Die Stones gratis statt für 368 Franken

Hunderte Fans von Mick Jagger säumten am Sonntagabend das Letzigrundstadion – für das Konzert der anderen Art.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn die Rolling Stones am 1. Juni 2029 im Letzigrund auftreten, begleitet von einem 12-köpfigen Chor aus Notfallärztinnen, wird es eng. Denn viele Zuschauer kommen dann in ihren Spitalbetten angerollt, und auch die Rollatoren, auf die sich die Zaungäste stützen, brauchen Platz. Noch ist es aber nicht so weit, noch sind die Stones und ihre ältesten Fans erst um die 70 und mehr oder weniger frei stehend.

Die Herdernstrasse und die Kreuzung beim Schlachthof sind die ersten Adressen für Zaungäste, schon zwei Stunden vor Konzertbeginn in Scharen bevölkert. Es fühlt sich an wie Knabenschiessen ohne Chilbi und schiessende Knaben, mit spazierenden Familien, Menschen aus vier Generationen und vielen Bier- und Wurstständen. Bier ist das Begleitgetränk an diesem Abend, keine Haschischschwaden ziehen übers Gelände, sondern Biergeruch – the Rolling Beers. Überraschend viele, die in den überfüllten Trams angereist sind, geben sich mit dem Leibchen als Stones-Fan zu erkennen; die gute alte Zunge streckt sich einem von vielen gerundeten Bäuchen entgegen.

Während der grosse Biergarten vor dem ehemaligen Zic-Zac so gut besucht ist wie die Toi-Toi-Toi-Häuschen dahinter, haben sich auf dem Grasband entlang der Herdernstrasse Paare zum Picknick niedergelassen, wo dann dem Rotwein zugesprochen wird. Immer mehr Gruppen erscheinen mit Klappstühlen, darunter eine Fasnachtstruppe, die auf Storch, Eisbär und Blumentopf macht.

Die Akustik ist ziemlich gut

Als dann die Rolling Stones um 20.25 Uhr mit «Start Me Up» loslegen, sind es vor allem die Älteren, um nicht zu sagen Seniorinnen, die ins Hüpfen und Wippen geraten, dass es die Sanitäter schauert und die Orthopäden schnalzen lässt. Und schon beim zweiten Stück «You Got Me Rocking» wird einem klar, dass das bei den Fussballfans verhasste Flugdach des neuen Letzigrunds akustisch ein Wurf ist, denn die Musik kommt gut rüber. Man hört Charlie Watts trommeln und weiss ja aus unzähligen Videos und Filmen, dass er dabei keine Miene verzieht. Keith Richards’ grinsende Furchen kann man sich auch vorstellen, nur die Farbe des Stirnbands kennt man nicht. Und die Schwiegermutter aus Gütersloh wusste schon vor 40 Jahren: «Mick Jagger, das ist doch der mit dem Riesenmaul.» Dass Jaggers Versuche, ­Züritüütsch zu reden, tönen wie «Hoi Gruupi Surisch» oder so ähnlich, liegt am Redner und nicht am Stadiondach.

Man kann die Stones sogar sehen als Zaungast, nicht die Bühne, aber den grossen Bildschirm darüber. Man muss nur etwas Höhe gewinnen, um über die drei Meter hohe Stadionwand schauen zu können. Ab 20.30 Uhr sind alle Bäume besetzt, ebenso die Plakatträger, die Plakatsäulen, Abfallcontainer, Barrieren und auch die Verkehrstafel «Kein Vortritt» an der Bienenstrasse. Das Flachdachhaus an der Kreuzung, das zur Stadtreinigung gehört, wird von Dutzenden von hinten bestiegen.

Zaungäste sind nicht nur die Verarmten und die Geizigen, die am Samstag im Lotto schon wieder danebengetippt haben. Es sind eher Schnäppchenjäger, die sich freuen, für die sieben Franken für ein Bier fast so viel Musik zu hören wie die drinnen. Und auch die Rock-Snobs hängen herum, deren Hochmut im Mundwinkel ausdrückt: Ich hab die Stones live gesehen, als sie noch Avantgarde waren und Mick Jagger ein Raubtier. Das sind diejenigen, die «Exile on Main Street» für das beste Album halten, die Liveversion von «Sympathy for the Devil» mit Mick Taylor für das beste Gitarrensolo und die die Vorstellung nicht ertragen, an einem Rockkonzert vielleicht neben Beni Thurnheer, Vera Dillier oder Christoph Mörgeli zu sitzen.

Erstellt: 01.06.2014, 23:15 Uhr

Artikel zum Thema

Reduziert auf das absolute Maximum

Kritik Sie können es immer noch, und wie: Am Sonntag gaben die Rolling Stones im Letzigrund ein sensationelles Konzert. Was für ein Abschied. Mehr...

Wie viel die Rolling Stones in Zürich kassieren

Gagen-Wahnsinn Heute Abend spielen die Rolling Stones im Letzigrund – und erhalten dafür eine Gage in Millionenhöhe. Auch der Kanton Zürich verdient am Auftritt der Band mit. Mehr...

«Das ist mein neunzigstes Stones-Konzert»

Sie kommen von Deutschland, Italien, Belgien oder sogar von Mexiko: Mehrere Stunden vor dem Rolling-Stones-Konzert warten Hunderte Fans vor dem Letzigrund auf ihre Helden. Ein Augenschein. Mehr...

Bildstrecke

Das grosse Stones-Konzert im Letzigrund

Das grosse Stones-Konzert im Letzigrund Zehntausende haben den Auftritt der Rollings Stones im Zürcher Letzigrund mitverfolgt.

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Blogs

Mamablog Wenn Kinder sich selbst im Weg stehen
Sweet Home Die neue Moderne

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...