Die Schrotthalde des Weltalls kann warten

Erstmals seit 30 Jahren fliegt die ausrangierte Nasa-Sonde ISEE-3 wieder nahe an der Erde vorbei – unter dem Kommando von Achim Vollhardt. Der 38-jährige Zürcher sitzt dafür nächtelang am Computer.

Achim Vollhardt arbeitet als Physiker an der Universität Zürich – daneben ist er leidenschaftlicher Funker. Foto: Dominique Meienberg

Achim Vollhardt arbeitet als Physiker an der Universität Zürich – daneben ist er leidenschaftlicher Funker. Foto: Dominique Meienberg

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Einmal im Leben einen Satelliten pilotieren. Für Achim Vollhardt hat sich dieser Wunschtraum erfüllt. Der 38-jährige Funkamateur steuert von zu Hause aus die Sonde ISEE-3, auch bekannt als ICE, durchs All. Die Nasa hat den Satelliten aus den Siebzigerjahren ausrangiert, obwohl er noch immer Signale sendet. Weil aber der Transmitter und die Steuerbefehle für den telefonzellengrossen ICE verschollen waren, gab die Nasa die Sonde auf.

Funkamateure aus Deutschland und den USA, unter ihnen auch Vollhardt, wollten den Verlust nicht hinnehmen. Die Sonde, die ab 1978 Daten zum Sonnenwind sammelte und in den Achtzigerjahren Kometen beobachtete, habe funktionstüchtige Geräte an Bord und könne Daten für die Forschung liefern, sagt Vollhardt. «Wegwerfmentalität stört mich nicht nur hier auf der Erde, sondern auch im All.»

Eine Premiere

Um einen Satelliten zu steuern, muss man seine Sprache sprechen. Was die Nasa unterliess, gelang Vollhardts amerikanischen Kollegen. Sie machten den 82-jährigen Missionsleiter ausfindig, der ihnen sämtliche Unterlagen zur Sonde zur Verfügung stellte. Zudem brachten die Funkamateure die Nasa dazu, ihnen den Satelliten zu überlassen. Eine Premiere. Eine weitere gelang den begeisterten Funkern im Mai: Als die ICE erstmals in Reichweite kam, schafften es die Funker, den Satelliten anzufunken und das Kommando zu übernehmen. Laut Vollhardt das erste Mal, dass eine private Funkamateurgruppe eine interplanetare Raumsonde steuert.

Jetzt laden die Funker so viele Daten wie möglich herunter, denn am Sonntag kommt der Satellit der Erde am nächsten: Dann überfliegt ICE den Mond. Ursprünglich wollten die Funker die Anziehungskraft des Planeten ausnutzen, um den Satelliten in die Erdumlaufbahn zurückzubringen. Im Juni versuchten sie, die Triebwerke zu zünden, um den Kurs zu ändern.

Fast die ganze WM verpasst

«Es war nervenaufreibend, weil wir in Echtzeit miterlebten, was funktionierte – und was nicht», sagt Vollhardt, der als Physiker an der Universität Zürich arbeitet. Von der Fussball-WM hat der Deutsche kaum etwas mitbekommen. Er sass nächtelang in Zürich vor seinem Computer und war via Skype mit den Kollegen in Deutschland und den USA und mit den Antennen in Puerto Rico und Bochum verbunden. Schliesslich gelang das Vorhaben. Aber die Freude währte nur kurz: «Der Treibstoff gelangt nicht mehr in die Triebwerke, es hat keinen Druck mehr im System» sagt Vollhardt.

Statt der geplanten 50 Kilometer wird die Sonde den Mond mit 17'000 Kilometer Abstand überfliegen. Danach müssen sich die Funker von ICE verabschieden. Der Satellit wird bald zu weit weg sein, um noch brauchbare Signale zu liefern. Vollhardt: «Es ist, wie wenn jemand in einem leeren Raum weit entfernt flüstert – man hört, dass er noch da ist, aber man versteht ihn nicht mehr.» Trotzdem ist Vollhardt nicht traurig über den Abschied von ICE. So sei der Lauf der Dinge. Als Funkamateur einen Satelliten zu steuern, sei aufregend und lehrreich, aber werde ein einmaliges Erlebnis bleiben.

Erstellt: 09.08.2014, 07:36 Uhr

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