«Die Sozialhilfe ist kein Selbstbedienungsladen»

Martin Blattmann ist seit 25 Jahren Sozialarbeiter. Die nicht abreissende Kritik am heutigen System hält er ­für teilweise überholt. Der Druck auf die Sozialhilfebezüger und die Kontrollen seien bereits verschärft worden.

«Es ist wichtig, an den Fällen dranzubleiben», sagt Martin Blattmann.  Foto: Reto Oeschger

«Es ist wichtig, an den Fällen dranzubleiben», sagt Martin Blattmann. Foto: Reto Oeschger

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Für viele Sozialhilfe-Kritiker sind Sozialarbeiter Gutmenschen, die Armen das Händchen halten und Geld auszahlen, ohne dafür etwas zu fordern.
Früher hätte ich das noch halb unterschrieben. Ich habe im Sekretariat für ­alleinstehende Männer angefangen. Dort ging es wirklich in erster Linie darum, dafür zu sorgen, dass diese meist alkoholabhängigen Männer nicht ausfällig wurden. Heute suchen wir auch  für Menschen in solchen Situationen Arbeitsmöglichkeiten.

Und früher verwaltete man sie mit ihrer Sucht?
Das höchste der Gefühle war, dass wir versuchten, den einen oder anderen in eine Klinik zu schicken.

Diese Menschen müssen sehr lange Sozialhilfe bezogen haben.
Das täuscht, mit einer Suchtproblematik kam man damals rasch in die IV. Heute ist das nicht mehr möglich. Was auch richtig ist.

Bedeutet das, dass Sozialarbeiter mehr Druck aufbauen müssen?
Natürlich. Wir müssen mehr kontrol­lieren, mehr abklären, professioneller ­auftreten.

Sind Sie vom Gutmenschen zum Polizisten geworden?
Das wäre überspitzt. Wir suchen noch immer nach dem Bestmöglichen für ­unsere Klienten, alles andere wäre schrecklich. Aber wir sind realistischer.

Realistischer? Wenn man die Leute früher einfach verwaltete, klingt das nicht nach unrealistischen Zielen.
Doch, und das war das Problem. Früher war bei Alkoholikern zum Beispiel Abstinenz das Ziel. Wer das nicht erreichte, der wurde verwaltet. Heute wissen wird, dass Abstinenz für manche Leute nicht realistisch ist. Aber es ist dennoch möglich, dass sie der Gesellschaft etwas zurückgeben. Das fordern wir heute ein.

Welche Fähigkeiten zeichnen einen guten Sozialarbeiter aus?
Er kennt alle Möglichkeiten und alle Stellen, die seinem Klienten weiter­helfen können. Er kann das Optimum aus den Leuten herausholen. Und er ist kaufmännisch begabt.

Wie viel Härte braucht es? Und wie viel Herz?
Es braucht beides. Wobei ich finde, Härte ist nicht einmal nötig, Klarheit ­genügt. Man sollte nicht versuchen, den Leuten Traumschlösser zu verkaufen. Sie durchschauen einen sowieso.

Man muss den Leuten aber auch etwas zutrauen und sie fordern.
Unbedingt. Wesentlich ist dabei, die Ziele so auszuarbeiten, dass die Leute sie verstehen und erreichen können.

Woran scheitern Sozialarbeiter? An den Traumschlössern oder daran, dass sie zu wenig fordern?
Oft daran, dass sie nicht dranbleiben können. Weil sie mit zu vielen Klienten Ziele zu verfolgen haben.

Trotz den Veränderungen ist die Sozialhilfe nach wie vor in der Kritik. Inwieweit ist das berechtigt?
Wir müssen aufpassen, dass wir die Leute nicht überbetreuen. Wir müssen nicht für jedes Problem eine Lösung bieten. Anderseits, wenn wir es nicht tun und es passiert etwas, heisst es: Warum habt ihr dieses oder jenes nicht getan? Die Diskussionen werden nie aufhören.

Kritiker reden oft von einer ­Sozialindustrie, die die Klienten nicht mehr loslässt.
Bei guten Institutionen ist das nicht so. Aber ich glaube schon, dass es private Anbieter gibt, die Leute länger behalten als nötig. Deshalb braucht es Kontrolle.

Gibt es diese Kontrolle?
In Zürich schon und auch in Embrach, wo ich in der Sozialbehörde bin. Es ist wichtig, an den Fällen dranzubleiben.

Das war aber nicht immer so. 2007 geriet das Zürcher ­Sozialdepartement wegen ­mangelnder Kontrollen in die Schlagzeilen. Wie kam das bei den Sozialarbeitern an?
Ich denke, die Sozialarbeiter wollten ­immer mehr Kontrolle. Sie haben die richtige Fragetechnik und ein gutes ­Gespür, wo etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Heute können sie sich bei Verdacht auf Unregelmässigkeiten beim Inspektorat melden. Früher hatten sie diese Möglichkeit nicht.

Also haben sie das Geld einfach mit ungutem Gefühl ausgezahlt?
Was wollten sie tun? Wie hätte ein Sozialarbeiter nachweisen können, dass jemand schwarzarbeitet?

