden die grossen asiatischen Märkte zwar dynamisch wachsen, aber dann langsam ins Stottern geraten. Nach wie vor seien sie deshalb auf das Know-how, auf die Produkte des Westens angewiesen, wollten sie aufschliessen zu den USA, zur EU, wollten sie wachsen, den Wohlstand ihrer riesigen Bevölkerung mehren. Das Ende des Wachstums sei noch lange nicht erreicht, auch für Europa nicht. Die USA würden sich mit neuen Technologien in der Energieerzeugung vom Erdöl zunehmend abkoppeln, würden ihre innovativen Kräfte neu entdecken, gezielt und erfolgreich einsetzen, um das zu bleiben, was sie seit Jahrzehnten sind: die führende Nation der Welt.

Zwischen Pessimismus und Zuversicht

Daneben gibt es auch schweizerische Pessimisten, die immerzu und überall warnen. Für den Zürcher Soziologen und «Tagesanzeiger-Magazin»-Kolumnisten Thomas Held gibt es, seit er die Barrikaden der 68er verlassen hat, beinahe nur ein Thema: Die Sozialwerke der Schweiz werden uns ins Hintertreffen führen. Er zitiert die Experten, die seine Thesen stützen. Für Stephen D. King, Chefökonom der Bank HSBC, sei das «Ende des Wachstums» nicht eine «vorübergehende Erscheinung, sondern ein historischer Wandel». Die Schweiz sei, meint Held, solchen Sorgen «weit entrückt». Die Stunde der Wahrheit bei der AHV würde hinausgeschoben, die Umverteilung bei der Zweiten Säule erfolge systemwidrig von Jung zu Alt. Im Klartext: Die Rentner sind schuld.

Ist nicht auch Zuversicht angesagt? Wird die Wahrheit nicht zwischen Straubhaar und King liegen? Eines ist auf jeden Fall tröstlich: Nach einer Bewertung der Unternehmensberatung Merker weisen die Städte Zürich, Wien, München und Auckland (noch) die grösste Lebensqualität aller Metropolen in der Welt auf. Und der Zürcher Stadtrat hat in seinen Legislaturzielen eines in den Vordergrund gestellt: Zürich soll zu einer eStadt werden, zu eZürich. Noch ist es eine zukunftsträchtige Absichtserklärung, noch lassen die Taten auf sich warten. Aber immerhin: Google hat ihren europäischen Hauptsitz in Zürich, von wo aus das Unternehmen auch den Mittleren Osten und Afrika betreut. Zweifellos: Der Zürcher Stadtrat hat die Zeichen der Zeit erkannt.

Erstellt: 24.10.2013, 21:25 Uhr

Anton Schaller ist Unternehmensberater, Dozent, VR-Präsident der Seniorweb.ch AG und Kolumnist von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er war Chef der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens sowie LdU-Kantons- und Nationalrat aus dem Kanton Zürich.

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