«Die UBS finanziert die Lehrstühle, die Uni ist frei in der Besetzung»

Ernst Fehr, Initiant des 100-Millionen-Sponsoringvertrages der Uni Zürich mit der UBS, wehrt sich gegen die Kritik der Wissenschaftler im «Zürcher Appell». Die Bank nehme keinen Einfluss auf die Forschung.

«Ich lasse mich nicht vereinnahmen»: Ernst Fehr in einem Experimentierraum der Universität Zürich.

«Ich lasse mich nicht vereinnahmen»: Ernst Fehr in einem Experimentierraum der Universität Zürich. Bild: Helmut Wachter/13 Photo

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Die Verfasser des «Zürcher Appells» sagen, dass mit den UBS-Millionen die Unabhängigkeit der Forschung verloren gehe. Was sagen Sie dazu?
Diese Behauptung entbehrt jeder Grundlage. Die Unabhängigkeit der Forschung geht verloren, wenn Unternehmen direkt Forschungsprojekte finanzieren und dadurch auf die konkrete Fragestellung und vielleicht sogar den Inhalt der Forschung Einfluss nehmen. Im Falle des Abkommens, das die Universität Zürich mit der UBS geschlossen hat, werden aber Lehrstühle finanziert, und die Uni ist vollkommen frei in der Besetzung dieser Lehrstühle.

Studien zeigen, dass gesponserte Forschung unbewusst zu anderen Ergebnissen führt – was ist im Fall der UBS Foundation anders?
Wenn es um ein direkt gesponsertes Forschungsprojekt geht, kann ich mir das vorstellen. Nicht aber bei Personen, die in der Auswahl ihrer Forschungsfragen völlig frei sind.

Die Unileitung sträubt sich, den Vertrag vollständig offenzulegen. Zu Recht?
Die wesentlichen Passagen, die die völlige Freiheit von Wissenschaft und Forschung sicherstellen, sind ja bereits veröffentlicht. Passagen über die konkreten Leistungen würden zukünftiges Sponsoring untergraben.

Weshalb?
In diesen Passagen steht, wie viel der jeweilige Lehrstuhl zugesprochen bekommt. Lehrstuhlinhaber würden beginnen zu vergleichen, wer wie viel bekommt. Dies wäre weiterem Sponsoring nicht förderlich. Im Übrigen glaube ich nicht, dass die Kritiker verstummen würden. Viele dieser Kritiker haben eine Art Fundamentalopposition gegenüber privaten Finanzierungen, während sie staatliche Finanzierungen als unproblematisch ansehen. Dabei sind historisch betrachtet die grössten Bedrohungen für die Unabhängigkeit der Forschung oft von den politisch Herrschenden ausgegangen – also vom Staat. Man denke nur an die ideologisch motivierten Eingriffe der Regierung Bush in die Stammzellenforschung in den USA.

Gemäss Vertrag sollen bis zu fünf Lehrstühle geschaffen werden. Wer bestimmt, welches ökonomische Gebiet ein neuer Lehrstuhl abdecken soll?
Die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften definiert diese Lehrstühle, die dann anschliessend auch noch von der Unileitung und vom Universitätsrat gutgeheissen werden müssen. Das ist alles bereits geschehen.

Laut dem veröffentlichten Vertragsauszug darf die UBS Foundation selbstständig entscheiden, ob die einzelnen Lehrstühle gesponsert werden. Steht dies nicht im Widerspruch mit der anfangs erwähnten Unabhängigkeit?
Die UBS Foundation kann ja nur – wie übrigens jeder andere Philanthrop, der an der Uni einen Lehrstuhl finanzieren will – einen Vorschlag machen, der von der Universität abgelehnt werden kann. Es kommt auch immer wieder vor, dass solche Vorschläge abgelehnt werden. In der Praxis ist es so gelaufen, dass ich zusammen mit meinen Kollegen der UBS Foundation die Lehrstühle vorgeschlagen habe. Die UBS Foundation hat die Vorschläge gutgeheissen, und die erwähnten Gremien der Universität haben diese dann ebenfalls angenommen. Die Initiative ging also auch hier von der Universität aus.

Das heisst, die UBS hätte ihr ungenehme Lehrstühle ablehnen können?
Das hätte sie tun können, doch unsere Vorschläge wurden praktisch eins zu eins übernommen.

Sie haben eine wesentliche Rolle bei der Initiierung des Sponsorings gespielt. Können Sie erklären, wie es zustande kam?
Ich habe gemerkt, dass die UBS anlässlich ihres 150-Jahr-Jubiläums bereit war, eine grössere Summe für die Finanzierung von Schweizer Bildungsinstitutionen auszugeben. Daraufhin habe ich in mehrwöchiger Arbeit ein Konzept ausgearbeitet, das ziemlich genau dem entsprach, das dann auch verwirklicht worden ist.

Sie wollen die Universität Zürich zu einer der führenden Universitäten Europas machen. Dieser Wachstumsstrategie stehen nicht alle Professoren positiv gegenüber, auch weil sie damit unter Publikationsdruck geraten würden.
Ein Professor, der nicht die beste Forschung machen möchte und diese nicht gut publizieren und unterrichten will, hat den Beruf verfehlt. Es geht ja nicht darum, möglichst viel zu publizieren. Das Ziel ist, qualitativ hochwertige Arbeiten in sehr guten Zeitschriften zu publizieren.

Besteht nicht die Gefahr, dass die UBS Sie für ihre Marketingzwecke instrumentalisiert? Sie gelten nicht als neoliberaler Hardliner, sind ein potenzieller Nobelpreisträger.
Die UBS hat mit ihrer Spende in erster Linie eine philanthropische Motivation an den Tag gelegt. Dass sie dadurch auch ihre Reputation anhebt – was ist denn daran schlecht? Sie haben hier ja wirklich etwas Gutes getan. Ich persönlich lasse mich nicht vereinnahmen und werde meine Meinungen nicht ändern.

Erstellt: 01.03.2013, 09:00 Uhr

Ernst Fehr

Nobelpreisanwärter
Der 56-jährige Vorarlberger ist seit 1994 Professor für Mikroökonomie und experimentelle Wirtschaftsforschung an der Uni Zürich und gilt wegen seiner Forschung zur Verhaltensökonomie als Nobelpreiskandidat. Er leitet das Institut für Volkswirtschaftslehre sowie das neue UBS International Center of Economics in Society.

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