«Die Situation an der ETH war noch nie so zugespitzt wie jetzt»

ETH-Rat-Präsident Fritz Schiesser, der im April zurücktritt, äussert sich zu den Missständen an der Hochschule. Ein gesellschaftlicher Wandel habe die ETH verändert – und das sei gut so.

Fritz Schiesser präsidierte elf Jahre den ETH-Rat, das oberste Organ des ETH-Bereichs. Foto: Fabienne Andreoli.

Fritz Schiesser präsidierte elf Jahre den ETH-Rat, das oberste Organ des ETH-Bereichs. Foto: Fabienne Andreoli.

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Herr Schiesser, zum ersten Mal in ihrer Geschichte beantragt die ETH die Entlassung einer Professorin. Davor kam sie 164 Jahre lang ohne aus. Wie erklären Sie das der Öffentlichkeit?
Es ist ja nicht der erste Streitfall mit Professoren. Andere Fälle wurden meistens auf Schul­ebene oder departementsintern gelöst. Bis jetzt gab es allerdings noch nie eine derart zugespitzte Situation.

Garantierte Jobs bis zur Pension gibt es sonst nur im Vatikan. Warum auch an der ETH?
Wir richten uns nach der Rechtsgrundlage des Bundes. Man wollte früher die Rahmenbedingungen so setzen, dass man attraktiv ist, um die besten Professoren zu kriegen. Das heisst nicht, dass wir keine Leute entlassen können. Das sehen wir im aktuellen Fall. Wichtig ist: Es darf niemals zulasten der psychischen und physischen Gesundheit der Doktorierenden gehen.

Mobbing und wissenschaftliche Fehlleistungen gab es schon vorher. Weshalb ist die Situation derart eskaliert?
Es gab einerseits eine gesellschaftliche Veränderung: Machtpositionen und Unterordnungen werden heute anders wahrgenommen. Es ist gut, dass sich diese gesellschaftlichen Veränderungen nun auch an der ETH zeigen und zu strukturellen Veränderungen führen. Mit all den jungen Professorinnen und Professoren, die wir eingestellt haben, findet eine Veränderung statt. Der Generationenwechsel an der ETH ist eingeläutet.

Soll mit der Entlassung auch ein Exempel statuiert werden?
Nein, der Fall wird – wie jeder andere – rein nach Gesetz beurteilt. Die Professorin wird nun vom ETH-Rat angehört. Es dauert einige Wochen, bis wir entscheiden. Möglich, dass der Fall bis ans Bundesgericht weitergezogen wird.

«Zugegeben: Einem Professor stehen in der Regel mehr Mittel für Anwälte zur Verfügung als den Studierenden.»

Die ETH schloss 2017 das Institut für Astronomie und schickte die Professorin in ein Sabbatical. Eine Untersuchung wurde jedoch erst auf Druck der Öffentlichkeit eingeleitet. Weshalb so spät?
Es handelt sich um ein Missverständnis. Das Verfahren war schon eingeleitet, bevor der Fall öffentlich bekannt wurde. Der ETH-Rat hat eine Administrativuntersuchung angeordnet. Der Fall gelangte erst einen Monat später an die Öffentlichkeit.

Liegt das Problem vielleicht in der internen Kommunikation? An der ETH erhalten Doktorierende und Studierende, die in ein Verfahren involviert sind, kaum Informationen.
Es ist nicht ganz einfach, den Betroffenen zu erklären, was für Rechte sie haben und wo sie eben keine Rechtsstellung haben. Vielleicht muss man da einen Leitfaden zur Aufklärung der Betroffenen machen. Wir müssen auf der anderen Seite eben auch die Persönlichkeitsrechte der Professorinnen und Professoren schützen. Auch Beschuldigte haben ihr Recht.

Wurden Letztere nicht immer schon höher gewertet?
Die Anwälte der Professoren würden Ihnen da widersprechen.

In den Verfahren bekommen die Studierenden keine Rechtsvertretung, beschuldigte Professoren unternehmen nichts ohne ihren Anwalt. Muss die ETH da nicht umdenken?
Wir handeln nicht im luftleeren Raum, sondern nach Vorschriften gemäss Bundesrecht. Das sind externe Fachpersonen, die diese Untersuchungen führen, nicht die ETH. Gäbe es eine Strafanzeige, würden sich die Parteienrechte ändern. Zugegeben: Einem Professor stehen in der Regel mehr Mittel für Anwälte zur Verfügung als den Studierenden. Letztere haben aber verschiedene Möglichkeiten zur Unterstützung, so auch die Meldestelle des ETH-Rats.

Es gab bisher noch keine Entlassungen von Professoren, aber einige Arbeitsverhältnisse wurden im «gegenseitigen Einvernehmen» aufgelöst. Es soll auch Geld geflossen sein, damit Professoren die ETH verlassen.
Ich kann mich an keinen Fall erinnern. Bei ungerechtfertigter Kündigung kann es eine Entschädigung geben. Es mag Fälle geben, in denen man sich trennte, und der Lohn wurde noch für drei Monate bezahlt.

Als Präsident des ETH-Rats haben Sie die Aufsicht über die ETH. Haben Sie in den letzten Jahren zu wenig hingeschaut?
Es macht mich traurig, dass diese Fälle passieren. Jetzt, wo sie bekannt sind, können wir handeln. So, wie das Herr Mesot macht. Es benötigt einen Kulturwandel, der Zeit braucht. Ich sehe nicht, was der ETH-Rat hätte anders machen können. Die ETH-Schulen funktionieren autonom, wir dürfen gemäss Gesetz nicht ­eingreifen und müssen die Eigenständigkeit der Schulen gewährleisten.

Sie konnten also nichts unternehmen, wenn Sie von Missständen erfuhren?
Doch, wir suchten das Gespräch mit den Präsidenten – wie damals mit Lino Guzzella. Wir fällten den Entscheid im ETH-Rat, dass der Fall am Astronomie­institut aufgearbeitet werden muss, auch das wissenschaftliche Fehlverhalten. Doch letztlich ist es Sache der Institution, sprich der ETH, der Sache nachzugehen und Massnahmen umzusetzen.

Im Fokus sind auch die ­Forschungsanstalten. An der Empa werfen Studierende einem Professorenpaar Plagiat und Mobbing vor. Wie schlimm ist es?
Zu diesem Fall kann ich mich nicht äussern, weil ich nicht weiss, was noch zu uns kommt. Zudem möchte ich darauf hinweisen, dass es sich nicht um ein ETH-Professorenpaar handelt.

Sondern?
Die eine Person ist an der Empa, die andere an der ETH angestellt.

Dennoch fungierte der Mann an der Empa als Vorgesetzter seiner Lebenspartnerin.
Die Problematik solcher Konstellationen haben wir schon vor einiger Zeit erkannt und Massnahmen ergriffen. Ob es unter den 20'000 Angestellten der ETH noch solche Konstellationen gibt, kann ich nicht beurteilen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2019, 22:51 Uhr

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