«Die Wohnungsknappheit ist die Kehrseite der Attraktivität Zürichs»

Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) zweifelt daran, dass sich – wie in Zug – Sonderzonen für den Mittelstand schaffen lassen. Er setzt auf die Kostenmiete und den gemeinnützigen Wohnungsbau.

«Zürich befindet sich in einer einzigartigen Position»: André Odermatt.

«Zürich befindet sich in einer einzigartigen Position»: André Odermatt. Bild: Sabina Bobst

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Zug will die Tendenz stoppen, dass Bauland und Wohnraum zunehmend von reichen Zuwanderern besetzt werden. Wie gross ist dieses Problem in Zürich?
Zürich hat einen Anteil an gemeinnützigem Wohnungsbau von stolzen 25 Prozent, in Zug sind es etwas über 5 Prozent. Das sind ganz andere Voraussetzungen. Zug hat beim gemeinnützigen Wohnungsbau – ich erlaube mir, dies freundnachbarschaftlich zu sagen – einen Nachholbedarf.

Halten Sie die Klagen wegen überteuerter Wohnungen in Zürich demnach für übertrieben?
Ich habe viel Verständnis für die Bevölkerung in Quartieren wie dem Seefeld oder Wollishofen, wo derzeit Neubauprojekte mit Wohnungen im gehobenen Preissegment verwirklicht werden. Wir dürfen darüber aber nicht vergessen: Die Stadt Zürich befindet sich dank ihrem hohen Anteil gemeinnütziger Wohnungen in einer landesweit einzigartigen Position. Darauf müssen wir aufbauen.

Die SVP macht die Personenfreizügigkeit für die angespannte Lage auf dem Zürcher Wohnungsmarkt verantwortlich. Teilen Sie diese Einschätzung?
Nein. Die Menschen, die aus dem Ausland zum Arbeiten nach Zürich kommen, leisten einen grossen Beitrag an die Wertschöpfung Zürichs und tragen somit zum Erfolg unserer Stadt bei. Andere Städte würden sich freuen, wenn sie so viel Gutqualifizierte wie Zürich anziehen könnten. Und wenn wir beim Thema bleiben: Diese Menschen ziehen nicht in gemeinnützige Wohnungen ein. Aber sie sind einer der Faktoren auf der Nachfrageseite des Wohnungsmarkts. Grundsätzlich ist die Wohnungsknappheit die Kehrseite der Attraktivität Zürichs. Aber die Vorteile der Personenfreizügigkeit überwiegen die Nachteile bei weitem, besonders für den Wirtschaftsstandort Zürich.

Zug legt Sonderzonen für günstigen Wohnraum fest. Was halten Sie davon?
Für alle Städte ist es wichtig, eine gute soziale und kulturelle Durchmischung zu wahren. Weil die Zuger einen Nachholbedarf haben, werte ich das sogenannte Zuger Modell als positives Zeichen.

Wird Zürich dem Beispiel Zugs folgen?
Das geht nicht so einfach, denn es gibt einen entscheidenden Unterschied: Der Kanton Zug hat die gesetzlichen Grundlagen für solche Sonderzonen geschaffen, im Kanton Zürich fehlen die entsprechenden Bestimmungen. Aus städtischer Sicht würde ich es begrüssen, wenn die Gemeinden einen gesetzlich festgelegten Gestaltungsspielraum bekommen würden.

Wo sehen Sie Möglichkeiten?
Das kann über die aktuelle Revision des Raumplanungsgesetzes oder auf kantonaler Ebene im Planungs- und Baugesetz passieren. Die aktuelle Diskussion zeigt: Wir brauchen auf kommunaler Ebene Instrumente, um planerisch eingreifen zu können. Diesen Ansatz verfolgt auch meine Partei, die SP, mit ihrer kantonalen Volksinitiative «Für mehr bezahlbaren Wohnraum»: Sie will es den Gemeinden ermöglichen, einen Anteil an preisgünstigem Wohn- und Gewerberaum vorzuschreiben.

