Die Überlebenden

Ende der 90er-Jahre schien die Stadtzürcher Industrie erledigt. Nun hat sie sich dem Umfeld angepasst – und kämpft erfolgreich gegen ihre Verdrängung.

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Zürich wäre der Traumkunde jedes Berufberaters: In Rekordzeit hat die Stadt eine grobe Krise gemeistert, sich «neu aufgestellt», weitergebildet. Der Wandel von der Arbeiterin zur Dienstleistungsspezialistin spiegelt sich im Auftreten. Die einst russige Kleinstadt hat sich herausgeputzt zur Metropole mit viel Glas.

Zahlen veranschaulichen diese «Umorientierung»: 1965 arbeiteten 125 000 Menschen in der Zürcher Industrie. Heute sind es viermal weniger. Dafür haben sich die Beschäftigten im Dienstleistungsbereich von 164 000 im Jahr 1965 auf 412 000 verdreifacht.

Bis in die 90er-Jahre war Zürich ein Zwitter, Banken- und Büezerstadt zugleich. Die Hälfte der Männer band sich morgens eine Krawatte um, die andere Hälfte stieg in ölverschmierte, blaue Overalls. Dann begann, was im Fachjargon Deindustrialisierung heisst. Die Hochöfen erloschen, Fabriken schlossen und entliessen fast alle Arbeiter.

Über ein Jahrhundert lang bildete die Zürcher Industrie eine abgeschottete Welt mit eigenen Bräuchen, eigenen Regeln, eigenen Herrschern. Diese Wirtschaftsmacht, welche die Entstehung des modernen Zürich massgeblich vorangetrieben hatte, brach innert zwei Jahrzehnten zusammen, verschwand fast völlig aus dem Stadtbild. Warum die Stahlkönigreiche derart rasch untergingen, dazu gibt es zwei Erklärungen:

Fremde Schuld. Die Globalisierung beerdigte die Zürcher Fabriken, sagen Unternehmer und Bürgerliche. Andere Länder produzierten billiger, weil sie tiefere Löhne zahlten. Fabriken wie Oerlikon-Bührle machten Ende der 80er-Jahre Verluste in zweistelliger Millionenhöhe. Es sei ihnen nichts anderes übrig geblieben, als aufzugeben.

Eigene Schuld. Die Industriellen hätten den Niedergang selbst herbeigeführt, sagen linke Kritiker. Ende der 70er-Jahre änderte sich das internationale Finanzsystem; das Spekulieren an der Börse lockte mit satten Gewinnen. Industrieaktionäre begannen, ihr Geld mit Finanzgeschäften zu vermehren. Das Auseinanderbrechen vieler Unternehmerfamilien, die sich stark mit ihren Firmen verbunden gefühlt hatten, verschärfte die Entwicklung. Erben verkauften ihre Anteile. Die neuen Besitzer – Grossbanken und internationale Investoren – kümmerten sich lieber um globale Rendite statt um lokale Produktion.

Hinzu kam, dass die Umnutzung der Industriegrundstücke lukrativ erschien. Die Bodenpreise stiegen. Das Vermieten von Büroflächen versprach höheren Gewinn, als Schiffsschrauben zu giessen.

Als Beleg für die «Plünderungs»-These weisen Verfechter der «Industriekultur» darauf hin, dass innovative Betriebe die Krise überlebten. Wer wollte, habe trotz Preisdruck bestehen können.

Pensionierung sei Dank

Unbestritten ist, dass Zürich den Absturz fast unversehrt überstand. In den USA führte die Deindustrialisierung zum Zerfall ganzer Städte. Als in Detroit während der 60er-Jahre die Autofabriken kriselten, verloren Abertausende ihren Job. Unruhen brachen aus, die Kriminalität stieg, der Mittelstand flüchtete. Heute rotten 35 Prozent Detroits unbewohnt vor sich hin, die postindustrielle Depression lähmt weiter.

