Die Zürcher Hooligan-Jäger

Ganz bewusst hat die Zürcher Staatsanwaltschaft die Diskussion über Fangewalt angeheizt. Dahinter steckt die sogenannte Krawallgruppe.

Hier wütet ein Mob in der Nähe des Prime Tower. Video: Stadtpolizei Zürich

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Staatsanwalt Edwin Lüscher steckt in einem Polizeiwagen im Stau fest. Aus dem Funk schallen die neusten Meldungen: «GC-Mob rennt Ende Hardturm-Brache», «Verstanden», «FCZ-Mob rennt Richtung Haltestelle Tüffenwies». Lüscher bespricht das Gehörte mit zwei zivilen Polizisten, die ebenfalls mit ihm im Einsatzwagen sitzen: «Es ist eigentlich noch nichts, oder? Sie secklen einfach umher.»

Im vergangenen Herbst konnte ein SRF-Team erstmals Lüscher an einem Fussballderby-Tag in Zürich begleiten. Edwin Lüscher leitet die sogenannte Krawallgruppe der Zürcher Staatsanwaltschaft, jene Gruppe, die sich dazu entschieden hat, am Donnerstag die Diskussion um die Fangewalt in Zürich anzuheizen. Sie publizierte zusammen mit der Stadtpolizei ein Video, das einen Angriff von vermummten FCZ-Anhängern auf GC-Fans zeigt, die sich beim Prime Tower im Stadtkreis 5 besammelt haben. Auf den Aufnahmen sieht man rohe Gewalt. Fusstritte gegen den Kopf – selbst wenn die Opfer bewegungslos am Boden liegen.

Bärenkopf an der Wand

Die Krawallgruppe existiert seit 2012. Die Oberstaatsanwaltschaft hat sie im Einvernehmen mit den drei Polizeikorps und der Oberjugendanwaltschaft ins Leben gerufen. Seither kümmert sie sich um Fälle von Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen und «bei grösseren Fällen der Störung von Ruhe und Ordnung auf dem Gebiet der Stadt Zürich». Anders formuliert: Fliegen Steine und Fäuste, arten Demonstrationen aus, prügeln sich Fans oder werden Häuser besetzt, dann kommt die Krawallgruppe zum Zug. Bei Risikospielen und Demonstrationen sind die Staatsanwälte direkt vor Ort und machen sich ein eigenes Bild.

Leitet die Krawallgruppe: Staatsanwalt Edwin Lüscher. Bild: Keystone (2014)

Lüscher ist der Kopf der Krawallgruppe, sozusagen der Hooligan-Jäger Zürichs. Seit 1990 ist er bei der Staatsanwaltschaft. Die 80er-Unruhen hat er als Auditor beim Gericht miterlebt. In der Fanszene und linken Kreisen ist er berüchtigt, gilt als hart in der Sache. Für einen jungen Mann forderte er eine unbedingte achtmonatige Freiheitsstrafe, weil er Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) auf dem besetzten Binz-Areal geschubst haben soll. Die WOZ titelte 2016: «Das Gesetz ist hart, die Krawallgruppe ist härter». Darin beschreibt die Zeitung auch Lüschers Büro: «Zwischen eisernen Panzermodellen und Soldatenhelmen prangt ein ausgestopfter Bärenkopf an der Wand, der eine Polizeimütze trägt und dem eine Polizeimarke zwischen den Zähnen steckt.»

Lüscher auch schon bedroht

Zurück beim Letzigrund, wo Lüscher begleitet vom SRF das Treiben vor dem Spiel beobachtet. Eine dunkel gekleidete Masse GC-Fans schiebt sich über die Duttweilerbrücke in Richtung Letzigrund Stadion. «Es ist schon eine Wand», sagt er. Eingreifen muss er nicht. Er begibt sich ins Stadion, bevor die Fans eintreffen und ihn erspähen. Angst habe er erst einmal gehabt, sagt er im SRF-Interview, da sei er im Letzigrund Stadion bedroht worden. Er sei zu nah an die Fans heran, sagt er.

Die Strafverfolgungsbehörden versprechen sich von der Krawallgruppe eine Professionalisierung. Arbeiten immer die gleichen Staatsanwälte mit den gleichen Polizisten zusammen, vereinfacht das die Kommunikation. «Früher war es so, dass der Staatsanwalt, der gerade Pikett hatte, den Fall beurteilte», sagte Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich, ins SRF-Mikrofon. Jetzt seien Spezialisten am Werk. Das schaffe Rechtssicherheit, und Staatsanwälte und Polizisten würden das Gleiche sehen. Das vereinfache es, Entscheidungen zu treffen, sagte Cortesi.

Der Staatsanwalt nimmt direkt auf die Polizeiarbeit Einfluss. Er weist vor Ort zum Teil Polizisten an, auf die Beweissicherung zu achten, und sagt, was sie filmen oder worauf sie den Fokus legen sollen. Gleichzeitig beantwortet der Krawall-Staatsanwalt auch Fragen der Polizisten: Sollen Angehaltene nach der Befragung entlassen werden oder der Staatsanwaltschaft zugeführt werden?

Dass die Polizei wie gestern im Auftrag der Krawallgruppe mit einem solchen Gewaltvideo nach Zeugen sucht, ist neu. Zwar hat sie schon früher Aufnahmen von Ausschreitungen online gestellt, aber immer im Zusammenhang mit der Fahndung nach Einzelpersonen. Die Strafverfolgungsbehörden sagen, sie hofften dadurch bei den Ermittlungen einen Schritt weiter zu kommen. Sie haben die Bilder, sie sehen die Taten, doch ihnen fehlen Gesichter, Namen, Täter. Die Ultras schweigen, Strafanzeigen von verletzten Personen gibt es keine. Seit der Veröffentlichung des Videos seien einzelne Hinweise bei der Stadtpolizei eingegangen, denen sie nun nachgehen, sagt Marco Bisa, Sprecher bei der Stadtpolizei Zürich heute Freitag.

Kritik an Krawallgruppe

Anwälte haben in der Vergangenheit die Zürcher Krawallgruppe kritisiert, weil die Weisungen, welche die Staatsanwaltschaft habe, nicht transparent seien und dass es zu einer harten, zynischen Professionalisierung bei den Staatsanwälten kommen könne, wenn sie immer mit den gleichen Fällen zu tun hätten. Zudem arbeiten Lüscher und seine Truppe in einem politischen Bereich. Da bestehe die Gefahr, dass sie selbst politisch würden.

Die Krawallgruppe um Edwin Lüscher wirbelt nun die politische Diskussion um Fangewalt auf: Nach der Veröffentlichung des Videos sagte Lüscher in verschiedenen Interviews, dass ein gewünschter Nebeneffekt der Publikation sei, eine Diskussion über die Fangewalt zu entfachen. Wenn es so weitergehe, würde es bald einmal einen Toten geben. Die für die Staatsanwaltschaft zuständige Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) sieht kein Problem darin, dass sich die Staatsanwaltschaft so aktiv einbringt. Das Video habe einen präventiven Charakter. (sip)

Erstellt: 23.03.2018, 13:20 Uhr

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