Die Wachstumslokomotive

Der Hauptbahnhof und die Stadt Zürich wurden miteinander gross – und wachsen noch heute.

Der Zürcher HB um 1900: Dampfzüge verlassen die Haupthalle. Links ist das Landesmuseum zu sehen.

Der Zürcher HB um 1900: Dampfzüge verlassen die Haupthalle. Links ist das Landesmuseum zu sehen. Bild: Photoglob/Keystone

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Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit wird unter dem Hauptbahnhof mit Hochdruck gegraben – Ende 2013 sollen der unterirdische Durchgangsbahnhof Löwenstrasse und die neue Durchmesserlinie ihren Betrieb aufnehmen. Seit 1871 der letzte Stein auf das Bahnhofsgebäude gesetzt wurde, wird gebaut – bis jeweils eine Erweiterung geplant und realisiert war, stiess der Bahnhof bereits wieder an seine Grenzen. Nur Ende der 60er-Jahre hielt man kurz inne. Damals wollte man den «alten» und «hässlichen» Bahnhof nämlich gleich ganz abreissen.

Unangetastet blieb bis heute allein die Hauptfassade zum Bahnhofplatz hin. Ihr Herzstück ist ein riesiges Triumphportal, das von einiger Prominenz bevölkert wird: In der Mitte hockt Helvetia als Förderin des Verkehrs, flankiert von zwei Frauengestalten, welche für Eisenbahn- und Schiffsverkehr stehen. Die vier Standfiguren darunter symbolisieren Handel, Kunst, Wissenschaft und Handwerk. Für das zwinglianische Zürich ist die Fassade ziemlich protzig geraten, aber das kleine Provinznest – es zählte damals 20 000 Einwohner – wollte sich mit dieser grossen Geste wohl in der Welt bemerkbar machen.

Drittklassig reisen

1871 war das Triumphportal, das «Tor zur Welt», der Haupteingang des Bahnhofs. Sobald es die Reisenden durchschritten hatten, wurden sie fein säuberlich in Klassen aufgeteilt: Jene der 1. und 2. Klasse wurden nach rechts, in die heutigen Räume von Visilab und Da Capo geleitet, die Reisenden 3.in jene der Bahnhofapotheke. Es waren prächtige Wandelhallen mit Billettschaltern und Läden, die Souvenirs, Zigarren oder Zeitungen verkauften. Zugfahren war damals nicht alltäglich. Architekt Jakob Friedrich Wanner konzipierte den Bahnhof deshalb so, dass die Reisenden auf dem Weg zu den Perrons nicht verloren gehen konnten.

Von den Billettschaltern wurden sie durch einen Korridor direkt in die Restaurants und von dort in die Wartesäle gleich vor den Gleisen in der Bahnhofshalle geschleust – ebenfalls nach Klassen getrennt: Die Passagiere 1. Klasse verpflegten sich im heutigen Au Premier und warteten im Nordsee, für jene 2. Klasse war das Imagine reserviert und für jene der 3. Klasse das bisherige Les Arcades.

Winterthur hätte sich als Bahnknotenpunkt angeboten

Bei den Gleisen lagen auch die luxuriösen Toiletten mit den hohen Spiegeln – die Attraktion des Bahnhofs. Die Ankommenden wurden zum Ausgang Bahnhofquai geleitet. Dort, über den Arkaden, befindet sich auch die goldene Säule, die den Kilometer null des schweizerischen Eisenbahnnetzes bezeichnet. Alfred Escher, Direktor der Nordostbahn und Gründer der Schweizerischen Kreditanstalt und der ETH, ist es zu verdanken, dass heute alle wichtigen Bahnlinien nach Zürich führen und nicht daran vorbei – auch Winterthur hätte sich als wichtigster Bahnknotenpunkt der Schweiz angeboten.

Heute mag es befremden, dass die Reisenden vom Billettschalter bis ins Zugsabteil so peinlich genau nach Klassen aufgeteilt wurden. Im Flugverkehr allerdings wird dies noch immer so gehandhabt; Economy-, Business- und First-Class-Passagiere werden vom Check-in über die Lounges auf ihren Flugzeugsitz gelotst.

Von 6 auf 26 Gleise

1871 verfügte der Hauptbahnhof gerade einmal über sechs Gleise, und es sieht so aus, als sei ihre Zahl im Gleichschritt mit der Bevölkerung des Grossraums Zürich und dessen wirtschaftlicher Bedeutung gewachsen – oder umgekehrt. Erst wurden zusätzliche Gleise hinter der Bahnhofshalle zum Landesmuseum hin geschaffen, dann vor der Halle und schliesslich unter der Halle.

Wenn der Durchgangsbahnhof Löwenstrasse 2013 seinen Betrieb aufnimmt, verfügt der Bahnhof über 26 Gleise. Diese müssen dann auf absehbare Zeit hinaus reichen, denn Platz für weitere Geleise hat es nur noch über der Bahnhofshalle.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2010, 20:56 Uhr

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