Auch Zürich litt – vor allem unter der Arbeitslosigkeit. Doch viele der entlassenen Arbeiter stammten aus Italien und Spanien, sie hatten genug gespart, um in ihre Heimatländer zurückzukehren und sich dort einen bescheidenen Lebensabend leisten zu können. Auch von den entlassenen Schweizern retteten sich viele in die Frühpensionierung. Zürich beherbergte ausserdem genug andere Branchen, die ein Gegengewicht zur serbelnden Industrie bildeten.

An den riesigen Arealen, die plötzlich leer standen, entzündeten sich neue Konflikte. Eigentümer wollten die Fabriken durch dichte Büroanlagen ersetzen. Die Linke befürchtete urbane Ödnis, sie forderte Wohnungen und Pärke. Nach zähen, fast zehnjährigen Verhandlungen standen 1997 die Bauvorschriften für Neu-Oerlikon fest. Schon 2002 war das neue Quartier fertig gebaut.

Zürich-West brauchte länger. Die Rezession der 90er-Jahre beschleunigte den Niedergang von Maag, Steinfels und Escher Wyss. Sie verhinderte gleichzeitig, dass Neubauten rasch hochgezogen wurden. Die Phase der Zwischennutzungen begann; in den verlassenen Hallen siedelten sich Kreative an. Wo Arbeiter gehämmert, geschuftet und geschwitzt hatten, verbreitete sich postindustrielle Euphorie. Die untergegangene Stechuhrwelt diente als anregende Kulisse für Grafiker, Clubbetreiber, Künstler, Architekten. Sie verpassten Zürich ein luftigeres Lebensgefühl – halfen mit, die Zwingli-Stadt zu entspannen.

Diese Freiräume haben sich heute wieder geschlossen, Zürich hat fast alle Fabrikhallen durch Wohnungen und Büros ersetzt. Ohne die Industriebrachen hätte es den Zuzügeransturm, der Ende 90er-Jahre einsetzte, kaum bewältigt.

Stadtverträgliche Fabriken

Heute wirkt Zürich wie eine Stadt, in der nichts Handfestes mehr entsteht. Das täuscht. Es gibt sie noch die Zürcher Fabriken, nur prägen sie keine Quartiere mehr. Sie halten sich im Hintergrund.

Neben der Hardbrücke fertigt die Man Turbo & Diesel (früher Escher Wyss) Kompressoren, in Oerlikon baut die Rheinmetall Air Defence AG (ehemals Oerlikon Contraves) Flugabwehrkanonen. Gegenüber der Werdinsel entwickelt Sika elastische Klebstoffe, und in der Binz stellt Oclaro Halbleiter her. Das sind nur wenige Beispiele.

«Die moderne Industrie ist stadttauglich geworden», sagt Roman Boutellier, Professor für Innovations- und Technologiemanagement an der ETH. «Heutige Fabriken stinken, lärmen und rauchen nicht mehr. Sie arbeiten sauber und ruhig, unterscheiden sich von aussen kaum von Büros.» Deshalb lasse sich die direkte Nachbarschaft von Industrie und Wohnen wieder problemlos vereinbaren. Solche durchmischten Quartiere machten das Pendeln unnötig, städtebaulich seien sie sehr sinnvoll.

Dienstleistungs- und Industriebetriebe würden sich einander immer stärker angleichen, sagt Boutellier. «Das Backoffice von Banken, die Logistik in Spitälern, Abläufe in einem Supermarkt – heute wird alles mit Methoden organisiert, die aus der Industrie kommen.» Gleichzeitig erlebe die Industrie eine «Verdienstleistung», der Anteil der Büroarbeit habe zugenommen.

Wenn Fabriken in Zürich bleiben, sichern sie sich einen wichtigen Vorteil: ETH, Universität und Fachhochschulen liegen gleich um die Ecke. In Zürich ist vor allem «Präzisionsindustrie» ansässig: Firmen, die kleinere, aber komplexe Geräte herstellen. Deren Fertigung setzt viel Fachwissen voraus. «Forschung und Produktion arbeiten in modernen Industriebetrieben eng zusammen», sagt Benno Seiler, Stadtzürcher Wirtschaftsförderer. Die Zeiten als Industrieangestellte einfache Büezer waren, seien vorbei. «Heute brauchen die Betriebe viel mehr hochqualifizierte Mitarbeiter als früher, diese liefern die Hochschulen.»

