Wir Inkonsequenten

Der Mensch fordert den Schutz seiner Privatsphäre und gibt ihn gleichzeitig freiwillig auf. Eine Ausstellung im Stadthaus konfrontiert uns mit diesem Widerspruch.

In Zürich gibts 2000 öffentliche Überwachungskameras. Beeinträchtigen sie unsere Privatsphäre? Im Stadthaus gibt es Antworten. Bild: Stadt Zürich

In Zürich gibts 2000 öffentliche Überwachungskameras. Beeinträchtigen sie unsere Privatsphäre? Im Stadthaus gibt es Antworten. Bild: Stadt Zürich

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Der grosse Bildschirm im zweiten Stock des Stadthauses lockt am meisten: «Welcher Privatsphärentyp sind Sie?» wird da in grossen Lettern gefragt. Nach der Abarbeitung von 20 Fragen zum persönlichen Umgang mit Passwörtern, Sicherheitsupdates und ähnlichem digitalem Kram spuckt der Bildschirm die individualisierte, quasi private Antwort aus. Und dazu stellt er sie in einem Diagramm grafisch dar.

Wenn ich hätte wählen können, wäre ich am liebsten im Feld der «Unbekümmerten» dargestellt. Doch mein Positionspunkt ploppt leider weit draussen im Feld der «Inkonsequenten» auf. Ich mache bei meinen Tätigkeiten im Netz zu wenig für den Schutz meiner Privatsphäre und fürchte mich gleichzeitig vor dem Missbrauch meiner Daten. Der Bildschirm sagt es zwar etwas milder, aber «dümmer gehts eigentlich nimmer».

Ein Zimmer für alle

«Privatsphäre geschützt, geteilt, verkauft», heisst die Ausstellung, und sie zeigt auf, wie sich die Bedeutung dieses Begriffs im Laufe der Zeit immer mehr verändert. Etwa in unserem Zuhause. Da braucht heute schon jeder Dreijährige ein eigenes Zimmer – oder noch extremer, immer mehr Menschen brauchen eine Wohnung nur für sich. In Zürich ist mittlerweile fast jeder zweite Haushalt ein Einpersonenhaushalt. Noch vor hundert Jahren gab es die Privatsphäre der Familien. Jene der einzelnen Individuen existierte nicht. Da lebten städtische Grossfamilien in Wohnungen, die nur aus Küche und Wohnzimmer bestanden.

Als ein Zimmer zum Wohnen, Kochen und Schlafen reichte: Arbeiterfamilie in Zürich-Aussersihl um 1909. Foto: Zentralbibliothek Zürich

Der Wandel des Begriffs zeigt sich auch beim Umgang mit dem eigenen Körper. So ist es heute als Teil der persönlichen Freiheit akzeptiert, in der Öffentlichkeit viel Haut zu zeigen und Zärtlichkeiten auszutauschen. Früher galt beides als unsittlich. Als unsittlich gelten heute dafür aufdringliche Blicke auf die zur Schau gestellten Körper.

Glättlis Datenspur

Keine lange Vergangenheit hat die Debatte um die Privatsphäre im Netz, insbesondere um unsere Datenspuren, die wir im Internet hinterlassen. Dabei geht es auch um die Daten, die wir dem Steueramt, der Krankenkasse, den SBB und dem Mobilfunkunternehmen zur Verfügung stellen (müssen). In der jüngsten Zeit erhärtet sich der Verdacht, dass wir die Kontrolle über jede Bewegung und jede Eingabe im Netz sofort verlieren, wenn wir sie im Computer eintippen. Alle gegenteiligen Beteuerungen haben ihren Wert verloren, seit bekannt ist, dass sich sogar oberste Staatschefs im Geheimen ihre privaten Handys abhören können.

Facebook-CEO Mark Zuckerberg wurde 2018 vom US-Kongress befragt, weil Cambridge Analytica versucht hatte, mithilfe von Facebook-Daten Wahlen und Abstimmungen zu beeinflussen. Foto: Keystone

Die Internetanbieter sind in der Schweiz gesetzlich verpflichtet, unsere Kommunikationen im Netz sechs Monate lang zu speichern. Um zu zeigen, was dies bedeutet, hat der grüne Nationalrat Balthasar Glättli den Ausstellungsmachern seine Daten zur Verfügung gestellt. Mit wem sich Glättli in den letzten sechs Monaten ausgetauscht hat, blieb bei unserem Besuch trotzdem geheim. Der Bildschirm verharrte stur im «Error»-Modus.

Informationen zur digitalen Welt gibt es aber in Hülle und Fülle. Haben Sie zum Beispiel gewusst, dass Sie 76 Tage einsetzen müssten, wenn Sie alle Datenschutzbestimmungen lesen würden, die Ihnen jedes Jahr vorgelegt werden? Oder wussten Sie, dass es in Zürich 2000 städtische Überwachungskameras gibt, oder dass 36 Prozent der KMU im Kanton schon Opfer eines Hackerangriffs wurden? Wenn Sie noch mehr erfahren wollen, gehen Sie ins Stadthaus. Die Ausstellung ist gratis und dauert noch bis zum 29. Februar 2020.

«Privatsphäre, geschützt, geteilt, verkauft», Ausstellung im Zürcher Stadthaus. Montag bis Freitag, 8 bis 18 Uhr, Samstag, 8 bis 12 Uhr. Nächste öffentliche Führung am 22. Oktober, 18 bis 19 Uhr. Individuelle Führungen auf Anfrage. Zur Website

Podiumsveranstaltung «Smartes Zürich – wie digital wollen wir sein?» im Stadthaus Zürich am 4. November um 19 Uhr. Unter der Leitung von TA-Chefredaktorin Judith Wittwer diskutieren Stadtpräsidentin Corine Mauch, die Direktorin Stadtentwicklung Anna Schindler, die Historikerin Monika Dommann und der Digitalexperte der Operation Libero, Nicolas Zahn.

Erstellt: 18.10.2019, 17:03 Uhr

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