Die Universität will keine Professoren in den Privatkliniken

Mit einer neuen Regelung der Titularprofessuren soll die private Konkurrenz des Unispitals geschwächt werden. Die Hirslanden-Ärzte sprechen von einer fragwürdigen akademischen Grundhaltung.

Dutzende von Titularprofessoren sind hier tätig: Klinik Hirslanden.

Dutzende von Titularprofessoren sind hier tätig: Klinik Hirslanden. Bild: Dominique Meienberg

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Für die Medizinprofessoren im Universitätsspital Zürich sind die Kollegen, die in die Privatklinik Hirslanden wechseln, ein Ärgernis. Denn diese sind fortan direkte Konkurrenten auf dem Platz Zürich. In den letzten Jahren hat eine Reihe renommierter Spitzenmediziner das Unispital verlassen und praktiziert nun in Hirslanden oder in der Klinik Im Park, die zur Hirslanden-Gruppe gehört.

Jüngster Abgang ist der stellvertretende Direktor der Uniklinik für Kardiologie, Georg Noll. Der erfahrene Arzt leitete das Ambulatorium und hatte damit sehr viele Kontakte zu Patienten. Sein Wechsel zu Hirslanden dürfte das Unispital deshalb besonders treffen. Vor Noll haben kürzlich zwei weitere Herzspezialisten im Unispital gekündigt: der Chirurg Jürg Grünenfelder und der Kardiologe Roberto Corti (TA vom 8. Februar). Für die Klinik Hirslanden ist das Trio ein Glücksfall, denn sie will das Angebot in der Herzmedizin stark ausbauen und ist auch sonst auf Wachstumskurs.

Konkurrenten in der Privatklinik schwächen

Die drei Herzmediziner sind alle Titularprofessoren. Um diesen Titel zu erhalten, muss man sich zuerst habilitieren und danach während sechs Jahren lehren und forschen. Die Medizinische Fakultät verlangt in dieser Zeit mindestens zwölf Originalpublikationen in ausgewiesenen Fachzeitschriften und Lehrveranstaltungen von mindestens 14 Stunden jährlich. Sind die Voraussetzungen erfüllt, kann der Arzt bei der Fakultät seine Beförderung vom Privatdozenten zum Titularprofessor beantragen. Stimmt die Fakultätsversammlung zu, muss die Ernennung auch noch von der erweiterten Unileitung abgesegnet werden.

An der Klinik Hirslanden sind Dutzende von Titularprofessoren tätig, vor allem in den chirurgischen Fächern. Nicht alle haben den Titel an der Uni Zürich erworben, doch aus der Zürcher Schule kommt eine ganze Reihe erfolgreicher Ärzte wie zum Beispiel die Neurochirurgen René Bernays und Robert Reisch oder die Viszeralchirurgen Rolf Schlumpf und Othmar Schöb. Diesen ehemaligen Kollegen möchten die Medizinprofessoren des Unispitals nun den Professorentitel entziehen können. Sie nehmen eine gesamtuniversitäre Neustrukturierung der Habilitation und der Titularprofessur zum Anlass, um ihre Konkurrenten in der Privatklinik zu schwächen.

«Das wäre eine Diffamierung»

In der Vorlage, welche die Unileitung intern in die Vernehmlassung geschickt hat, wird die «Problemlage» wie folgt beschrieben: «In der Medizinischen Fakultät besteht die spezielle Situation, dass Titularprofessoren an privaten Spitälern tätig sind. Unter Umständen stehen sie dort in ihrer ärztlichen Tätigkeit in direkter Konkurrenz zu universitären Spitälern, ausserdem kann die Einbindung in die universitäre Lehre mit Schwierigkeiten verbunden sein. Dies ist zwar nicht primär ein akademisches Problem, aber diese Situation kann indirekt der Uni Zürich schaden, weshalb die Fakultät die Titel diesbezüglich restriktiver vergeben oder allenfalls wieder entziehen möchte.»

Klaus Grätz, der Dekan der Medizinischen Fakultät, wollte auf Anfrage die Absichten der Unimedizinprofessoren nicht präzisieren. Dass sie auf die Hirslanden-Ärzte zielen, ist aber offensichtlich. Bei diesen kommt der drohende Titelentzug ganz schlecht an. «Das wäre eine Diffamierung», sagt Othmar Schöb. Und es würde der akademischen Grundhaltung widersprechen: «Ärzte, die den Titel einmal erworben haben, taten das aus Interesse an der wissenschaftlichen Fragestellung und der Lehre. Und dieses Interesse verliert man nicht.»

Den Lehrkörper ausdünnen macht keinen Sinn

Schöb, der vor seiner Tätigkeit an der Klinik Hirslanden Chefarzt im Limmattalspital war, kritisiert die Uni Zürich, die schon heute versuche, Hirslanden-Ärzte von der Lehre auszuschliessen. «Unsere Anfragen, bei der Lehre mitzuwirken, werden leider nicht angenommen. Wir sind dort nicht erwünscht.» Die gleiche Erfahrung macht Intensivmediziner Reto Stocker, der über 20 Jahre im Unispital gearbeitet hatte. Als er 2010 in die Klinik Hirslanden wechselte, gab ihm die Medizinische Fakultät keine Lehrveranstaltung mehr. Nachdem er sich gewehrt hatte, hat er nun wieder eine Vorlesung und einen Studentenkurs.

