Die Stehauffrau mit der Stehauffrisur

Carmen Walker Späh steht vor der heikelsten Phase ihres Lebens: Wird sie Regierungsrätin, ist sie ganz oben. Verliert sie die Wahl, ist sie tief unten – wieder einmal.

FDP-Politikerin mit einer unerschöpflichen Energie: Carmen Walker Späh. Foto: Dominique Meienberg

FDP-Politikerin mit einer unerschöpflichen Energie: Carmen Walker Späh. Foto: Dominique Meienberg

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Stehaufmännchen kann man eine Frau nicht nennen – vor allem wenn sich diese für Frauenquoten in der Wirtschaft einsetzt. Duracell-Häschen passt auch nicht, obschon der Vergleich von der unerschöpflichen Energie her passen würde. Politisch korrekt beschreibt Bob Marley die Qualitäten der FDP-Frau: «Get up, stand up.»

So zierlich und zerbrechlich wie die 56-jährige gebürtige Urnerin wirkt – diese Energie würde man Carmen Walker Späh nicht zutrauen. Sie hat schon so ziemlich alle Niederlagen erlitten, die man als Politikerin einfangen kann, und ist immer wieder aufgestanden. Die erneute Aufzählung ersparen wir uns – mit einer Ausnahme: 2012 unterlag sie FDP-intern gegen den wenig profilierten Marco Camin, als es um die Nachfolge für Stadtrat Martin Vollenwyder ging. Camin und die FDP verloren den Sitz prompt. Das Reizvolle an diesem Flop: Walker Späh könnte es nun allen zeigen und sogar Regierungsrätin werden – nicht bloss Stadträtin.

Ihr Motto: Gib nie auf!

Auf Walker Späh kommt nun viel Psychostress zu. Wenn sie den freisinnigen Sitz von Ursula Gut hält, dann ist das eine gloriose Kompensation für all ihre bisherigen Niederlagen. Verliert sie die Wahl, dann ist das doppelte und drei­fache Pein. Ist diese feine Frau stark genug, solchem Druck standzuhalten? «Ja», sagt die Frau, die es vielleicht am besten weiss – Claudine Esseiva, die Generalsekretärin der 2500 FDP-Frauen Schweiz, deren Präsidentin Walker Späh ist. «Ich kenne keine andere Politikerin, die derart unternehmerisch das Motto ‹Never give up› vorlebt.» Walker Späh sei eine hervorragende Chefin, könne gut delegieren, ein Team motivieren, sei äusserst beharrlich, könne sich immer wieder aufrappeln, strahle Freude und Begeisterung aus und engagiere sich mit Haut und Haar für ihre Aufgaben.

Apropos Haar: Walker Spähs hochgesteckte Frisur hat Kultstatus und ist für unpolitische Gemüter das wichtigere Erkennungsmerkmal als ihr Tunnelblick, den ihr politische Gegner wegen ihres Engagements für den Rosengartentunnel nachsagen. Das Museum für Gestaltung hat ihre Wahlplakate sogar in einer eigenen Ausstellung gezeigt – neben ­anderen markanten Politikerfrisuren: Julija Timoschenko, Arnold Schwarzen­egger oder John F. Kennedy. Und es gibt sogar einen Witz: «Wo sind die beiden grössten Ozonlöcher? Über der Arktis und über Carmen Walker Späh.»

Manchmal etwas verbissen

Witze gibts bloss über populäre Politiker. Walker Späh sei einer der bekanntesten Köpfe der Zürcher FDP, sagte ein Delegierter. Das kann wichtig sein, wenn die FDP gegen eine Jacqueline Fehr (SP) antreten muss. Auch politisch und wahl­arithmetisch ist Walker Späh keine schlechte Mischung: gutbürgerlich, nie ausfällig gegenüber der SVP und bei einigen Linken zumindest wegen ihrer Fachkompetenz als Baujuristin, ihrer Frauenförderung und Verlässlichkeit geachtet. SVP-Kantonsrat Martin Arnold, früher Organisator des Fünfertickets, sagt: «Sie ist fleissig, angenehm im Umgang, aber manchmal etwas verbissen.» Bei der Richtplandebatte habe er sie als «sensationell gut vorbereitet» erlebt, zudem habe sie «die Kraft und Kompetenz, Abmachungen in der FDP-Fraktion durchzubringen». Als «Tolggen im Reinheft» bezeichnet er ihre Forderung nach Frauenquoten in der Wirtschaft.

SP-Kantonsrat Ruedi Lais (SP), ebenfalls Planungsfachmann, bezeichnet Carmen Walker Späh als «absolute Brückenbauerin, die keine grundsätzlichen Abwehrreflexe gegen andere Parteien hat». Kritischer äussert sich die dritte Planungsexpertin im Rat, VCS-Co-Präsidentin Gabi Petri: Walker Späh sei im harten politischen Schlagabtausch «extrem empfindlich, schnell gereizt, beleidigt und verschnupft». Ihr fehle die Leichtigkeit eines Filippo Leutenegger (FDP). Verkehrspolitisch sei sie eine Nachfolgerin der alten, betongläubigen Strassenbauer. Etwas positiver äussert sich die grüne Fraktionspräsidentin Esther Guyer: «Als Baudirektorin hätte Walker Späh wenigstens mehr Sachverstand als SVP-Baudirektor Markus Kägi in seinen Anfängen und zum Teil noch heute.»

Hoffnung auf Mittestimmen

Wichtig werden für Walker Späh Stimmen aus der Mitte, weil sie bei der SVP kaum das volle Kontingent abholen wird. CVP-Fraktionschef Philipp Kutter sagt: «Persönlich mag ich ihr die Nomination von Herzen gönnen, auch wenn wir politisch nicht immer gleicher Meinung sind, zum Beispiel bei der Wohnbau-Vorlage.» Er bezeichnet sie als «profiliert, verlässlich und dossierfest». Auch andere Stimmen sind sich in Walker Spähs Beurteilung weitgehend einig: liebenswürdig, bienenfleissig, aber manchmal etwas umständlich und kompliziert – und nicht sonderlich kompromissbereit, wenn sie von einer Idee überzeugt sei.

Worin sich Carmen Walker Späh noch steigern muss: Weil die Baudirektion kaum zur Verfügung steht, muss sie in Finanzpolitik und Bildung noch einen Zacken zulegen. Aber das muss man dieser Frau nicht sagen.

Erstellt: 04.10.2014, 08:00 Uhr

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