Die Wandlung einer Joghurtfabrik zur Hochschule

In Zürich-West wird auf dem ehemaligen Areal der Toni-Molkerei die neue Hochschule der Künste eröffnet. Mit ihr wird Zürich endgültig zu einer ersten Adresse unter den europäischen Hochschulstandorten.

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Die 350 Angestellten hätten sich Ende der Siebzigerjahre nicht träumen lassen, dass in ihrer Toni-Molkerei einmal die grösste Kunsthochschule der Schweiz einziehen würde. Denn ihr Industriebetrieb war das Nonplusultra. In ganz Europa gab es keinen grösseren Milchverarbeiter. Jeden Tag wurden hier mitten in Zürich eine Million Liter Milch angeliefert und veredelt. Das war so aufse­hen­erre­gend, dass im Januar 1979 sogar Prinz Charles zu Besuch kam und in den grossen Hallen ein Joghurt löffelte.

Morgen, nicht einmal 40 Jahre später, ist es so weit: Die Fabrik, die bereits 1999 ihren Betrieb einstellen musste, aufersteht als Zürichs Hochschule der Künste. Eine Metamorphose, die kaum grösser sein könnte und die perfekt zum Wandel der Stadt passt. In Zürich-West, aber auch in der Enge und im Norden haben fast alle Industriebetriebe der Vergnügungsindustrie, der Dienstleistungsgesellschaft und teuren Wohnungen Platz gemacht.

Die Rampe als Wahrzeichen

Was im Toni-Areal in den letzten Jahren geschah, ist bemerkenswert und dürfte den britischen Thronfolger noch mehr interessieren als Schweizer Milchprodukte. Aus den Industriehallen sind über 1500 Räume entstanden. Konzert- und Ballettsäle, unzählige Übungs- und Musikzimmer, Tanzstudios, ein Kino, eine Bibliothek, ein Kompetenzzentrum für eine halbe Million Objekte – Plakate und Grafiken, gesammelt in den letzten 140 Jahren und natürlich eine Vielzahl von unterschiedlichen Schul- und Ausbildungsräumen.

Trotz aller Verwandlung ist das Toni-Areal ein bisschen Fabrik geblieben: In der Eingangshalle zum Beispiel, in der gut und gern ein Dutzend grosse Milchtanks Platz fänden. Oder auf der Kaskade, der grossen Treppe, die offen über alle Stockwerke hinweg nach oben führt. Auch sie lässt die einstigen Dimensionen der Molkerei erahnen.

Doch am meisten erinnert die Rampe an früher, die in zwei riesigen Kreisen vom Vorplatz bis in den sechsten Stock hinauf führt. Sie war damals das Wahrzeichen der Molkerei, und sie ist es auch in der Hochschule. Über die Rampe werden zwar keine Lastwagen mehr fahren. Sie gehört nun den Musikliebhabern, die über die zwei weiten Bögen in den gros­sen Konzertsaal hinaufgeführt werden.

Sozialarbeiter und Psychologen

5000 Studierende, Dozenten und Angestellte werden im Toni-Areal Platz finden. Die Hochschule, die von Allreal für über 500 Millionen Franken erstellt wurde, ist eine Baute der Superlative, wie sie für Zürich eigentlich untypisch ist. Ein Kongresszentrum ist gescheitert, ein Fussballstadion schon zweimal. Wenn es jedoch um Bildung und Kunst geht, sind grosse Würfe auch in Zürich möglich. Vor einem Jahr ist beim Hauptbahnhof bereits der neue Campus der Pädagogischen Hochschule eröffnet worden, und jetzt ist es eine Kunsthochschule, die sich mit den besten Europas messen kann. So gross wie die Kunstuniversitäten in London und Berlin ist der Hochschul-Campus auf dem Toni-Areal zwar nicht, doch was dessen Einrichtung betrifft, braucht er sich nicht zu verstecken. Der Kanton Zürich und der Bund haben zusammen über 200 Millionen Franken dafür aufgewendet.

Das Toni-Areal soll kein abgeschottetes Bildungsinstitut sein. Es soll Leben in ein aufstrebendes Quartier bringen und zu dessen Zentrum werden. Bereits richtet sich die Gastronomie auf junge Studierende ein. Eine neue Tramlinie mit Haltestelle an der Schule erschliesst das Areal. Jedes Jahr sollen 600 Konzerte, Ausstellungen, Filmvorführungen Leute nach Zürich-West bringen.

Natürlich gibt es im Toni-Areal – dem Zeitgeist entsprechend – auch neuen Wohnraum. Auf der Südseite ist die ehemalige Joghurtfabrik fürs anspruchsvolle Publikum um 12 Stockwerke und 100 Mietwohnungen erhöht worden – Seesicht ist zuoberst garantiert.

Auf dem Toni-Areal ziehen auch zwei Departemente aus der Hochschule für ­Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ein: Die Departemente Soziale Arbeit und angewandte Psychologie mit ihren Bachelor- und Masterstudiengängen werden über tausend Studierenden aufs Toni-Areal bringen. Dazu kommen sporadisch noch 2200 Studierende in der Weiterbildung.

Anstrengender Prozess

Auf gegen 40 Standorte waren die Studierenden bisher verteilt. Nun sind die Designer und Musiker, Kunstvermittler, Fotografen, Tänzerinnen und eben Sozialarbeiter und Psychologen umgezogen oder sie sind gerade daran. Im blitzblanken Toni-Areal kommen sie zusammen. Nur das Beste erwartet sie. Ihre Vorfreude ist gross, die Bedeutung des eigenen Schaffens wächst. Bei einigen könnten deshalb auch gemischte Gefühle ­dazukom­men. Im Toni-Areal sind eben nicht nur die Angebote grösser, sondern auch die Erwartungen.

