Die Zeitkapsel im Zukunftsprojekt

150 Jahre lang prägten Industriebauten die Manegg. Heute erinnert nur noch ein Fabrikgebäude daran. Rundum entsteht mit Greencity ein Vorzeigeprojekt der 2000-Watt-Gesellschaft.

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Sie stand schon immer etwas quer in der Landschaft, die Fabrik der Spinnerei Wollishofen. Der 20 Meter hohe Bau inmitten von Weiden, Obstbaumreihen und Gärten war weit herum zu sehen. 144 Fenster liessen das Tageslicht in die Produktionsräume hinein. Damals, Anfang der 1860er-Jahre, galt der sechsschiffige Zweckbau bei Zürich-Leimbach als grösstes Fabrikgebäude des Kantons.

Mehrmals wurde das Bauwerk umgenutzt, das ursprünglich auf ein Weizenhaus aus dem Jahr 1857 zurückgeht. 1861 befand sich darin die Keramikfabrik Schellerschen Tonmühle, bevor sie 1875 zur Spinnerei ausgebaut wurde. 1904 musste das Textilunternehmen aufgrund einer Krise seinen Standort in der Manegg aufgeben. Die 1836 von Zürcher Industriellen und Bankiers gegründete AG Papierfabrik an der Sihl kaufte das stattliche Bauwerk. Während rund 70 Jahren nutzte sie es zur Papierproduktion. Bis zu 500 Personen arbeiteten zur Blütezeit dort im Schichtbetrieb.

Korsett aus Metall

Erst Mitte der 70er-Jahre verlor die Fabrik ihre Funktion und diente danach nur noch als Warenlager. 2007 gab die Sihl-Papierfabrik ihre Produktion ganz auf. Noch im selben Jahr erklärte der Zürcher Stadtrat das Spinnereigebäude für schutzwürdig. Dem einsturzgefährdeten Haus wurde ein Korsett aus Metallstützen angelegt. Fast acht Jahre lang verharrte es so zwischen den anderen Industriegebäuden. Dann startete 2015 der Bau von Greencity – und damit wurde die Spinnerei wieder zum Solitär.

Während alle Häuser auf dem acht Hektaren grossen Areal der ehemaligen Sihl-Papierfabrik dem Erdboden gleichgemacht wurden, ragt die Spinnerei noch immer in die Höhe. Allerdings ist auch vom denkmalgeschützten Gebäude nur noch die Hülle übrig geblieben. Im Innern des entkernten Torsos entstehen bald moderne Lofts.

Stand wieder allein auf dem Areal: Die Spinnerei während der Abrissarbeiten 2015. Foto: Doris Fanconi

Das erste 2000-Watt-Areal der Schweiz

Greencity ist das erste zertifizierte 2000-Watt-Areal der Schweiz. Das vom Trägerverein Energiestadt vergebene Zertifikat zeichnet Überbauungen aus, die einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen für den Bau und den Betrieb der Gebäude nachweisen können und über ein umweltverträgliches Mobilitätskonzept verfügen.

In Greencity heisst das konkret, dass den rund 2000 Einwohnern und 3000 Arbeitnehmern, die dort nach Abschluss der Bauarbeiten im Jahr 2020 ein und aus gehen werden, neben eigener S-Bahn- und Bushaltestellen auch zwei Carsharing-Stationen zur Verfügung stehen. 10 Prozent der gut 600 Parkplätze auf dem Areal sind für Elektrofahrzeuge reserviert, für Fahrräder gibt es 3500 Abstellplätze und eigene Velowege im Quartier.

Infografik: Das Energiekonzept von Greencity Grafik vergrössern

Totalunternehmer Losinger Marazzi, der gemeinsam mit der Stadt Zürich den Gestaltungsplan für das Areal entwickelte und nun das Projekt umsetzt, erstellt sämtliche Wohnbauten – selbst die Spinnerei mit ihren Natursteinmauern – nach Minergiestandards. Zur Stromerzeugung baut das Unternehmen Fotovoltaik-Anlagen auf den Dächern. 20 Prozent des Stromverbrauchs kann so gedeckt werden. Die übrigen 80 Prozent kauft die Bauherrin aus erneuerbaren Energiequellen dazu.

