Interview

«Die Verkehrspolitik vertreibt viele aus Zürich»

Nina Fehr wurde von der SVP als Kandidatin für die Stadtratswahlen nominiert. Nun sagt sie, was sie in Zürich ändern will. Und wie sie sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie vorstellt.

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Sie sind politisch bisher ein unbeschriebenes Blatt. Weshalb denken Sie, dass Sie ohne grosse Erfahrung für ein Stadtratsamt geeignet sind?
Einerseits habe ich durch meine Familie bereits in viele Bereiche der Politik Einblick gehabt und war oft auch im Hintergrund in die Aktivitäten involviert. Andererseits arbeitete ich in der Staatsanwaltschaft und der Privatwirtschaft und wurde dort mit vielen Missständen konfrontiert, die man ändern muss. Zudem machte ich dadurch vielseitige Erfahrungen: Ich bringe ein hohes Verhandlungsgeschick mit, habe einen starken Charakter und viel Ausdauer sowie Führungserfahrung und kann gut mit Menschen umgehen. Dies alles ist für ein Stadtratsamt wichtig.

Die SVP hatte seit längerem bei Stadtratswahlen wenig Glück, wie das Beispiel von Mauro Tuena zeigt. Wie wollen Sie eine breitere Wählerschaft erreichen? Mit einem konzilianteren Stil?
Beim Stil müssen Sie sich überraschen lassen. Grundsätzlich vertrete ich klar die Positionen meiner Partei. Durch mein Alter denke ich aber, dass ich eine junge, urbane, liberal-bürgerliche Wählerschaft anspreche, die sich in dieser Stadt zunehmend nicht mehr vertreten fühlt. Auch durch meinen beruflichen Hintergrund habe ich ein breites Netzwerk aufbauen können, beispielsweise aus jungen Gewerblern und mittelständischen Familien. Pragmatisch denkende, engagierte Städter, denen ich eine starke Stimme im Stadtrat garantiere.

Sie haben keine Angst, im linken Zürich im Wahlkampf verheizt zu werden?
Ich sehe es grundsätzlich als Vorteil, dass ich nicht vorbelastet bin. Gerade für die vielen jungen bürgerlichen Wähler, die ich erreichen will. Dies bestätigt mir nun auch das grosse positive Echo.

Nun konkret zu Ihren politischen Positionen: Was soll sich ändern in der städtischen Politik?
Einerseits habe ich durch meine Arbeit in der Verwaltung viele Missstände in der Sozialpolitik 1:1 gesehen, die sich ändern müssen. Der Sozialhilfemissbrauch muss weiter beschränkt werden. Auch sehe ich, dass viele Bürgerliche in der Stadt die Faust im Sack machen und zum Teil in die Agglomeration abwandern, weil sie die ideologisch gefärbte Politik nicht mehr ertragen. Ich setze mich ein für einen stabilen Wirtschaftsstandort, mit weniger administrativen Hürden und Gebühren. Und Zürich kann auch nur prosperieren, wenn es zu einer vernünftigen Verkehrspolitik zurückfindet.

Das heisst?
Es darf nicht einseitig ein Verkehrsteilnehmer bevorzugt werden. Der Verkehr muss flüssig vorankommen. An vielen Stellen machen Tempo-30-Beschränkungen zum Beispiel keinen Sinn. Der Spurabbau beim Bellevue wird die Verkehrssituation verschlechtern. Es gibt leider viele Beispiele in der Stadt Zürich.

Und wo wollen Sie in der Sozialpolitik den Hebel ansetzen?
Die Skos-Richtlinien müssen angepasst werden. Sozialhilfe muss darauf ausgerichtet sein, dass man sich möglichst schnell wieder allein zurechtfindet.

Sie haben ein Steckenpferd der SVP vergessen: die Finanzpolitik.
Hier muss klar gespart werden. Die städtischen Finanzen weisen ein strukturelles Defizit auf und es gibt dagegen keine Rezepte der jetzigen Regierung. Wichtig ist, dass man einen stabilen Steuerfuss behält und dafür die staatlichen Tätigkeiten und Ausgaben einschränkt. Zum Beispiel in der Sozialpolitik.

