Die Warhols von Gunter Sachs kommen nach Zürich

Sotheby’s zeigt einen Teil der legendären Kunstsammlung des verstorbenen Playboys. Die Bilder werden später in London versteigert.

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Gunter Sachs galt jahrzehntelang als der typische Playboy, der sein Vermögen geerbt hatte und sich gerne mit blonden Models und Stars umgab. Doch das Klischee trügt: Sachs, der sich im letzten Jahr das Leben genommen hat, war auch ein begabter Fotograf, Unternehmer – und vor allem leidenschaftlicher Kunstsammler.

Schon als junger Mann begann er, Bilder zu kaufen. Dabei bewies er Geschmack und Sachverstand. Andy Warhol beispielsweise lernte er in den frühen 60er-Jahren in St-Tropez kennen und schätzen. Zu dieser Zeit war der New Yorker in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Um das zu ändern, organisierte Sachs für seinen Freund in der eigenen Hamburger Galerie die erste grosse Warhol-Ausstellung in Europa.

Der Trick mit den Punkten

Dank Sachs erschien alles, was in der norddeutschen Szene Rang und Namen hatte, zur Vernissage. Nur kaufen wollte keiner. Allen schienen die Preise überrissen. Ein Warhol kostete um die 8000 bis 12'000 Mark, ein Vermögen für damalige Begriffe. Kein einziges Werk wurde verkauft. Das konnte und wollte sich Sachs nicht bieten lassen. Um seinen Freund Andy diese Schmach zu ersparen, klebte er in seiner Galerie auf einen Drittel der ausgestellten Bilder rote Punkte, ein Zeichen dafür, dass sie verkauft sind. Sachs tat so, als ob begeisterte Hamburger die Bilder erworben hätten, in Wirklichkeit hatte er die Warhols heimlich selber gekauft.

Gunter Sachs’ Aktion mit den roten Punkten gilt heute als einer der besten Kunstdeals aller Zeiten. Die heimlich gekauften Werke wurden nämlich zum Grundstock einer der grössten zeitgenössischen Kunstsammlungen Europas. Jetzt kommt ein Teil davon in London am 22. und 23. Mai unter den Hammer. Zwölf Bilder davon sind morgen und übermorgen in Zürich bei Sotheby’s zu besichtigen. Es sind vor allem Pop-Art-Meisterwerke von Warhol aus den späten 60er- und frühen 70er-Jahren. Sie hingen in Gunter Sachs legendärer Turmwohnung im St. Moritzer Palace-Hotel. Der Schätzwert von «Flowers» etwa liegt bei 4 Millionen Pfund und ist gleich hoch wie jener für das Porträt von Brigitte Bardot.Dazu kommen ein Selbstporträt des Künstlers sowie ein Porträt von Gunter Sachs aus dem Jahre 1972. Neben den Warhols sind in Zürich Werke von Roy Liechtenstein, Yves Klein, Jean Fautrier sowie der Surrealisten Max Ernst und René Magritte zu sehen.

29 Millionen Schätzwert

Die Bilder, die Sachs gesammelt hat, drücken ein Lebensgefühl aus. «Es zeigt die eher unbekannten Seiten eines visionären Mannes, der in den 50er- und 60er- Jahren sich für Kunst zu interessieren begann und auf die richtigen Namen setzte», sagt Cheyenne Westphal, Chefin für zeitgenössische Kunst beim Auktionshaus Sotheby’s. In Paris hat Sachs die «Neuen Realisten» entdeckt und Freundschaften mit Künstlern wie Yves Klein, César und Arman geknüpft. Aus diesen Begegnungen stammen die frühsten Werke der Sammlung. «Diese haben seine Leidenschaft für Kunst in den kommenden Jahrzehnten bestimmt», sagt Westphal. «Er unterstützte befreundete Künstler, erwarb Werke direkt bei ihnen und förderte deren Entwicklung durch private Aufträge und Ausstellungen.»

Was Sotheby’s zum Verkauf anbietet, ist eine Rarität: Eine ganze Sammlung zeitgenössischer Kunst und Objekte mit einem Schätzwert von rund 29 Millionen Franken. «Das ist einer der begehrtesten Nachlässe, die jemals auf den Markt gekommen sind», sagt Cheyenne Westphal. Wie wichtig die Bilder sind, wird allein schon daraus ersichtlich, dass das Auktionshaus die Highlights auf eine Europatournee schickt. Paris, Zürich, München, New York und London heissen die Stationen. «Zürich ist eine Kunststadt», betont Westphal. «Für uns als Auktionshaus ist sie besonders interessant, weil hier viele und sehr aktive Sammler anzutreffen sind.»

Schleier wird in London gelüftet

Der Schleier darüber, was alles unter den Hammer kommt, wird aber erst in London gelüftet. Dort wird der Ausstellungskatalog mit den 300 Werken erhältlich sein. Neben Pop-Art und den Neuen Realisten werden auch Fotografien angeboten. Zum Beispiel von Richard Avedon, der für seine Porträts, etwa von Marilyn Monroe oder Henry Kissinger, berühmt ist. Zum Nachlass gehören zudem Möbel, Objekte sowie Gunter Sachs Motorboot aus dem Jahr 1962. Sotheby’s wird die Sammlung als Einzelwerke verkaufen.

Für seinen Sohn Rolf Sachs ist der Verkauf eine emotionale Sache: «Gewisse Bilder kenne ich seit meiner Kindheit. Doch die meisten, die nun veräussert werden, schlummerten jahrlang in Lagern. Kunst ist nicht für Lagerhallen bestimmt, sondern um darin zu leben.» Das gilt auch für den grössten Teil der Sammlung von Gunter Sachs. Er bleibt in Familienbesitz.

Erstellt: 18.04.2012, 11:57 Uhr

Infobox

Sotheby’s Zürich, Talstrasse 83. Die Ausstellung ist am 18. und 19. April geöffnet, jeweils von 10 bis 18 Uhr.

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