Stocker findet es in Ordnung, wenn die Uni jenen Kollegen den Professorentitel entzieht, welche ihn nur «als Lametta» brauchen. «Aber dass man den universitären Lehrkörper ausdünnt, macht keinen Sinn.» Erst recht nicht jetzt, wo die Zahl der Studienplätze erhöht wird. Er schätzt, dass etwa die Hälfte der Hirslanden-Professoren als Lehrer tätig ist, und «sehr viele machen Forschung».

«Privatuniversität gründen»

Um den Kollegen die wissenschaftliche Tätigkeit zu erleichtern, hat der Intensivmediziner eine sogenannte Clinical Trial Unit aufgebaut. Die Spezialisten dieser Abteilung unterstützen die Ärzte in der Durchführung von Forschungsprojekten. «Die Klinik Hirslanden investiert Geld und personelle Ressourcen dafür», sagt Stocker. Sie wolle sich wirklich in Forschung und Lehre engagieren, das sei nicht bloss ein Lippenbekenntnis der Spitalführung. «Doch leider wird es uns schwer gemacht, das Unispital will nicht mit uns zusammenarbeiten.»

Sollte die Uni den Hirslanden-Ärzten tatsächlich den Professorentitel wegnehmen, würden sich diese neu orientieren, kündigt Stocker an: «Dann werden wir uns einen anderen universitären Partner suchen – oder eine Privatuniversität gründen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2013, 08:01 Uhr

Verschärfter Wettbewerb

Unispital und Klinik Hirslanden kämpfen um Marktanteile
Seit die Klinik Hirslanden letztes Jahr in die Zürcher Spitalliste aufgenommen wurde, hat sich die Konkurrenz zwischen der Privatklinik und dem Universitätsspital noch verschärft. Hirslanden behandelt jetzt auch Allgemeinpatienten, allerdings liegt deren Anteil bisher unter 20 Prozent. Umgekehrt im Unispital: Dort sind gegen 80 Prozent der stationären Patientinnen und Patienten grundversichert, während der Anteil der lukrativen Zusatzversicherten nur gut 20 Prozent beträgt. Insgesamt zählt das Unispital jährlich rund 35'000 stationäre Fälle, in der Klinik Hirslanden sind es rund 15'000.

Am 6. Mai wird im Hirslanden der neue Enzenbühltrakt eröffnet. Darin untergebracht sind ein Hybrid-Operationssaal, zusätzliche Intensivpflegebetten, mehrere Kompetenzzentren und auf drei Etagen über 80 neue Zimmer für Privat- und Halbprivatpatienten. Im obersten Stock besteht die Möglichkeit, mehrere Zimmer zu einer Suite zusammenzuhängen – für den Fall, dass mal ein Emir mit seiner ganzen Familie anreisen sollte. Ausländer sind allerdings eine kleine Minderheit in der Klinik Hirslanden, wie Direktor Daniel Liedtke betont. Zu rund 70 Prozent kommen die Patientinnen und Patienten aus der Nähe, vorzugsweise aus der Stadt und von der Goldküste. Mit dem Bezug des Neubaus wird im Haupttrakt Raum frei für eine Allgemeinabteilung.

Das Unispital ist gegenüber der Privatklinik baulich im Nachteil. Zwar ist eine Gesamterneuerung geplant, doch die wird Jahrzehnte dauern. Schon der Beginn gestaltet sich schwierig: Seit einem Jahr ist ein Modulbau im Park ausgesteckt, und noch immer liegt keine Baubewilligung vor. Bauen ist für das Unispital schwierig, da viele seiner Häuser und der Park unter Schutz stehen.

Um Patienten zu gewinnen und um den Ärzten attraktive Arbeitsplätze zu bieten, expandiert das Unispital jetzt in Praxen. Im Dezember hat es die urologische Praxis von Alexander Eijsten in Meilen übernommen. Sie wird von einem Ärzteteam der Uniklinik für Urologie geführt. «Die dadurch fehlenden Stellenprozente am Unispital werden mittelfristig durch Nachwuchs ersetzt», sagt der ärztliche Direktor, Jürg Hodler, dazu. Und er bestätigt Informationen, wonach das Unispital weitere Expansionspläne hat: In Wollishofen will es zusammen mit einer Privatfirma ein Radiologie-Institut gründen und betreiben.

Der entsprechende Kooperationsvertrag wurde kürzlich abgeschlossen. «So können wir unseren Patienten am linken Seeufer vor Ort universitäres Wissen anbieten, und unsere Fachleute haben die Möglichkeit, einen Teil der Arbeitszeit in einer Praxis tätig zu sein», erklärt Hodler. Das Unispital werde aber nicht Teilhaber des Instituts, sondern leihe nur das Personal gegen Rechnung aus. Die Arztlöhne bewegten sich im gleichen Rahmen wie jene im Spital. (an)

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