Wie gross ist in Zürich das Potenzial für Sonderzonen?
Selbst wenn wir die gesetzlichen Grundlagen hätten: In Zürich besteht praktisch kein Potenzial mehr für Einzonungen wie in Zug, weil es in der Stadt keine freien Flächen mehr gibt. Die raumplanerischen Weichen hätte die Politik vor 20 Jahren stellen müssen, um sich genügend Flächen für gemeinnützigen Wohnungsbau zu sichern, etwa in Zürich-Nord oder Zürich-West. Aus heutiger Sicht muss man leider sagen: Es wurde damals eine Chance verpasst. In Zürich müssen wir nun im bestehenden Bestand bauen; das ist viel schwieriger.

Die Mietzinsen in den Zuger Sonderzonen sind nach oben begrenzt: Eine 3-Zimmer-Wohnung etwa darf nicht mehr als 1875 Franken kosten. Was halten Sie von solchen staatlichen Eingriffen in den Markt?
Solch starre Grenzen mögen für Zug momentan der richtige Weg sein und ein Zeichen setzen. Sie bedürfen jedoch einer ständigen Überprüfung, was entsprechend aufwendig ist. Sinnvoller ist meiner Ansicht nach der Grundsatz der Kostenmiete, den es gesetzlich zu verbriefen gilt. Die Genossenschaften und viele Stiftungen in der Stadt Zürich müssen ihn heute schon befolgen: Die Miete deckt sämtliche Kosten, die anfallen, auch die Kosten für das Kapital. Privaten könnte man zudem eine faire Rendite zugestehen.

Wie liesse sich bei privaten Bauherren sicherstellen, dass auch wirklich Menschen mit kleinerem Portemonnaie solche günstigen Wohnungen erhalten?
Die Privaten können sich am bewährten Modell der Genossenschaften orientieren. Die Vergabepraxis ist beispielsweise an die Höhe der Löhne geknüpft oder an die Belegungszahl.

Wie wollen Sie die Privaten dafür gewinnen?
Über Anreize, zum Beispiel höhere Ausnutzung. Im Rahmen des Legislaturschwerpunkts «Stadt und Quartiere gemeinsam gestalten» lasse ich die Revision der städtischen Bau- und Zonenordnung prüfen. Ich habe den Auftrag gegeben, in diesem Prozess auszuloten, mit welchen Mitteln sich der gemeinnützige Wohnungsbau fördern lässt.

Zug schafft solche Anreize. In den Sonderzonen sind mindestens 50 Prozent der Geschossflächen für preisgünstige Wohnungen reserviert, den Bauherren winkt ein Ausnützungszuschlag von 10 Prozent. Genügt dies als Anreiz?
Das wird sich zeigen. Ideal wäre es, wenn Grundeigentümer bei grossen Bauvorhaben einen Teil des Planungsgewinnes investieren würden, um günstige Wohnungen zu schaffen. Eine gesetzliche Grundlage dafür fehlt im Kanton Zürich allerdings, was ich bedaure. Solche Investitionen kommen heute erst auf der Grundlage von Verhandlungen zustande. Die SBB etwa haben sich zum Beispiel verpflichtet, auf einem Teil ihres Areals zwischen der Hohlstrasse und den Gleisen in Altstetten Genossenschaftswohnungen zu errichten.

Sie müssen ein Wahlversprechen einlösen: den Anteil gemeinnütziger Wohnungen in der Stadt Zürich von 25 Prozent auf mindestens ein Drittel zu erhöhen. Schaffen Sie es bis 2020?
Meine Prognose: Der Anteil wird über 25 Prozent, aber unter 30 liegen.

Das wird Ihre Partei, die SP der Stadt Zürich, aber nicht zufrieden-stellen. Sie fordert eine Erhöhung auf mindestens ein Drittel, der Stadtrat will den Anteil auf dem heutigen Niveau belassen.
Das stimmt so nicht. Der Stadtrat hat in seinem Positionspapier deutlich gesagt, der Anteil müsse mindestens 25 Prozent betragen. Wenn es mehr wird, freut mich das natürlich. Doch wir müssen realistisch bleiben: Es ist schon eine grosse Herausforderung, diesen grossen Anteil von einem Viertel zu halten, denn der Wohnungsbau boomt in Zürich. Die Stadt ist attraktiv, zieht viele Menschen an. Das ist grundsätzlich positiv.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.12.2010, 21:16 Uhr

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