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Die Suche nach dem Zürcher Adel

Sie tragen einen grossen Namen und sind sehr zurückhaltend. Wer sich auf die Suche nach der Zürcher Aristokratie macht, wird in der exklusiven Gesellschaft der Schildner zum Schneggen fündig.

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Die exzentrische Erscheinung der Madame de Meuron unter den Berner Lauben gehörte lange Zeit zum Stadtbild. «Syt der öpper oder nämet der Loon?», fragte sie zuweilen ihr Gegenüber. Die Berner Patriziergeschlechter wie die von Wattenwyls oder von Graffenrieds sind in der Öffentlichkeit präsent.

Auch auf Mitglieder des Basler Daigs trifft man immer wieder: Auf die Vischer und Burckhardt in der Politik, auf die Sarasin in der Bankenwelt und auf die (angeheiratete) Gigi Oeri in der Badewanne mit den FCB-Kickern. Doch wo sind die Nachkommen der Zürcher Aristokratie?

Absolute Diskretion

Wer sich auf die Suche nach den altehrwürdigen Zürcher Familien begibt, begegnet immer wieder einem Begriff: Diskretion. Es lassen sich zwar einige Sprosse jener Familien aufspüren, die eng mit der Geschichte des Alten Stadtstaates verbunden sind. Sie aber zu porträtieren, ist ein schwieriges Unterfangen.

Auf die briefliche Anfrage bei einem Nachkommen der Familie Escher lautet die Antwort: «Ich bin der Ansicht, dass Sie das Thema nicht auf eine jetzige Person abstellen sollten.» Es gebe ja genügend Quellen über Alfred Escher, Konrad Escher und die ganze Familie.

Keine Homestory, keine Fotos

Wenn es gelang, jemandem zu einem Treffen zu überreden, war dies meist erst nach Bedenkzeit oder nach Absprache mit einem Familienrat möglich. Und stets mit Auflagen verbunden: keine Homestory, keine Adresse, Fotos nur in gewissen Räumen, manchmal auch gar kein Bild. Es gab kein Gespräch, in dem nicht dem Begriff Diskretion eine zentrale Bedeutung zukam.

Exemplarisch dafür mag folgende Sequenz aus einem Treffen mit einem Nachkommen der Familie Hirzel sein. Die Familie Hirzel war bis 1798 wie kaum eine andere Familie in den Zürcher Räten präsent. Das Gespräch kam nur unter folgender Zusicherung zustande: keine Nennung des Vornamens, kein Wohnort, kein Foto.

Nach freundlichem Empfang, bei Espresso und Gebäck, stellen wir die Frage: Herr Hirzel, weshalb dürfen wir Sie nicht namentlich nennen und fotografieren? «Mir ist absolute Diskretion äusserst wichtig.»

«Man protzt nicht, das hat man nicht nötig»

Was aber hat es mit dieser Diskretion auf sich? «Uns Zürcher Familien haftet das an. Das hat wohl mit Zwingli zu tun.» Und was heisst das konkret? Eine äussere Bescheidenheit, nichts an die grosse Glocke hängen, leise und anständig sein, nicht protzig auftreten oder Häuser bauen, die nach aussen provokativ wirken. «Das macht man nicht. Das hat man auch nicht nötig.»

Die meisten dieser Abkommen Altzürcher Familien sind gut situiert. Häuser oder Wohnungen mit Seesicht gehören schon fast zum Standard. Sie sind oder waren in ihrem Beruf in leitender Stellung. Herr Hirzel sagt dazu: «Das kommt daher, dass wir leistungsbewusst sind. Fleiss ist Teil der Ethik.» Die Tradition sei eine Motivation, sich anzustrengen, «ein Ansporn, um unseren Vorfahren, die etwas geleistet haben, zu zeigen, wir haben auch etwas getan».

«Etwas altertümlich korrekt»

Hochnäsig wirken sie nicht, eher etwas altertümlich korrekt. So werden wir nach einem Gespräch bei Tee aus feinstem Porzellan beim Abschied noch kurz auf eine Türe hingewiesen. Mit den Worten: «Falls Sie die Hände waschen wollen». Erst draussen auf der Strasse kapieren wir, dass uns diskret der Weg zur Toilette gedeutet wurde.

