Die Stadt der Bunker

Im Untergrund von Zürich schlummern unzählige stillgelegte Kampfstände. Ein neuer Wanderführer deckt die versteckten Bollwerke erstmals auf und fördert Überraschendes zutage.

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Die Bedingungen hätten nicht besser sein können für einen kleinen Ausflug der Limmat entlang. Ein wenig Sonnenschein, angenehme Temperaturen und Holunderduft in der Luft. Doch an diesem Tag sollte alles ein wenig anders werden. Denn der Spaziergang findet gemeinsam mit Matthias Dürst, Autor des ersten «Zürcher Bunkerwanderführers», statt und wird so zu einer Reise in die Vergangenheit.

Auf 270 Seiten sind in seinem Buch sämtliche Verteidigungswerke der Stadt Zürich aus dem Zweiten Weltkrieg festgehalten und genauestens beschrieben. In fast allen Stadtkreisen lassen sich so stillgelegte Bollwerke entdecken, die einem im Alltag kaum auffallen. Besonders dicht standen die Bunker mitten im Herzen der Stadt.

Verteidigungslinie mitten durch Zürich

Schon auf den ersten Metern unserer Wanderung vom Hardturmsteg bis zum Landesmuseum weist Matthias Dürst auf die Uferböschung des Flusses und bemerkt fast beiläufig, dass der Fischerweg damals «übersät» war mit Beobachtungsständen. «Allein auf Stadtgebiet gab es 26 entlang der Limmat.» Zwei davon – die Beobachtungsstände «Frost» und «Orkan» – sind gemäss Bunkerwanderführer noch heute erkennbar, liegen allerdings unter einer dicken Erdschicht und wachsen langsam zu.

Hier, wo sich heute Jogger und Eltern mit Kinderwagen kreuzen, lagen also die Soldaten vor 75 Jahren mit ihren Karabinern 31 auf der Lauer und bewachten die Uferlinie. Aufgrund der damaligen Bedrohungslage – man rechnete damit, dass die deutschen Truppen Frankreich aus Nordosten über die Schweiz angreifen würden – befanden sich alle Bunkeranlagen auf der linken Seite der Limmat und am linken Seeufer. Die Verteidigungslinie, die sogenannte Limmatstellung, verlief also mitten durch die Stadt Zürich (siehe Box).

Bunkerbau für zwei Monate Dienst

Der Aktivdienst in den Zürcher Bunkern dauerte zwar nur wenige Monate. Die Investitionen waren dennoch enorm. Ein besonders massiver Infanteriebunker umklammert noch heute den Pfeiler der Eisenbahnbrücke in Wipkingen. Die Betonwulste, die auf den ersten Blick wie ein Teil des Sockels wirken, wurden von Februar bis Juli 1940 gebaut. 146'508 Franken hat allein dieser Bunker gekostet.

Vom Fluss aus gesehen, lag der Einstieg links vom Brückenpfeiler. Aus Schiessscharten konnte sowohl flussauf als auch -abwärts und direkt in Richtung Wipkinger Ufer geschossen werden. Die Scharten sind inzwischen zugemauert, aber noch gut sichtbar. «Nebst einem 300 Liter Wassertank gab es im Innern des Bunkers eine sogenannte Türkische Toilette. Ein Fäkalienloch, das genau über dem Fluss lag», erklärt Dürst.

Auch etwas weiter flussaufwärts an einem Stützpfeiler des Lettenviaduktes befinden sich noch heute zwei kaum sichtbare leichte Infanteriebunker, sogenannte Maschinengewehrstellungen, in denen damals etwa vier Mann Stellung bezogen. «Dort befand sich auch eine Zündstelle für die ehemalige Lettenbahnlinie, die über das Viadukt führte», sagt Matthias Dürst.

Sprengsätze in den Brückenköpfen

Sprengladungen gab es an den meisten Brückenköpfen entlang der Limmat und der Sihl. Schlaufkästen und Kabelrohre für die Zündleitungen der Sprengsätze sind an einzelnen Limmatübergängen noch gut zu sehen. Teils mussten die Soldaten den Sprengstoff über den Flussweg durch Luken in den Brückenpfeilern anbringen. Die Uferlinie ist zudem voll von unauffälligen Schachtdeckeln, unter denen die Zündstellen verborgen liegen. Einer davon befindet sich beim Parkhaus Urania, zwei bei der Bahnhofbrücke, zwei weitere liegen über der Befestigungsanlage der Quaibrücke gleich beim Bürkliplatz – um nur einige Beispiele zu nennen, von denen man im Bunkerwanderführer erfährt.

«Einerseits galt es, für den Feind strategisch wichtige Zugänge zu zerstören. Gleichzeitig musste man aber die Versorgungswege für die eigenen Truppen und die Bevölkerung frei halten», erklärt Dürst den Sprengstoffeinsatz. «Grundsätzlich war alles, was nicht einfach in die Luft gejagt werden konnte, eine Schwachstelle in der Verteidigungslinie. Diese musste dann besonders gesichert werden, was wiederum mit grossem Aufwand verbunden war.»

Schiessen aus dem «Wasserschloss»

Nicht in allen Fällen musste die Armee neue Bunker errichten. Am Sihlquai nutzte sie die beiden letzten noch bestehenden Sockelbauten der ehemaligen Transmissionsmasten um, mit denen früher die Wasserkraft über Drahtseilantriebe ins Industriequartier geleitet wurde. Die markanten quaderförmigen Blöcke sind noch heute rundum gut sichtbar. Zwischen 1939 und 1940 errichtete die Armee darin zwei Bunkeranlagen. An den Schiessscharten in beide Flussrichtungen waren mindestens je zwei Mann mit Waffen postiert.