Wo wollen Sie dort konkret sparen?
Die weitere Aufblähung des Verwaltungsapparats und Sozialmissbrauch ist zu verhindern. Hier sehe ich ein grosses Einsparungspotenzial. Ich will mich zu Details aber noch nicht äussern. Lassen Sie sich überraschen.

Am 22.9. kommt die Vorlage zum neuen Fussballstadion vors Volk. Wollen Sie dort ebenfalls sparen, immerhin zahlt ja alles die Stadt?
Natürlich ist es ein sehr hoher Betrag. Aber ich denke, die Vorteile überwiegen deutlich, und ich bin deshalb eine klare Befürworterin des Stadions. Eine offene, junge Stadt braucht positive Vorbilder, welche wir im Fussball und Sport allgemein finden können. Breitensport orientiert sich am Spitzensport. Die Stadt Zürich braucht ein neues Stadion.

In jüngeren Jahren fühlten Sie sich politisch den Grünen nahestehend. Nun sind Sie sozusagen zurück im Schoss Ihrer Familie. Was ist passiert?
Hoffentlich gibt es bei jeder Person einen Entwicklungsprozess. Mit Mitte dreissig mit meinen beruflichen Erkenntnissen sehe ich gewisse Sachthemen klar anders. Ich habe mich damals gegen Delfinarien starkgemacht und fühlte mich mehr bei den Grünliberalen als den Grünen heimisch. Nun sind aber 20 Jahre vergangen. Zwar ist mir Tierschutz immer noch wichtig, aber ich sehe durch meine breiten Erfahrungen und als Bewohnerin der Stadt seit zwölf Jahren, dass linke Politik zu vielen Missständen gerade in dieser Stadt führt. In meinem Bekanntenkreis verlassen viele junge Familien Zürich, obwohl sie sich eigentlich sehr mit der Stadt identifizieren. Sie wollen einfach die ideologische Politik nicht mittragen.

Glauben Sie nicht, dass Ihre Bekannten in die Agglomeration ziehen, weil es dort günstiger ist, Wohnraum für seine Familie zu finden, vielleicht gar ein Haus zu kaufen?
Was ich von Leuten mit einer soliden Ausbildung immer wieder als Argument höre, ist die hohe Steuerbelastung in der Stadt. Auch die einseitige Verkehrspolitik vertreibt viele. Aber der Wohnraum ist sicher auch ein Thema.

Wo wollen Sie beim Wohnraum denn ansetzen? Die städtische Politik hierzu ist ja nicht gerade im Sinne der SVP.
Dort ist eine langfristige Entwicklungsstrategie nötig. Sicher ist eine innere Verdichtung wichtig, aber auch dass der Wettbewerb langfristig besser spielen kann.

Die SVP vertritt ja traditionelle Werte, gerade auch in Bezug auf Familienpolitik. Müssen Sie also auf Kinder verzichten, wenn Sie als Stadträtin gewählt werden?
Hier hat bestimmt ein Generationenwechsel stattgefunden. Heute findet man ja viele Beispiele, die zeigen, dass Karriere und Familie durchaus nebeneinander möglich sind. Hier gibt es mittlerweile viele Möglichkeiten.

Was heisst das: Ihr Mann bleibt zu Hause oder gar Sie nutzen eine Kinderkrippe?
Ich bin sicher, wir würden zusammen und mit unserem Umfeld eine Lösung finden, wie man dies arrangieren könnte. Aktuell ist dies ja kein Thema. Es ist wichtig, dass genügend Krippenplätze in der Stadt vorhanden sind, die Art und Weise der Finanzierung muss hier jedoch klar reguliert werden.

Sie stammen aus einer hochpolitischen Familie. Wenn Sie sich heute zum sonntäglichen Brunch mit Ihren Eltern treffen, sind Sie mit ihnen in allen politischen Fragen einig?
Je länger, je mehr haben wir grosse Übereinstimmungen. Aber wir reden zu Hause auch gerne über Privates. Es wäre ja schade, wenn wir dort nur über Politik diskutieren würden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.09.2013, 13:07 Uhr

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