Die S-Bahn ist auch eine Staub-Bahn

Wie vernebelt sah der neue Bahnhof Löwenstrasse gestern Sonntag aus: Jeder Zug brachte aus dem neuen Tunnel eine Staubwolke mit.

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Der Hauptbahnhof war gestern Mittag schon von weitem zu hören: Es zischte und brauste laut aus dem neuen Abluftkamin aus Beton. Und noch viel lauter brauste es unten im neuen Durchgangsbahnhof mit den Gleisen 31 bis 34. Die Deckenlüftung lief auf Vollstärke. Doch sie nützte nur zeitweise: Jede S-Bahn, die aus dem am Samstag ein­geweihten Weinbergtunnel kam, zog eine Staubschleppe hinter sich her. Am anderen Ende, wo vom Perron aus das Tageslicht zu sehen ist, war die Luft klar. Aber in Tunnelnähe sah es aus wie im Herbst.

Der Staub war nicht nur dicht, er stieg auch und weckte die Rauchmelder in der Ladenpassage, worauf die Roll­treppen und Lifte stillstanden. Sie mussten später mit Schlüssel von Hand wieder zum Laufen gebracht werden.

Staubsaugmaschinen im Nachteinsatz

Dass die vielen Züge am ersten Tag des fahrplanmässigen Betriebs Beton­staub im Tunnel aufwirbeln würden, sei zu erwarten gewesen, erklärte Pressesprecher Reto Schärli. Trotz mehrmaliger Reinigung sei das bei jedem neuen Bahntunnel der Fall. Als Sofortmassnahme schickten die SBB zweimal einen Rettungszug durch den Tunnel, der Wasser verspritzte, um den Staub zu binden. Ab 16 Uhr wurde dann jede Stunde die Rauchgasentlüftungsanlage für einige Minuten in Betrieb gesetzt. Sie vermag 200 Kubikmeter Luft pro Sekunden abzusaugen. In der Nacht, wenn keine S-Bahn-Züge mehr verkehren, kommen grosse Staubsaugmaschinen zum Einsatz.

Auf den Bahnbetrieb habe der Staub aber keinen Einfluss gehabt, sagte Schärli. Die S 2, die S 8 und die S 14 fahren seit Sonntag durch den Weinbergtunnel und den Bahnhof Löwenstrasse, weshalb der 2002 eröffnete Bahnhof Sihlpost jetzt stillgelegt ist und abgebrochen wird. An seiner Stelle wird in vier Jahren ein weiteres Geschäftshaus der Europaallee stehen.

Hatte der Baustaub gestern auch keinen Einfluss auf den Fahrplan, auf die Optik wirkte er sich sehr wohl aus. Der feine, kalte Staub, der ein bisschen nach Gips roch, verbreitete sich im halben Shopville. Vor allem der neue Teil über dem neuen Bahnhof sah zeitweise ähnlich vernebelt aus wie unten die Perrons. Und so musste das Dutzend Kundenlenker immer wieder Auskunft geben: Baustaub, keine Gefahr.

Um 5.21 Uhr gings offiziell los

Der erste Betriebstag des neuen Bahnhofs begann gestern am frühen Morgen. Hundemüde und angetrunken waren die einen, aufgekratzt und stolz die anderen: Eine spezielle Mischung von Passagieren liess sich am Sonntagmorgen nach 5 Uhr über die Rolltreppen in den neuen goldenen Bahnhof Löwenstrasse bringen. Um 5.21 fuhr die erste fahrplanmässige S-Bahn über die Durchmesser­linie (DML) bis zum Flughafen.

Da waren solche, die kamen direkt aus den Partykreisen 4 und 5, viele in Fussballshirts, und suchten die ersten S-Bahnen Richtung Oerlikon. Auf dem Perron warteten aber auch SBB-Chef Andreas Meyer, Verkehrsverbundschef Franz Kagerbauer, Mister-S-Bahn Werner Schurter und selbstverständlich Roland Kobel, der Gesamtprojektleiter des 2-Milliarden-Projekts. Meyer hielt sogar auf dem Perron eine kurze Ansprache und übergab die DML offiziell an Kagerbauer und Schurter.

Die grosse Mehrzahl der rund 100 Passagiere auf dem Perron hatte jedoch nicht den kleinsten Schimmer, weshalb diese Gruppe von wartenden Passa­gieren so aufgeregt herumzappelte. Da waren zum Beispiel Jesse und Juniper aus Los Angeles, die im Online-Fahrplan die früheste Verbindung zum Flughafen herausgesucht hatten. SBB-Chef Andreas Meyer versuchte ihnen in perfektem Englisch die Bedeutung der Durchmesserlinie und historische Bedeutung dieses Morgens zu erklären – aber Jesse und Juniper verstanden wohl nur Bahnhof.

Andere waren so müde, dass sie gar nicht realisierten, dass die S-Bahn durch einen Tunnel fuhr. Roland Kobel kre­ierte deshalb einen neuen Slogan für die ZVV: «Ich bin auch ein Schlafwagen.»

Die meisten finden den Weg

Ab acht Uhr begannen sich der neue Bahnhof und ein Teil der 45 neuen Läden zu bevölkern. Ein Dutzend Kundenlenker in gelben Leuchtwesten erklärte verunsicherten Passagieren die neuen Verbindungen. Valeria Malacarne, sonst am Billettschalter in Dübendorf, zog um 9 Uhr eine erste Bilanz: «Die meisten Kunden finden ihren Weg selber, aber mit den Rolltreppen und den Richtungen müssen wir hin und wieder helfen.» Das war auch Andreas Meyers erste Bilanz: «Vielleicht müssen wir noch mehr machen, damit die Kunden die Ausgänge und die Tramanschlüsse besser finden.» Den Weg zum neuen Bahnhof dagegen scheinen alle mühelos im Griff zu haben.

Heute Montag starten die SBB eine wissenschaftliche Analyse, um die Signalisationen weiter zu verbessern. Kunden werden mit sogenannten Eyetrackern ausgerüstet. Das sind spezielle Brillen mit eingebauten Kameras, welche die Suchbewegungen der Augen und des Kopfes exakt aufzeichnen. So kann getestet werden, wie lange Kunden suchen müssen und auf welchen Anzeigetafeln die Blicke wie lange verharren.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2014, 00:50 Uhr

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