Die Welt drängt nach Zürich

Ein wachsender Teil der Stadt ist nur noch Gutverdienenden vorbehalten. Dies ist die Kehrseite davon, dass Zürich zur globalen Stadt avanciert ist.

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Wohnungen in der Stadt Zürich sind praktisch immer knapp, wenn aber die Wirtschaft wie bis jetzt auf Hochtouren läuft, werden sie noch knapper. Das ist eine eiserne Gesetzmässigkeit und lässt sich bis zum 2. Weltkrieg zurückverfolgen. Die Leute haben Geld, sie breiten sich aus und nehmen, wenn es sein muss, auch noch das schäbigste Loch.

Auch in dieser Hochkonjunktur ist das Kontingent leer stehender Wohnungen auf ein winziges Dörfchen zusammengeschrumpft: Am 1. Juni standen gerade einmal 57 der 206'000 Wohnungen leer, das sind 0,03 Prozent. Dabei handelt es sich nur um Wohnungen, die nicht nahtlos vermietet werden konnten – frei wurden viel mehr. Für Wohnungssuchende ist diese Ziffer aber ein nützlicher Indikator dafür, wie aufwendig ihr Vorhaben wird – fällt sie unter 0,5 Prozent, wird die Suche für durchschnittlich Bemittelte zu einem Teilzeitjob.

Die heutige Wohnungsknappheit aber ist anders als die vorhergehenden. Diesmal trocknen nicht nur die Folgen der guten Konjunktur den Markt aus und der wachsende Flächenkonsum der Bevölkerung, sondern auch die schiere Zahl der Nachfrager: Seit 1997 wächst die BevölkerungZürich wieder und zählt heute 20'000 Personen mehr als damals (359'000) – vom Effekt her ist dies, als wäre die Stadt Wetzikon nach Zürich gezogen. Und hätte es in der Stadt noch Platz, wären es noch viel mehr – nach der Stadtflucht in den 80er- und 90er-Jahren drängt nun wieder alles in die attraktiv gewordenen Grossstädte zurück. So waren auch die 11'000 zusätzlichen Wohnungen sofort belegt.

Schweizer ziehen in Aussenquartiere

Heute stehen die Zürcherinnen und Zürcher bei der Wohnungssuche nicht nur mehr Konkurrenten gegenüber, sondern auch stärkeren; unter den Zuzügern finden sich sehr viele Hochqualifizierte mit entsprechend gutem Verdienst. Und wenn ihnen der Arbeitgeber auch noch die Miete bezahlt, dann können Normalverdiener ohnehin einpacken. Das zeigt sich exemplarisch in den Kreisen 8 (Seefeld, Mühlebach, Weinegg) und 7 (Zürichberg), wo die begehrtesten Wohnquartiere liegen: Nur hier sind in der ersten Hälfte dieses Jahres mehr Schweizer weg- als zugezogen, wie noch unveröffentlichte Zahlen von Statistik Stadt Zürich zeigen. Nachgerückt sind hauptsächlich Zuzüger aus Deutschland und Amerika. Die Schweizer indessen sind in weniger zentrale Quartiere ausgewichen, vor allem in die Kreise 11 (Oerlikon, Seebach, Affoltern), 3 (Wiedikon) und 9 (Albisrieden, Altstetten). Lange Zeit waren die Quartiere am Zürichberg die einzigen in der Stadt, die praktisch den Wohlhabenden vorbehalten waren. Nun aber weitet sich der Zürichberg immer mehr aus, er kommt in die Stadt herunter, verleibt sich die Altstadt ein, das Seefeld und immer mehr zentrale Quartiere.

Für die Zürcher Seele, die sehr auf Gleichheit und Gerechtigkeit bedacht ist, ist es schmerzhaft zu sehen, dass ein wachsender Teil der Stadt nur noch Gutverdienenden vorbehalten ist. Aber dies ist die Kehrseite davon, dass Zürich nun tatsächlich zur Global City avanciert ist, zu einer Stadt mit starkem Finanzmarkt sowie vielen international operierenden Firmen und Niederlassungen, welche auf die Weltwirtschaft Einfluss nehmen. Lange kokettierte Zürich damit, eine Stadt von Weltrang zu sein und nannte sich «Little big City» oder «Downtown Zurich». Nun ist sie es und muss Wege finden, um die negativen Begleiterscheinungen zu mildern.

Dabei darf man nicht vergessen, dass auch diese Migration ihre guten Seiten hat. Die hochqualifizierten Zuwanderer aus dem Ausland belegen nicht nur «unsere» Wohnungen, sie halten auch die Wirtschaft am Laufen. Sie haben massgeblich dazu beigetragen, dass sich ansässige Firmen weiterentwickeln und lukrative Aufträge annehmen konnten und dass weitere Unternehmen hierhergezogen sind – erst vor wenigen Tagen kündete Walt Disney an, dass das Unternehmen mit der ETH Zürich zusammenarbeiten werde. Weitere Prominente Zugänge sind Google, Microsoft oder IBM.

Ausländer spülen Geld in Stadtkasse

Zudem geben die Hochqualifizierten ihren guten Lohn auch wieder aus, fürs Auswärtsessen, für Kleider, Möbel – oder für Steuern. Lange setzte der Zürcher Stadtrat auf Familien, um die Steuereinnahmen nachhaltig zu erhöhen. Jetzt spülten die Abgaben der ausländischen Arbeitskräfte so viel Geld in die Stadtkasse, dass selbst der Finanzvorstand davon überrascht wurde: 123 Millionen Franken nahm die Stadt vergangenes Jahr an Quellensteuern ein, das ist mehr als ein Zehntel dessen, was alle übrigen natürlichen Personen zusammen zahlten. 1997 waren es noch 58 Millionen.

Stadtrat und Parlament müssen deshalb dafür sorgen, dass in Zürich Hochqualifizierte ebenso angemessene Wohnungen finden wie Personen, die weniger Geld verdienen. Zwar verfügt die Stadt über den höchsten Anteil gemeinnütziger Wohnungen; jede vierte gehört dazu. Wie die aktuelle Entwicklung zeigt, ist dies aber auch bei keiner anderen Schweizer Stadt notwendiger als in Zürich.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.08.2008, 10:00 Uhr

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