«Die Seefeldisierung ist langfristig wertvoll»

Billigwohnungen an bester Lage nützen nur einigen Privilegierten, erklärt Immobilienberater Urs Hausmann. Die Seefeldisierung hält er für langfristig wertvoll.

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Herr Hausmann, die Stadt will an bester Lage im Seefeld ein Grundstück mit günstigen Wohnungen überbauen. Wem bringt das was?
Davon profitieren diejenigen, und nur diejenigen, die das Glück haben, eine Wohnung zu ergattern. Es ist paradox, dass man an einer der Top-50-Lagen der Welt Wohnraum zu Discountpreisen erstellt.

Die Mieten sind im Seefeld in den letzten Jahren derart gestiegen, dass das Schlagwort von der «Seefeldisierung» die Runde macht.
Es gibt keinen Beleg, dass das schaden würde. Im Gegenteil: Die Seefeldisierung ist langfristig wertvoll. Wenn die Mieten steigen, entsteht Druck auf die Investoren zu bauen – ein absolut positiver Effekt. Deshalb hat man das vom Stadtrat formulierte Ziel von 10'000 neuen Wohnungen in zehn Jahren auch so locker erreicht.

Viele können sich das Wohnen im Seefeld nicht mehr leisten. Was sollen sie tun?
Die, die sich das Wohnen im Seefeld nicht mehr leisten können, wollen aus irgendeinem Grund einfach nicht nach Oerlikon gehen. Man muss sich immer wieder mal bewusst machen: Es gibt kein Menschenrecht, ein Leben lang die gleiche Wohnung zum gleichen Preis mieten zu können. Als Mieter gehört einem die Wohnung nicht. Wenn man das nicht will, dann muss man kaufen.

Eine Wohnung kostet in der Stadt Zürich ab 1,2 Millionen. Das kann sich der Mittelstand kaum leisten.
Das ist klar. Aber der Mietmarkt funktioniert ja. Mit einem normalen Einkommen findet man eine Wohnung, vielleicht nicht im Seefeld, aber anderswo. Das Seefeld ist ja auch nicht mehr das gleiche Quartier wie vor zwanzig Jahren, als die Mieten noch tief waren. Bevor die S-Bahn am Bahnhof Stadelhofen hielt, als es im Seefeld noch einen Strassenstrich gab, war das keine privilegierte Lage. Die Preise sind ja nicht wegen der bösen Spekulanten gestiegen, sondern weil die Standortattraktivität gestiegen ist. Wenn Strassen sauberer werden, wenn die Kriminalität sinkt, dann hebt das den Wert von Liegenschaften sehr direkt.

Es geht ja nicht nur darum, dass das Seefeld zu einem Zürichberg wird. Wird die Welle der Gentrifizierung nicht auch in die anderen Quartiere rüberschwappen?
Es gibt keinerlei Anzeichen, dass Wohnraum in Schwamendingen wegen der Entwicklung im Seefeld teurer wird, schliesslich steht dieses eher in Konkurrenz zur Stadt Zug. Aber klar: Auch die Attraktivität der Aussenquartiere ist gestiegen. Die Bewohner profitieren davon. Es ist keine zwanzig Jahre her, da Zürich in Büchern die Verslumung prophezeit wurde. Nur noch Alte, Ausländer und Arbeitslose würden in den Städten wohnen, hiess es. Zum Glück ist es anders gekommen.

Die Bürgerlichen kritisieren, dass die Stadt die Bautätigkeit mit unnötigen Vorschriften behindert. Trifft das zu?
Daran glaube ich nicht. Natürlich sind die Baugesetze nicht so liberal wie in Uri oder im Jura. In einer Grossstadt wie Zürich muss man das Bauen natürlich besser koordinieren als auf der grünen Wiese. Ich würde sagen, die Zürcher Stadtregierung hat einen neutralen Einfluss auf die Bautätigkeit. Keinen förderlichen, aber auch keinen negativen.

Die politische Linke dagegen sucht ihr Heil im gemeinnützigen oder städtischen Wohnungsbau. Was bringt das?
Meistens nicht viel. Der Einmal-Effekt schlägt voll zu. Die Kriterien, die bei der Vergabe der Wohnungen angewandt werden, sind zwar sinnvoll: Mindestens drei Leute in einer 4-Zimmer-Wohnung, maximal 70'000 Franken Einkommen. Das Problem ist, dass die Leute, die in den Genuss einer subventionierten Wohnung kommen, diese nie mehr freiwillig verlassen – selbst wenn sie die Kriterien nicht mehr erfüllen, weil die Kinder draussen sind oder das Einkommen gestiegen ist. Die Genossenschaften und die Stadt wissen das, aber sie unternehmen nichts. Ich würde behaupten, dass ein Drittel dieser Leute illegal in ihren Wohnungen lebt.

Es wäre viel verlangt, wenn sie freiwillig gehen würden.
Das bräuchte moralische Grösse. Aber die Stadt und die Genossenschaften sollten einmal zurück zu den Wurzeln und sich fragen, wer die vergünstigten Wohnungen am nötigsten hat. Sie kontrollieren immerhin einen Viertel aller Wohnungen.

Was kann die Politik gegen die hohen Mieten tun?
Es ist auf jeden Fall nicht intelligent, wenn sie mit der Giesskanne vorgeht. Davon profitieren einige wenige, die Allgemeinheit trägt den Schaden. Die Stadt hat eigentlich kein Interesse an tiefen Mieten, weil damit der Anreiz für Investoren sinkt, neuen Wohnraum zu schaffen. Die Stadt müsste an möglichst hohen Mieten interessiert sein.

Diese können sich aber viele nicht leisten. Wie hilft man ihnen?
Man könnte energetische Sanierungen erschweren, diese verteuern das Wohnen, und zwar politisch gewollt. Aber ernsthaft – als Ökonom fallen einem viele Wege ein, wie man den Bedürftigen günstige Wohnungen zur Verfügung stellen könnte: Eine Zweitwohnungssteuer zum Beispiel. Oder man könnte eine Lenkungsabgabe auf Wohnraum erheben und so die Nachfrage nach den immer grösseren Wohnungen bremsen. Oder man könnte analog zur CO2-Abgabe eine Börse einrichten, wo Wohnrechte gehandelt werden. Leute, die sich mit weniger Fläche zufrieden geben, könnten ihre Quadratmeteranteile an jene verkaufen, die sich das leisten wollen.

Erstellt: 04.02.2011, 13:43 Uhr

Urs Hausmann, Partner der Beratungsfirma Wüest und Partner. (Bild: PD)

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