Gegen Klassifizierungen wie Aristokratie oder Patriziat wehren sich die Mitglieder der alteingesessenen Zürcher Familien oft – und teilweise vehement. Und doch war es bis in die letzte Generation durchaus üblich, dass die noblen Familien untereinander heirateten. Eine ältere Dame erzählt, sie habe sich nicht zuletzt deshalb für ihren Mann entschieden, weil dieser aus einer «regimentsfähigen Familie» stammte.

«Der Hort Altzürcher Familien»

An einem Ort sind sie noch unter sich: in der Schildnerschaft zum Schneggen. Diese private Gesellschaft ist seit 650 Jahren Hort der vornehmen Zürcher Familien. Die Gesellschaft ist seit dem Mittelalter auf 65 Mitglieder beschränkt, die in der Trinkstube ihren Schild anbringen, wie das auch bei den Zünften üblich war. Deshalb werden sie Schildner genannt.

Der Schild wird dem ältesten Sohn vererbt. Fehlt ein solcher, kann er an andere männliche Mitglieder der Familie übergehen oder testamentarisch vermacht, selten verkauft werden.

«Stapi Landolt 14 Jahre auf der Warteliste»

Um Mitgliedschaft «anfragen» lässt man sich beim Schneggen nicht. Wird ein Schild frei, entscheidet die Schildnerschaft über die Weitergabe. Allzu oft geschieht das allerdings nicht. So musste der Stadtpräsident Emil Landolt vierzehn Jahre als Stubenhitzer (eine nicht erbliche Teilmitgliedschaft ad personam) warten, bis er 1965 den Schild eines auslaufenden Zweiges der Familie Pestalozzi zugesprochen bekam. Überhaupt klagt man beim Schneggen nicht über Nachwuchsprobleme. Noch heute stammt ein Grossteil der Schildner aus altzürcherischen Familien. So ist der Schild Nr. 1 immer noch und wohl seit 650 Jahren im Besitz eines von Meiss. Die Hirzel sind Inhaber von vier, die Escher von zwei Schilden. Viele Schildner sind zudem in der Constaffel oder in anderen Zünften engagiert.

Einst Kaderschmiede der Zürcher Politik

Der Schneggen war zeitweilig die Kaderschmiede der Zürcher Politik. Das hat sich mittlerweile entscheidend geändert. Emil Landolt war der letzte Zürcher Stadtpräsident, der ein Schildner war.

Die Schneggen sind aus der Zürcher und auch aus der Schweizer Politik weitgehend verschwunden. «Heute steht das gesellige Leben im Vordergrund», sagt der Schneggen-Ehrenobmann und Kenner der Geschichte des Alten Zürich Conrad Ulrich.

Abfuhr für Regierungsrat

Jeden Dienstag trifft man sich im Schneggen-Haus am Limmatquai 64/66 zum Mittagessen, das von Sprüngli geliefert wird. Im Erdgeschoss trifft sich das Volk im Café Motta. Über einen Seiteneingang mit einem Steinbock-Kopf als Türknauf und einer aus Holz geschnitzten Schnecke auf dem Türsturz gelangt man in die oberen Geschosse – wenn das elektronische Einlasssystem einen akzeptiert.

Denn die oberen Räume sind den Mitgliedern vorbehalten. Selbst als ein Regierungsrat sich vor einigen Jahren erkundigte, ob die Regierung dort hindürfte und wieder Gäste empfangen dürfte, bekam er einen höflich formulierten Korb.

Prosit aus der Burgunderbeute

Neben den wöchentlichen Mittagessen, zu denen regelmässig zwischen sechs und achtzehn Mitglieder kommen, finden im grossen neoklassizistischen Saal der Frühjahrsbott und das Herbstmahl statt.

Dann wird die kostbare aus Silber gefertigte Tafelzier, die teilweise in der Dauerausstellung des Landesmuseums zu sehen ist, in Koffern verpackt und in den Schneggen gebracht. Einer der prunkvollen Becher stammt aus dem Besitz Hans Waldmanns und war wahrscheinlich Teil der Burgunderbeute. Dazu kommen ein Treffen pro Jahr, an dem die Schildner ihre designierten Nachfolger mitbringen, und ein Anlass, an dem auch die Frauen teilnehmen. Letzterer ersetzt den festlichen «Schneggenball», der einst nicht zuletzt dazu diente, dass sich schickliche «Allianzen» bildeten, also innerhalb des Standes geheiratet wurde.