Der Bunker auf der Höhe Sihlquai Nummer 87 erhielt die Bezeichnung Wasserschloss. Von hier aus wäre im Ernstfall das gegenüberliegende Neumühlequai sowie die Flanke entlang des Sihlquais unter Beschuss genommen worden, ist dem Bunkerwanderführer zu entnehmen. Auch vom Platzspitz aus hätten die Soldaten scharf geschossen. Das Areal war gespickt mit Gefechtsständen. Allein im Keller der prähistorischen Abteilung des Landesmuseums befand sich ein Infanteriestand mit insgesamt drei leichten Maschinengewehrstellungen, in denen etwa zwölf Mann Stellung beziehen konnten.

Geschützstand statt Alfred-Escher-Statue

Laut Dürst gab es auch diverse nicht realisierte Projekte für Kampfstände. So existieren Projektierungspläne aus dem Jahr 1939, die minutiös den Einbau eines Schützenstandes im Turm der Fraumünsterkirche aufzeigen. «Ebenso dokumentiert ist die Idee, die Statue von Alfred Escher auf dem Bahnhofplatz vor dem Hauptbahnhof zu entfernen und an ihrer Stelle einen Geschützstand auf dem Sockel zu errichten. Die genauen Gründe der Nichtrealisation sind nicht immer bekannt.»

Die unglaubliche Fülle der militärischen Anlagen auf Zürcher Stadtgebiet verblüfft. Im Untergrund zwischen Altstetten und Wollishofen schlummern Maschinengewehrstellungen, Zugsunterstände, Fernzündstellen, an Waldwegen in Uetikon, Albisrieden und Wiedikon liegen im Unterholz Überreste von Panzersperren und Kleinunterständen. Der Bunkerwanderführer weist erstmals auf diese historischen Bauten hin und deckt Überraschendes auf.

Historische Dokumente für alle

Zweieinhalb Jahre lang hat der Postangestellte Matthias Dürst gemeinsam mit dem ehemaligen Festungswächter Felix Köfer «ehrgeizig und mit grosser Motivation» an diesem Wanderführer der besonderen Art gearbeitet. Er ist in enger Zusammenarbeit mit der Kantonalen Denkmalpflege und dem Kompetenzzentrum Denkmalschutz der Armasuisse, der Immobilienvertreterin des Eidgenössischen Departementes für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport entstanden. Für die Recherchearbeiten nutzten die Autoren die Archive des Baugeschichtlichen Archives und des Stadtarchives.

Verdienen werden Dürst und Köfer nicht an der Publikation. Das Dokument steht ab morgen Samstag, 7. Juni unter www.limmatstellung.ch allen kostenlos zum Download zur Verfügung. Möglich war dies dank der Spende einer Bank, die die Kosten für die Urheberrechte und die Abdruckrechte für das Kartenmaterial übernommen hat. Die übrigen Kosten – ein mittlerer vierstelliger Betrag für Recherchen und Archivkopien – haben die Autoren selber getragen. «Geld verdienen wollten wir mit dieser Publikation eh nicht», beteuert Dürst. «Uns lag immer die Erhaltung und die Weitervermittlung des Geschichtskapitels rund um die Limmatstellung am Herzen. Denn auch während der Herstellung dieses Buches sind bereits wieder etliche Objekte für immer verschwunden. Jetzt kann sich jeder, der sich für die Thematik interessiert, einzelne Kapitel oder den ganzen Bunkerwanderführer ausdrucken. Somit sind wir mit der jetzigen Lösung sehr zufrieden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.06.2014, 12:29 Uhr

Die Limmatstellung in Zürich

General Guisan, während des Zweiten Weltkriegs Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, sah in Zürich ein «Obstacle absolu», ein wichtiges Bollwerk auf der Verteidigungslinie, das es zu halten galt. Der Befehl zur Errichtung der Befestigungen erfolgte am 27. September 1939. Ende Juni 1940 waren 95 Kampfstände errichtet – 24 davon befinden sich heute unter Denkmalschutz. In Depots lagen zudem 3000 sogenannte Spanische Reiter, mobile Barrieren aus Metall und Stacheldraht, zum Einsatz bereit.

Nebst den massiven Befestigungsbauten war das ganze Limmat- und Seeufer mit Stacheldraht und anderen Barrikadenelementen abgeschottet. Zusätzliche Infanteriegefechtsstände mit Minenwerfern wurden eingerichtet. So konnte man beispielsweise von der Beethovenstrasse im Enge-Quartier aus das Gebiet Kunsthaus und Kreuzplatz beschiessen, sollte der Feind dort anrücken.

Dass die Stadt mitten auf der Kampflinie lag, veranlasste den damaligen Stadtpräsidenten Emil Klöti dazu, bei der Armeeführung zu intervenieren. Doch sein Antrag, die Stadtbevölkerung bei einem Angriff zu evakuieren, wurde abgelehnt. Zwar gab es durchaus auch vonseiten der Armee Bemühungen und Pläne für eine Evakuation. Diese sind jedoch aufgrund der veränderten Kriegslage, Erfahrungswerten aus Nachbarländern und aus logistischen Gründen nicht weiter verfolgt worden.

Allerdings wurde die Strategie bereits während der Kriegsjahre geändert: Nach dem Waffenstillstand zwischen Deutschland, Italien und Frankreich am 26. Juni 1940 drohte der Einmarsch aus dem besetzten Frankreich. Die Limmatstellung verlor ihre Bedeutung. Guisan entschied sich zum Rückzug der Truppen ins Reduit. (tif)

Die Karte zur Bunkerwanderung

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