Wie gehen Sie persönlich mit der Kritik an der Sozialhilfe um?
Ich versuche, meine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen zu machen. Ich bin überzeugt, dass wir es nicht so gut in der Schweiz hätten, wenn wir unsere Arbeit nicht machen würden. Es ist doch genial, dass eine alleinerziehende Mutter mit einem behinderten Kind genug Geld zum Leben hat. Sie kann keine grossen Sprünge machen, aber es reicht. Das sollten wir nicht aufs Spiel setzen.

Wie oft haben Sie den Eindruck, die Klienten forderten zu viel?
Die allermeisten sind froh, dass es uns gibt. Einzelne Bezüger glauben, sie müssten nichts leisten. Dann wird es ­interessant. Diesen Leuten muss man auf den Fuss treten.

Wie machen Sie das?
Wir fordern von allen, die gesund genug sind, eine Arbeitsleistung. Ich lade die Leute bewusst zu unterschiedlichen ­Zeiten an verschiedenen Tagen ein. Wenn sie allenfalls schwarzarbeiten, wird das ganz lästig für sie.

Und wenn die Leute sich weigern?
Dann wird die Leistung gekürzt. Die meisten melden sich aber vorher von der Sozialhilfe ab – oder sie spuren, wenn es unangenehm zu werden droht. Sozialhilfe ist kein Selbstbedienungs­laden. Es gibt Regeln.

Im Zusammenhang mit Jeton G. klagten Sozialämter, man könne zu wenig scharf sanktionieren, wenn jemand renitent ist.
Ich sehe das Problem nicht ganz. Wir können das heute schon, indem wir den Leuten einen Teillohn-Arbeitsplatz zur Verfügung stellen, an dem sie jederzeit anfangen können und bis zu 800 Franken im Monat verdienen. Wenn jemand einen solchen Arbeitsplatz ablehnt, ziehen wir die 800 Franken von der Sozialhilfe ab. Dann bleiben 186 Franken.

Und wenn einer sagt, er lebe halt mit den 186 Franken?
Dann muss er mir nach zwei Monaten belegen, wie er mit den 186 Franken ­Essen und Strom und Telefon bezahlt. Tut er das nicht, stelle ich die Hilfe ganz ein, weil ich davon ausgehen muss, dass andere Einnahmen da sind.

Das klingt sehr theoretisch.
Ich habe das schon gemacht.

Eine kleine Gemeinde kann doch nicht einfach Stellen für ­Sozialhilfebezüger kreieren.
Es gibt genügend Angebote in Teil­lohnprojekten, bei denen sich Gemeinden einkaufen können. Allerdings muss man auch sagen: Die meisten Bezüger wollen arbeiten, aber sie können nicht die Leistung erbringen, die im freien Markt gefordert wird. Das ist das ­Problem.

Also braucht es keine schärferen Sanktionsmöglichkeiten?
In einem Punkt schon: Wenn jemand zu Unrecht im grossen Stil Geld bezogen hat, sollten wir die Hilfe schneller ­einstellen können.

Wie viele Leute betrügen?
Ich würde sagen, drei bis fünf Prozent. Meistens geht es aber um minimale Beträge. Manchmal ist es eher Dummheit als böser Wille. Ich hatte einen Klienten, dessen Bruder ihm Geld aus Amerika überwies, damit er für den Bruder Häuser kaufte. Wir haben die Geschichte geprüft, sie stimmte. Nur: Wenn jemand Geld auf seinem Konto hat, muss er es für seinen Unterhalt verwenden. Der Mann hätte also kein Anrecht auf Sozialhilfe gehabt. Dabei war sein Konto bloss ein Durchlaufkonto. Ist das Beschiss?

Können Sie sich ein System ­vorstellen, in dem Betrug nicht mehr möglich ist?
Nein – ausser es gibt keine Sozialhilfe mehr.

Wieweit verfolgen Sie die ­Medienberichte über Fälle wie Jeton G. oder den renitenten Bezüger von Berikon, der sich gegen die Kürzung der Sozialhilfe wehrte und der vor Bundesgericht recht bekam?
Sehr interessiert. Es interessiert mich, was etwa Berikon hätte anders machen können und müssen. Ich denke, mit ­einem Teillohn-Arbeitsplatz hätte sich das Problem lösen lassen. Bei Jeton G. ist es etwas anders: Wenn Kinder involviert sind, ist es immer viel schwieriger. Wenn man hier kürzt . . .

. . . leidet nicht der Vater . . .
. . . sondern auch Frau und Kinder. Dann ist schnell die Kesb im Spiel. Sollen wir Leuten die Kinder wegnehmen, nur um die Sozialhilfe kürzen zu können?

Erstellt: 09.04.2015, 23:36 Uhr

Martin Blattmann

Erfahrener Sozialarbeiter

Martin Blattmann leitet den Fachstab Wirtschaftliche Hilfe im Stadtzürcher Sozialamt. Der 55-jährige gelernte Kaufmann arbeitete zehn Jahre bei einer Bank, bevor er 1989 eine Stelle beim damaligen Zürcher Fürsorgeamt annahm. Berufsbegleitend liess er sich zum Sozialarbeiter ausbilden. Bis 1999 blieb er bei der Stadt, danach arbeitete er acht Jahre in der kirchlichen Jugendarbeit und im kirch­lichen Sozialbereich. 2007 wechselte er zurück zur Stadt. Blattmann ist geschieden und Vater zweier Kinder. (leu)

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