«Heute ist der Schneggen vor allem ein geselliges Zusammensein, an dem man alte Zürcher Traditionen und Werte pflegt», sagt Conrad Ulrich. Kein Serviceclub wie etwa Rotary. «Wir halten einfach die Erinnerung an Personen wach, die diese Stadt zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Der Schneggen versucht, ein Stück altes Zürich zu bleiben.»

Die Bogenschützen sind der älteste Verein Zürichs

Es gibt eine zweite exklusive Runde, in der sich heute noch vorwiegend Mitglieder der alteingesessenen Zürcher Geschlechter treffen: die Gesellschaft der Bogenschützen. Die Mitgliederzahl ist auf 25 beschränkt. Sie treffen sich zu geselligen Anlässen im Haus zum Pelikan und einmal im Jahr zum Armbrustschiessen auf der Halbinsel Au.

Auch diese Gesellschaft stammt aus dem Alten Zürich. Sie geht wohl auf den Beginn des 14. Jahrhunderts zurück und ist damit der älteste Zürcher Verein überhaupt. Sie hatten im Alten Zürich wie die Schneggen und die Constaffel eine Vorzugsstellung, verloren aber im Laufe der Zeit ihre ursprünglich militärische Bedeutung.

Einst schossen sie von ihrem Gesellschaftshaus am rechten Limmatufer über den Fluss. Die Bolzen wurden von einem «Seilbähnchen» zurückgebracht. Später war der Lindenhof ihr Schiessplatz, bis die Stadt ihnen die Schiessübungen verbot, weil sich hin und wieder ein Bolzen in den Hof des Zuchthauses Oetenbach verirrte und Häftlinge und Aufseher gefährdete. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.12.2013, 07:06 Uhr

Serie: Ein Stück altes Zürich

Der «Tages-Anzeiger» hat sich auf die Suche nach jenen Familien gemacht, deren Vorfahren einst die Geschichte Zürichs prägten.

Der Schneggen

Bereits um 1345 ist in Akten von einer Trinkstube des Jungvolks der Oberschicht die Rede, welche an der heutigen Schneggengasse unweit des Rathauses lag. Der Name geht wahrscheinlich auf eine Wendeltreppe im Innern zurück. Um 1400 zogen die Gesellen «zem snegen» in einen Anbau des neuen Rathauses, was ihre politische Bedeutung belegt – und noch erhöhte. Beim Bau des neuen Rathauses 1694 musste der Schneggen auf die andere Strassenseite weichen. Diese örtliche Trennung vom Rathaus kann als erstes Zeichen interpretiert werden, dass der Einfluss der Schneggen auf die Zürcher Politik manchen zu weit ging.
Tatsächlich stellten die Schneggen im 17. Jahrhundert dreizehn der möglichen sechzehn Bürgermeister. Im 18. Jahrhundert sind es nur noch sechs. Allerdings überstand die Gesellschaft zum Schneggen den durch die Französische Revolution ausgelösten Untergang des Alten Zürichs 1798 schadlos, weil sie als private Geschlechterstube nicht mit dem Staat verbunden war – wie die Zünfte und die Constaffel, die aufgelöst wurden und sich danach neu definieren mussten. Im Liberalismus war der Schneggen Hort der altzürcherischen Gesinnung, doch geriet er damit politisch aufs Abstellgleis. Gesellschaftlich erlebte er aber in der Romantik eine Blütezeit. So bekundete der Preussenkönig Friedrich Wilhelm IV., der «Romantiker auf dem Thron», 1853 Interesse an einer Mitgliedschaft. Man wies ihn ab, weil er kein Zürcher Bürger war. 1866 hat sich die Gesellschaft am Limmatquai ein neues Haus erbaut, in dem sie sich heute noch trifft. Die Gesellschaft ist seit dem Mittelalter auf 65 Mitglieder beschränkt. Seit 1898 gibt es zudem 25 Stubenhitzer, eine nicht vererbliche Mitgliedschaft. (net)

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