Energievertrag mit EWZ

Für die Kälte- und Wärmeversorgung von Greencity ist das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) zuständig. Es übernimmt sowohl Planung als auch Bau, Finanzierung und Betrieb der Anlagen. Losinger Marazzi hat mit dem städtischen Unternehmen ein entsprechendes Energie-Contracting abgeschlossen. Der Stadtrat hat hierzu vor drei Jahren Ausgaben von 18,45 Millionen Franken bewilligt.

Das EWZ erstellt auf dem Dach eines Gebäudes in der Mitte des neuen Quartiers eine Rückwärmeanlage. Herzstück sind drei Ammoniak-Wärmepumpen, die über eine zentrale Grundwasserfassung und 140 Erdwärmesonden Energie gewinnen und Heizungs-, Warmwasser- und Kühlsysteme versorgen. Braucht es im Winter etwas mehr Wärme, stehen zusätzliche Biogas-Heizkessel zur Verfügung. Dank dieser umweltfreundlichen Energieversorgung lassen sich gemäss Angaben des EWZ pro Jahr 1800 Tonnen CO2 einsparen, was rund 37 Tanklastwagen Öl entspricht.

Zwei separate Netze leiten Wärme und Kälte in die verschiedenen Gebäude: Das Kältenetz mit einer Temperatur von rund 12 Grad kühlt Büros und Hotelräume, das Wärmenetz mit 37 Grad Betriebstemperatur speist die Bodenheizungen und die dezentralen Wärmepumpen für das Wasser. Die Abwärme aus Bürogebäuden leitet das System wiederum ins Erdsondenfeld zurück und speichert sie dort. Überschüssige Wärme aus Wohnräumen führt es über die Bodenheizungen ab und nutzt sie zur Warmwasseraufbereitung. Wie hoch der persönliche Energieverbrauch ist, können die künftigen Bewohner übrigens mit einer Greencity-App überprüfen und mit dem Quartierdurchschnitt vergleichen.

150-jähriges Wasserkraftwerk

Wasser fürs hauseigene Kraftwerk: Der Oberwasserkanal bleibt – aber nicht mehr als Energielieferant. Archivbild: ZVG

Damit schliesst die ökologische Energieversorgung von Greencity an das System der alten Spinnerei an. Das Fabrikgebäude verfügte über ein eigenes Wasserkraftwerk, das früher Strom für die Produktion lieferte. Vorgesehen war, das Kraftwerk auch weiterhin zur Energiegewinnung fürs Quartier zu nutzen. Doch der Kanton Zürich erneuerte die 150-jährige Konzession für das Kraftwerk nicht. Das eidgenössische Gewässerschutzgesetz verlange eine Revitalisierung der Sihl mit mehr Wasser im Abschnitt Manegg, lautet die Begründung. Für ein Greencity-Kraftwerk darf deshalb kein Wasser mehr aus der Sihl abgezweigt werden.

Anders als weitere ehemalige Fabrikkanäle im Tal, die in den 1980er-Jahren zugeschüttet wurden, soll der zur Spinnerei führende Oberwasserkanal aber erhalten bleiben. Mit diesem Ensemble bleibt ein Teil der Industriegeschichte des Areals wie eine kleine Zeitkapsel im Zentrum des Quartiers bestehen, während alles rund um das Fabrikgebäude rasant in eine nachhaltige Zukunft katapultiert wird.

Die Historie des denkmalgeschützten Baus mit seinem kleinen Kraftwerk passt perfekt zum 2000-Watt-Vorzeigeprojekt – selbst wenn der Kanton den Stecker gezogen hat. Die Spinnerei ist ein würdiges Herzstück von Greencity.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2017, 14:29 Uhr

Infografik

Wo Greencity entsteht: Zum Vergrössern bitte anklicken. (Bild: Grafik: Michael Rüegg/TA)

Greencity und die Manegg

Serie in drei Teilen

Die Manegg zählt zu den bedeutendsten Planungsgebieten der Stadt Zürich. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt in einer dreiteiligen Serie, was hinter dem Entlisberg derzeit geschieht und was in naher Zukunft geplant ist.


  • Teil 1: Ein Stadtteil entsteht

  • Teil 2: Die Zeitkapsel im Zukunftsprojekt – Von der Industriezone zum 2000-Watt-Areal

  • Teil 3: Die andere Seite – was jenseits der Geleise geschieht

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