In Zürich herrschten Idealbedingungen für die hochautomatisierte Präzisionsindustrie, sagt Roman Boutellier. «Um solche Technologien zu entwickeln, braucht man gute Ingenieure und günstiges Kapital. Beides gibt es hier.»

Zürcher Unternehmen profitieren zudem von der Anziehungskraft der Stadt. «Viele Menschen wollen hier wohnen und arbeiten, lieber als in Randregionen. Dies erleichtert das Anwerben von gefragten Fachleuten», sagt Christof Domeisen. Er ist Präsident des städtischen Industrieverbandes und leitet die Oerliker Firma Angst und Pfister, die unter anderem Dichtungen produziert.

Lastwagen in der Nacht

Aus Zürichs Beliebtheit wachsen gleichzeitig die grössten Nachteile. Verstopfte Strassen machen den Betrieben zu schaffen, oft erschweren Baustellen die Zufahrt, sagt Domeisen. «Mit einem Schwertransport in die Stadt zu kommen, ist fast nicht mehr möglich.»

Noch mehr Gerangel herrscht auf dem Grundstückmarkt. «Der Druck auf Stadtzürcher Boden ist riesig», sagt Wirtschaftsförderer Seiler. Die Vermietung von Wohnungen verspricht derzeit hohe Gewinne. Das könnte Eigentümer verführen, ihre Firmen neuen Wohnbauten zu opfern. Um dies zu verhindern, will der Stadtrat viele der verbleibenden Industrieflächen quasi unter Schutz stellen. Die neue Bau- und Zonenordnung (BZO) soll Grossumzonungen verhindern, wie sie in Zürich-West und Oerlikon geschahen.

Das ist auch eine Reaktion auf die Finanzkrise. Diese führte vor, dass sich Zürich nicht allein auf die Steuern der Banken verlassen kann. Eine Industriepolitik, die Firmen mit Vergünstigungen ködert, betreibt die Stadt aber nicht.

Christof Domeisen vom Industrieverband lobt den Austausch mit der Stadtregierung, das gegenseitige Verständnis sei gross. Doch die alltägliche Zusammenarbeit mit den Behörden gestalte sich oft schwierig: Eine Flut von Regulierungen behindere das Erstellen neuer Produktionsanlagen. Die Stadt verlange überdies hohe Gebühren und Steuern.

Für andere Probleme wünscht sich Domeisen «kreativere Lösungen». Wie diese aussehen könnten, schlägt er gleich selber vor: 24-Stunden-Betrieb auf zentralen Baustellen, damit diese den Verkehr weniger lang aufhalten. Und: Nachtanlieferung für Industriebetriebe. Bisher ist diese verboten. «Ich verstehe das Ruhebedürfnis der Anwohner. Aber Zürichs Infrastruktur stösst an ihre Grenzen, es braucht neue Lösungen, Kompromisse von allen Seiten.»

Lange zeigten die Beschäftigungszahlen im Industriesektor steil nach unten. Seit 2005 geht es wieder langsam nach oben, von 31 288 (2005) auf 32 171 (2012). Trotzdem glaubt keiner der Befragten, dass Zürich eine Industrie-Renaissance bevorsteht. Dazu fehle schlicht der Platz. Im besten Fall könne sich die Industrie auf dem heutigen Niveau halten. «Wir bemühen uns mit allen Kräften darum», sagt Christof Domeisen.

Erstellt: 04.01.2015, 19:01 Uhr

Serie

Verschwundene Fabriken

Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Stadt Zürich ein wichtiger Industriestandort. Dutzende von Fabriken prägten das Stadtbild. Der TA blickt in einer Serie zurück auf diese Epoche: von den Anfängen der Massenproduktion bis hin zur Deindustrialisierung. Der heutige Serienteil ist der letzte von sechs.

Bereits erschienen:

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Samstag, 27. Dezember

Motor der Industrie Autoproduktion in Zürich
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Einen Zacken ab Maag erfindet das Zahnrad neu
Dienstag, 30. Dezember

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Mittwoch, 31. Dezember

Die Exoten Zürcher Koffer, Schürzen, Eiskästen
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