Es ist insbesondere den Künstlern zu wünschen, dass sie sich die Gelassenheit, die sie sich für den Umzug vorgenommen haben, in Zürich-West erhalten können. Denn wenn so viele Departemente am neuen Ort Synergien nutzen sollen, ist erst ein anstrengendes Zusammenraufen nötig. Es ist ihnen auch zu wünschen, dass durch Reibereien und Revierkämpfe nicht jene Freiräume verloren gehen, die für die Entfaltung von Kreativität so wichtig sind. Denn auch in der Kunsthochschule der Zukunft gilt, was Beethoven vor 200 Jahren schon gesagt hat: «Echte Kunst ist eigensinnig.»

Gleich gross wie die ETH

Es ist eine grossartige Wandlung, die das Toni-Areal durchgemacht hat. Und die Chancen stehen gut, dass nicht nur das Quartier, sondern auch die Hochschule davon profitiert. Bereits konnten international anerkannte Dozenten dazugewonnen werden. 2500 Studieninteressierte waren am letzten Infoanlass dabei, so viele wie noch nie. Dazu hat sich die Hochschule in ihrer Aufbruchstimmung auch eine neue Strategie verpasst. Flächendeckende Unterrichtsevaluation, neue internationale Partnerschaften, Förderung der Spitzenforschung.

Mit ETH und Universität ist Zürich schon lange eine exzellente Bildungsstadt. Nun liefert die Zürcher Fachhochschule mit dem Toni-Areal noch das Tüpfelchen aufs i. Mit ihm wird Zürich endgültig zu einer der ersten Adressen unter den europäischen Hochschulstandorten. Vor 15 Jahren wurde die Fachhochschule, zu der die Kunsthochschule gehört, noch von vielen belächelt. Heute zeigt sich, dass ihre praxisorientierten Studiengänge und die anwendungsorientierte Forschung das Zürcher Bildungsangebot aufwertet und vervollständigt. Wie gesucht das Angebot ist, zeigt sich an den Zahlen. Mit rund 18'000 Studierenden ist die Zürcher Fachhochschule praktisch gleich gross wie die ETH Zürich.

(Erstellt: 12.09.2014, 11:06 Uhr)

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Auf hohem Niveau

Thomas D. Meier, Rektor ZHDK

Der Kanton Zürich weiss um die Bedeutung der Bildung. Entsprechend investiert er in seine Hochschulen. Die ZHDK schätzt dieses Vertrauen und ist sich der damit verbundenen Erwartungen bewusst. Mit dem Toni-Areal wird die Fusion der ZHDK von 2007 physische Realität. Als international ausgerichtete Bildungs- und Forschungsinstitution für Künste, Design und Vermittlung zählt die ZHDK bereits heute zu den grossen Kunsthochschulen Europas. Doch erst der Zusammenzug von bisher 35 Standorten im Toni-Areal macht diese Grösse sichtbar. Die gute Infrastruktur erlaubt es, Ausbildungen auf hohem Niveau anzubieten. Der neue Campus wird die ZHDK und den Hochschulplatz Zürich verändern. Die neue Sichtbarkeit stärkt die Ausstrahlung der ZHDK. Mit öffentlichen Anlässen soll das Toni-Areal auch zu einem Anziehungspunkt für die Bevölkerung Zürichs werden.

Ein Leuchtturm für alle

Regine Aeppli, Bildungsdirektorin

Ich freue mich sehr: Mit der Eröffnung des Hochschulcampus Toni-Areal wird der Bildungsstandort Zürich noch besser sichtbar. Von dieser Prominenz profitieren die Studierenden und Dozierenden. Die Nachbarschaft von Kunst, Design, Psychologie und Sozialem ergibt neue Möglichkeiten, über Disziplinen hinweg Antworten auf künstlerische und gesellschaftliche Fragen zu finden. Damit erhält auch die für Zürich wichtige Kreativwirtschaft Schub und die Studierenden eine gute Ausgangslage für ihr Berufsleben. Der Campus im dynamischen Kreis 5 ist aber mehr als eine Hochschule: mit rund 600 öffentlichen Veranstaltungen pro Jahr soll er zum Treffpunkt für die ganze Bevölkerung werden, ein Leuchtturm in Züri-West! Ich danke allen sehr herzlich, welche die Erneuerung des Toni-Areals ermöglicht und realisiert haben und freue mich, dass sich das Haus jetzt mit «good spirits» und kreativen Ideen füllt.

Aufregender Ort

Jean-Marc Piveteau, Rektor ZHAW

Interdisziplinäre Lehre und Forschung sind aus dem Hochschulbetrieb nicht mehr wegzudenken. Mit dem Neben- und Miteinander von Sozialwissenschaften und Künsten wird der Campus Toni-Areal in dieser Hinsicht eine einmalige Stellung einnehmen. Bereits heute gibt es Berührungspunkte zwischen den zwei auf dem Campus vertretenen ZHAW-Departementen Soziale Arbeit und Angewandte Psychologie und der ZHDK. Dies beweisen gemeinsame Forschungsprojekte oder bestehende Angebote wie der CAS (Certificate of Advanced Studies) Soziokultur, den das Departement Soziale Arbeit in Kooperation mit der ZHDK anbietet. Denkbar wäre in Zukunft auch eine Zusammenarbeit in den Bereichen Fotografie, Film, Games und Medienkompetenz. Mit dem Campus Toni-Areal wird damit für die ZHAW ein neues Kapitel in Sachen Interdis­ziplinarität aufgeschlagen. Wir freuen uns, an diesem aufregenden Ort präsent zu sein.

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