Die Zigarettenreklame aus glücklicheren Rauchertagen

An einer Hausfassade am Sihlquai prangt noch immer der Schriftzug einer einstigen Zigarettenfabrik. Das Werberelikt von 1945 gilt als wichtiger Zeitzeuge, doch schützen will ihn die Stadt nicht.

Im Besitz des Kantons: Haus mit dem Glimmstängel-Logo im Kreis 5.

Im Besitz des Kantons: Haus mit dem Glimmstängel-Logo im Kreis 5. Bild: Doris Fanconi

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Am 13. Februar entscheiden die Stimmberechtigten über den 120-Meter-Siloturm des Mühlebetriebs Swissmill, der neben MAN Turbo der letzte verbliebene Produktionsbetrieb im Zürcher Industriequartier ist. Dass es früher am Sihlquai weit mehr Industriebetriebe gab, zeigt ein bemerkenswerter Schriftzug nur wenige Meter neben der Swissmill. «Cigarettenfabrik Sullana» steht in altertümlicher Schrift an der Fassade des Hauses Sihlquai 268. Die Reklame stammt aus dem Jahr 1945, wie es beim Amt für Städtebau heisst.

«Sie kratzt nicht»

Die Sullana AG, vormals Beer & Cie., zog 1922 von ihrer alten Fabrik an der Badenerstrasse in den Neubau am Sihlquai. «Diese alteingesessene Zürcher Firma verpflanzte die hohe Kultur der orientalischen Zigarettenfabrikation nach der Schweiz und entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem führenden Unternehmen der einheimischen Zigarettenindustrie», heisst es im Sonderheft «Neu-Zürich in Wort und Bild» aus dem Jahr 1940.

Die Zigarettenfabrik biete «zahlreichen Schweizerfamilien seit zwei Generationen Arbeit und Verdienst». Sullana-Zigaretten vom Sihlquai erfreuten sich in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts grosser Beliebtheit: «Die meistgerauchte 1-Fr.-Zigarette in der ganzen Schweiz», lautete der Werbespruch in den 30er-Jahren. Und: «Sie kratzt nicht, das ist ihr Geheimnis.»

Wie lange Sullana in Zürich produzierte, lässt sich nicht mehr genau eruieren. Laut Stadtarchiv existierte die Zigarettenfabrik Sullana AG mindestens bis Ende der 60er-Jahre am Sihlquai. 1966 gründete die Firma auch eine Produktionsstätte in Wetzikon, wo sie bis 1997 blieb.

Historisch bedeutsam

Nach dem Auszug der Sullana am Sihlquai zog dort die Firma Restomat ein, die Zigaretten- und Musikautomaten vertrieb. Heute ist im Gebäude ein Designstudio eingemietet.

Das Reklamerelikt an der Fassade gilt als historisch bedeutsam, wie Bernard Liechti, Leiter Reklameanlagen im Amt für Städtebau, sagt. Es handle sich um eine der letzten Fassadenreklamen aus dieser Zeit und um einen wichtigen Zeugen der industriellen Vergangenheit des Sihlquais. Bis vor wenigen Jahren prangte der Sullana-Schriftzug auch noch auf der anderen Hausseite, dann musste er einer Megaposter-Werbefläche weichen. Auch der Zürcher Typografie-Experte François Baer hält den Schriftzug für bemerkenswert: «Stilecht, sehr elegant, deshalb hat man ihn wohl auch nie übermalt.» Baer weist darauf hin, dass in Onlineauktionshäusern wie Ebay Sullana-Zigarettenschachteln hoch gehandelt werden.

Zukunft des Hauses ungewiss

Doch anders als beim Schriftzug am Ober-Gebäude an der Sihlporte oder bei der Corso-Leuchtreklame am Bellevue steht eine Unterschutzstellung in diesem Fall «derzeit nicht zur Diskussion», wie Bernard Liechti sagt. Rechtlich wäre es zwar möglich, den Schriftzug unter Schutz zu stellen. Aber in diesem Fall sei dies nicht zweckmässig: «Das Thema der historisch wertvollen Reklameanlagen müsste eher in einem übergeordneten Kontext angegangen werden.» Allenfalls werde das Thema im vorliegenden Fall bei einem Umbau des Hauses wieder neu diskutiert.

Auch beim Hausbesitzer, dem Kanton Zürich, ist eine Unterschutzstellung kein Thema, wie Albert Villiger vom kantonalen Immobilienamt sagt. Der Kanton hatte das Haus im Auftrag des Bundes in den 60er-Jahren gekauft, weil dort ein Arm der Stadtautobahn («Ypsilon») geplant war. Die Zukunft des Hauses ist laut Villiger offen. Ein Verkauf stehe zurzeit nicht im Vordergrund. In den nächsten paar Jahren werde noch nichts passieren. So lange bleibt auch der Schriftzug noch erhalten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2011, 23:51 Uhr

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